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Alles bleibt wie es ist: Die Jahrs bleiben Gruner + Jahr treu – Bertelsmann scheitert mit der kompletten G+J-Übernahme



„Bertelsmann und die Jahr Holding sind im Verlaufe ihrer Gespräche über die künftige Ausrichtung von Gruner + Jahr einvernehmlich zu der Entscheidung gelangt, dass sie Europas größtes Zeitschriftenverlagshaus auch in Zukunft gemeinsam weiterentwickeln werden. Die Anteilsverhältnisse an der Gruner + Jahr AG & Co KG bleiben unverändert.“ Also 74,9 Prozent für den Mehrheitsgesellschafter Bertelsmann und 25,1 für den Clan von John Jahr senior (1900-1991), der 1965 den Verlag gemeinsam mit Dr. Gerd Bucerius (1906-1995) und Richard Gruner (1925-1911) gegründet und aufgebaut hatte. Bei der Jahr-Beteiligung handelt es sich allerdings nicht um eine klassische Sperrminorität wie etwa bei den 25,5 Prozent, die G+J an der Spiegel-Holding Rudolf Augstein GmbH hält, denn im Aufsichtsrat und in der Hauptversammlung von G+J wird jeweils „mit einfacher Mehrheit“ abgestimmt.

Im Hintergrund der überraschenden „Nicht“-Meldung: Das „Manager Magazin“

Zum Hintergrund der für viele Beobachter der Medienszene überraschenden „Nicht“-Meldung: Das „Manager Magazin“ berichtete in seiner September-Ausgabe, dass Bertelsmann beabsichtige, Gruner + Jahr komplett zu übernehmen. Bertelsmann wolle, so hieß es damals aus Gütersloher Kreisen, den Anteil der Familie Jahr an dem Hamburger Verlagshaus in Höhe von 25,1 Prozent kaufen und sie im Gegenzug an Bertelsmann in einer zu verhandelnden Größenordnung beteiligen. Von einem „Durchgriff auf G+J“ seitens des Mehrheitsgesellschafters war die Rede.

Harte Fakten zu diesem Deal gab es in den letzten Wochen eigentlich nie, nicht einmal substanzielles Geraune aus „nahestehenden Kreisen“. Lediglich die offizielle Bestätigung, dass beide Gesellschafter „Gespräche über die Lage und weitere Ausrichtung von Gruner + Jahr“ führten. Jetzt aber gilt: „Die Jahrs halten G+J die Treue“, so das „Hamburger Abendblatt“ in seiner Samstag-Ausgabe – auf der anderen Seite „Bertelsmann scheitert mit Kauf von Gruner + Jahr“, so am Samstag etwas spröde die „Frankfurter Allgemeine“, die ansonsten dem Gütersloher Medienkonzern durchaus gewogen ist.

Wer sind die Verlierer, wer die Gewinner bei Spring-Prozessionen?

Die erste Frage bei solchen Spring-Prozessionen ist immer die nach den Gewinnern und Verlierern eines Verhandlungsmarathons mit einem Vor und Zurück über Wochen und Monate hinter verschlossenen Türen, von dem wenige verlässliche Details bekannt werden.

Ein Verlierer ist zunächst einmal die Redaktion des „Manager Magazin“, die – zum Neid und Ärger ihrer Konkurrenten – traditionell in heiklen und brisanten Führungs- und Strategiefragen mit überwiegend namenlos präsentierten Bertelsmann-Granden und -Pferdeflüsterern aufs Beste verdrahtet ist. Und das dann nach korrekten Querrecherchen so ins Blatt hebt, dass mit der losgetretenen Medienwirkung genau das eintritt, worüber man im Heft ohne Ross und Reiter mit dem Geraune unter Tarnkappen spekuliert hatte. Das war bei der Trennung von G+J-Boss Dr. Bernd Kundrun (55) im Winter 2008/2009 so, ähnlich wie vor Jahresfrist beim Rückzug von Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski (54) aus dem Vorstand. – Das „Manager Magazin“ machte es möglich.

