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Der „Spiegel“ der Gesellschaft



„Der Spiegel“ hat nicht nur mehr Leser und Käufer als sein gerade volljähriger Herausforderer „Focus“, sondern auch mehr Eigentümer. Auf der offiziellen Homepage der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG sind aber nur vier Eigner genannt: „die Erbengemeinschaft Augstein, der Verlag Gruner + Jahr AG & Co KG, die KG Beteiligungsgesellschaft für SPIEGEL-Mitarbeiter mbH & Co. und die Rudolf Augstein GmbH“. Nach dieser Version würde der Aufsteiger aus München zumindest in der Disziplin „Eigentümer“ vorn liegen (siehe „Media Tribune“ vom 10. Januar: Hubert Burda Media jetzt mit fünf Gesellschaftern).

Im wirklichen Leben liegt jedoch das älteste deutsche Nachrichtenmagazin klar in Führung, auch ohne die rund 800 „stillen“ Teilhaber der Beteiligungsgesellschaft der SPIEGEL-Mitarbeiter (Mitarbeiter-KG), denn tatsächlich gehört der SPIEGEL-Verlag bereits seit Mai 2004 sieben Gesellschaftern. Die Erbengemeinschaft Augstein zählt nicht dazu. Statt ihrer sind die vier Kinder aus drei der fünf Ehen des Gründers und Herausgebers Rudolf Karl Augstein (1923-2002) direkt beteiligt:

Maria Sabine Augstein (61), Rechtsanwältin in Tutzing, wurde von Augsteins erster Ehefrau, der „Spiegel“-Mitarbeiterin Lore Ostermann, als Junge geboren. Mit 28 Jahren wechselte Stefan Augstein Geschlecht und Namen.

Dr. Hannah Franziska Augstein (46), Journalistin in München. Die Tochter aus der dritten Ehe mit Maria Carlsson, Übersetzerin von John Updike („Ehepaare“), schreibt seit zehn Jahren im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“.

Tomas Jakob Augstein (43), Verleger in Berlin, wurde ebenfalls während der Ehe von Maria Carlsson geboren. Sein Erzeuger ist jedoch der Schriftsteller Martin Walser („Ein liebender Mann“).

Julian Robert Augstein (37), Kunstmaler in Hamburg, entstammt Rudolf Augsteins vierter Ehe mit Gisela Stelly, der Filmproduzentin („Liebe und Abenteuer“) und Buchautorin („Moby“).

Im

Das aktuelle Magazin-Cover des SPIEGEL

Jedes des Halb-Geschwister musste Anfang 2005 zwei Teilbeträge an die Mitarbeiter-KG bzw. Gruner + Jahr abtreten und hält seitdem nur noch eine Kommanditeinlage von 30.677,52 Euro (60.000 Mark). Die Mitarbeiter-KG haftet seitdem mit 258.202,38 Euro (505.000 Mark) und Gruner + Jahr mit 130.379,41 Euro (255.000 Mark). Die Rudolf Augstein GmbH blieb als persönlich haftender Gesellschafter mit einem Prozent beteiligt. Die sechs Kommanditisten sind im gleichen Verhältnis Gesellschafter der Rudolf Augstein GmbH: Mitarbeiter-KG (50,5 %), Gruner + Jahr (25,5 %) sowie Sabine, Franziska, Jakob und Julian Augstein (jeweils 6 %). Einziger Geschäftsführer der GmbH ist Ove Saffe (49).

Das Management des Haupteigners Beteiligungsgesellschaft der SPIEGEL-Mitarbeiter mbH & Co. besorgt als Komplementär die Beteiligungsgesellschaft für SPIEGEL-Mitarbeiter mbH. Insgesamt fünf geschäftsführende Gesellschafter der GmbH und – in Personalunion – Kommanditisten der Mitarbeiter-KG werden von den wahlberechtigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Redaktion und Verlag (je zwei) sowie der Dokumentation (einer) gewählt.

Im März 2010 waren knapp zwei Drittel der rund 1.200 in der Verlagsgruppe Beschäftigten stimmberechtigt. Aus der Redaktion erhielten Armin Mahler (56), Ressortleiter Wirtschaft, und die Kulturredakteurin Marianne Wellershoff (47) den größten Zuspruch. Aus der Dokumentation bekam Jan Kerbusk (34) die meisten Stimmen. Im Verlag ging die Wahl an Rainer Buss (54) und Thomas Hass (45). Mahler wurde als Sprecher des einflussreichen Gremiums bestätigt und Buss sein neuer Stellvertreter.

Eigentümer des Minderheitsgesellschafters Gruner + Jahr sind zu 74,9 Prozent die Bertelsmann AG und zu 25,1 Prozent die Constanze-Verlag GmbH & Co. KG. Dahinter stehen die sieben Erben und drei Stiftungen des Gütersloher Patriarchen Reinhard Mohn (1921-2009) bzw. zehn Abkömmlinge des legendären Hamburger Verlegers John Jahr (1900-1991).

Die Frauenquoten der Spiegel-Verlegerfamilien Augstein, Jahr und Mohn können sich sehen lassen


Während sich die Spiegel-Redaktion in- und extern über den Sinn von Frauenquoten verbreitet – nur 28 Prozent der Redakteure und sieben Prozent der Ressortleiter sind Frauen – herrschen in den Verlegerfamilien ganz andere Verhältnisse: Augstein (zwei Frauen und zwei Männer), Jahr (7 zu 3) und Mohn (4 zu 3).