„Manager Magazin“ prognostierte „Jahr und Amen“ – Dumm gelaufen

„MM“-Edelfeder Klaus Boldt sorgte Ende August mit einem ähnlichen Mix für noch größere Medienfurore. Unter der sybillinischen Headline „Jahr und Amen“ mussten letztlich überwiegend Spekulationen mit der subtilen Wirkung vermeintlicher Fakten für eine bis Ende Oktober bevorstehende Neuordnung der G+J-Gesellschafterkonstellation herhalten. Denn, Hand aufs Herz: Wer als Journalist einem solch aufmerksamkeitsstarken Stück die Titelzeile „Jahr und Amen“ gibt, der signalisiert im sprachlichen Duktus eines Hochamtes: Der Deal ist durch. Mea culpa, mea Maxima culpa.

Es war nämlich im „Manager Magazin“ das zu lesen, was vielleicht ungewollt seitens des Autoren die Gespräche der Gesellschafter zusätzlich erschwerte, die sie dann noch mehr trennte und jetzt wieder mit der Rückkehr auf den Ausgangspunkt eint. Das Entscheidende war: Im „Manager Magazin“ wie anderen Medien fehlte ein entscheidender Hinweis, dass nämlich die Verhandlungen beider Seiten im wahrsten Sinne „ergebnisoffen“ geführt wurden. – Dumm gelaufen für eine spekulative Berichterstattung.

Der Umgang mit Ex-Chef Dr. Bernd Buchholz – wahrlich kein Fair Play

Der zweite Verlierer ist auf der operativen Ebene der letzte G+J-Vorstandsvorsitzende Dr. Bernd Buchholz (50), der wegen seiner verbal ziemlich harschen Demontage via „Manager Magazin“ – mit dem dann folgenden beredten Schweigen der G+J-Gesellschafter statt deren noch so weichgespült bemühten Beistandes – letztlich genervt und konsequent fristlos sein Vorstandsmandat bei der Bertelsmann AG zurückgab und eine Woche später im Einvernehmen mit den Gesellschaftern als G+J-Primus ausschied. Die Form dieses Herausrempelns entsprach im Rückblick wohl kaum den guten hanseatischen Regeln und lässt in der Manöverkritik die verantwortlichen Akteure und Ratgeber im Umfeld der Gesellschafter nicht sonderlich gut aussehen. – Das war keine Spitzenleistung im Fair Play.

Dr. Winfried Steeger und Dr. Thomas Rabe – als Deal Maker die Verlierer

Die dritten und eigentlichen Verlierer sind vor allem jene, die die Vollmacht beider Gesellschafter in den letztlich ergebnislosen Verhandlungen hatten und diese von Anfang bis Ende mit Verve führten:

Da ist Dr. Winfried Steeger (62), seit April letzten Jahres neuer Geschäftsführer der Jahr Holding GmbH & Co. KG und deren zum Erfolg entschlossener Verhandlungsführer mit Fronterfahrung aus großen Vermögendeals in der Wirtschaft. Er sagt jetzt öffentlich nach dem letzten Wort der Gesellschaft in der gemeinsamen Erklärung zum Ergebnis: „In den intensiven und konstruktiven Gesprächen mit Bertelsmann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir die anstehenden Herausforderungen für G+J am besten gemeinsam werden meistern können. Beide Gesellschafter kennen das Verlagshaus seit langem, vertrauen einander und werden G+J in eine gute Zukunft führen.“

Steeger ist bisher auf der Medienszene ein weitgehend Unbekannter: Der renommierte Freshfields-Partner wechselte 2011 nach 30 Jahren von der Anwalts- auf die Mandantenseite und gilt mit dem Kanzlei-Hintergrund als einer der angesehensten und erfahrensten Gesellschaftsrechtler in Deutschland, der überdies in seiner Zeit als Freshfield-Partner über viele Jahre die Jahrs in zahlreichen juristischen Fragen und Missionen aufs Beste beriet. Allerdings fehlten ihm als neuen profunden Leiter des Jahr-„Familiy Office“ im Stubbenhuk vis-à-vis der G+J-Zentrale am Baumwall wohl noch das Eine oder Andere. Es sind die Erfahrung und der Instinkt, die Verleger in ihrer persönlich-subjektiven Bindung an ihr Lebenswerk ausmachen. Bei Familien-Verlegern entscheidet oft weniger das anonyme Couponschneiden, sondern die Nähe zu den verlegerischen Wurzeln der Familie. Es ist ihre Lebensleistung über Generationen, die ihnen allseits als Verleger in Gesellschaft, Branche, Wirtschaft – zumal im hanseatischen Hamburg – größte Wertschätzung und Respekt bringt. Das macht sie eben groß – aber für Außenstehende auch nicht immer objektiv berechenbar.

Vorstandsvorsitzender Bertelsmann

Bertelsmann-Chef Dr. Thomas Rabe

Und es ist Dr. Thomas Rabe (47), der Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Management SE, der nach der Headline der „FAZ“ nicht sonderlich gut aussieht, wie das Gütersloher Leib- und Magenblatt nüchtern titelt: „Bertelsmann scheitert mit Kauf von Gruner + Jahr“. Das sagt alles.

Rabe erklärt jetzt nach dem Spruch der Gesellschafter: „Bertelsmann wird die mehr als 40 Jahre währende, erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Familie Jahr fortsetzen. Wir werden die starke Position von G+J im Mediengeschäft ausbauen, die Digitalisierung von Inhalten und Marken vorantreiben und die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Bertelsmann fühlt sich dem Qualitätsjournalismus als einem inhaltlichen Kern seiner Geschäfte auch in Zukunft verpflichtet.“

Die Gewinnerin und Verlegerin Angelika Jahr-Stilcken in der Tradition ihres Vaters

Die Gewinnerin ist Angelika Jahr-Stilcken (71), die jetzt angesichts der von ihr offensichtlich mit großer Entschlossenheit und Zähigkeit durchgesetzten Familienentscheidung als die starke Prinzipalin des Clans gilt, die ohne Abstriche öffentlich als eine für die Zukunft gestaltende Verlegerin in der Tradition ihres Vaters John Jahr wahrgenommen wird.

Gruner + Jahr

Jahr-Prinzipalin Angelika Jahr-Stilken

Bereits in ihrer viel beachteten Rede anlässlich der Feier zu ihrem Ausscheiden aus dem G+J-Vorstand in der Hamburger Fischauktionshalle prophezeite Angelika Jahr am 10. April 2008 vor einem großen Blow up des Gruppenfotos des Jahr-Clans für alle geladenen Gäste – einschließlich der bei dieser Redepassage eher schmallippigen Bertelsmann-Ersten Liz Mohn (71) und dem indigniert auf die Servietten schauenden Gütersloher Management – klar und deutlich, was sie jetzt fünf Jahre später in den Verhandlungen der letzten Wochen und Monate konkret einlöste:

“Auf diesem Bild sehen Sie die Jahr-Familie. Einige sind leider nicht mehr unter uns, aber zehn starke, kleine Persönlichkeiten sind dazugekommen, die vierte Generation. Der Jahr-Clan wächst, und er hält zusammen wie Pech und Schwefel. Und wenn es wirklich einmal so weit kommen sollte, mit dem Verkauf, dann werden wir zu Gruner + Jahr stehen. Denn wie ich schon sagte – es ist Liebe. Und auch wenn mein Ausscheiden aus dem operativen Geschäft das Ende einer Ära ist – wie viele von Ihnen befürchten – es ist auch der Beginn einer neuen Ära! Dies ist ein Versprechen. Und das halten wir.“

„Und das halten wir“ – diese Haltung macht die wahre Verlegerpersönlichkeit aus, die ihre Geschäfte nicht im kurzfristigen, atemlosen Rhythmus von Quartals-Reports versteht und bewertet; sich vor allem bei Grundsatzentscheidungen über ihre Gesellschafterrolle im Klaren ist, im Kontext der Generationen-Kontinuität denkt, vor allem aber dann auch unmissverständlich danach handelt und damit den gordischen Knoten zerschlägt, der sich bei festgefahrenen Verhandlungen unentwirrbar bildet.

Wie geht es weiter bei G+J auf Vorstandsebene?

Eine weitere Gewinnerin auf der operativen Ebene am Baumwall ist der Karriere-Shooting-Star Julia Jäkel-Wickert (40), vom G+J-Aufsichtsrat nach dem Buchholz-Abgang in den Vorstand berufen. Jäkel, bislang Verlagsgeschäftsführerin der Verlagsgruppe „G+J Life”, verantwortet das Zeitschriften- und Digitalgeschäft in Deutschland und regiert nun „gemeinschaftlich” mit Auslandsboss Dr. Torsten-Jörn Klein (48) und Finanzchef Achim Twardy (52). Buchholz’ Position als Vorstands-Chef wird nicht besetzt (siehe Mediatribune vom 6.09.2012).

Als im Frühjahr die Spitze der Bertelsmann-Tochter RTL Group neu zu regeln war, installierte Rabe eine Doppelspitze mit Anke Schäferkordt (49) und Guillaume de Posch (54). Nach dem „gemischten Doppel“ nun die „Menage à Trois“, ätzen Spötter. Ob zwei oder drei, ein entscheidender Unterschied ist, dass Schäferkordt sofort nach dem Ausscheiden von RTL-Vorgänger Dr. Gerhard Zeiler (47) am 18. April auch dessen Nachfolge im Bertelsmann-Vorstand antreten durfte, während der dortige G+J-Sessel nun schon seit zwei Monaten unbesetzt ist.

Manche Beobachter werten die neue Konstellation im G+J-Vorstand jetzt als eine Lösung, die zunächst einmal Bestand haben dürfte. Denn die aktuelle Satzung der Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr AG hat gar keinen Vorstandsvorsitzenden vorgesehen: unter „§ 7 Vorstand“ heißt es kurz und trocken: „Der Aufsichtsrat bestimmt die Zahl der Mitglieder des Vorstandes.“

Der folgende achte Paragraf regelt die Vertretung: „Die Gesellschaft wird durch zwei Vorstandsmitglieder oder durch ein Vorstandsmitglied gemeinschaftlich mit einem Prokuristen vertreten. Der Aufsichtsrat kann einzelnen Vorstandsmitgliedern Alleinvertretungsbefugnis einräumen.“ Das ist seit dem Abschied des großen Vorsitzenden Gerd Schulte-Hillen (72) vor zwölf Jahren nicht mehr geschehen.

Auf das Triumvirat warten also auch ohne Vorsitzenden gewaltige Aufgaben in allen G+J-Bereichen: Denn angesichts des letzten herben G+J-Halbjahresergebnisses der Buchholz-Ära war offenkundig, dass es nicht nur einen Gewinneinbruch von 31 Prozent auf 85 Millionen Euro geht. Es muss jetzt vielmehr die Kurve einer zukunftsorientierten Verlagsausrichtung am Baumwall genommen werden. Das Haus befinde sich derzeit ökonomisch wie strategisch in keiner guten Verfassung, so der Tenor in der Branche, der beim Management und besonders in den Redaktionen am Baumwall zu noch mehr Verunsicherung führte.

Denn das Print-Kerngeschäft in Deutschland stockt bei den in die Jahre gekommenen Stammtiteln ebenso wie die Entwicklung in einem Teil der bisher ertragskräftigen Auslandsmärkte; vor allem steht die G+J-Perspektive des Digitalgeschäftes im Vergleich zu anderen Großverlagen wie der Axel Springer AG oder Hubert Burda Media nicht unbedingt überzeugend und lukrativ da. Wenn in der gemeinsamen Pressemitteilung von G+J ganz tapfer als „Europas größtes Zeitschriftenverlagshaus“ die Rede ist, dann muss man schon die Fakten recht geschmeidig biegen, damit dieser Spitzenplatz nach Umsatz oder Auflage zum Beispiel gegenüber der Bauer Media Group Bestand haben kann.

Mit neuem Vertrauen zueinander – Zeichen eines G+J-Neuanfangs

Und jetzt soll es nach dem Credo des neuen „Vertrauens“ beider Gesellschafter zu einander wieder mit Vollgas und wieder reichlich Investitionsmitteln auf die Überholspur gehen, wie es sich die Bertelsmänner und die Jahrs jetzt als eine Art G+J-Neuanfang gegenseitig versprechen. Es ist aber auch ein Neuanfang für das in den letzten Wochen verunsicherte Management und die ratlosen Mitarbeiter wie auch die etwas zweifelnden Marktpartner in die verlegerischen Kräfte von Gruner + Jahr. Schau’n wir mal.

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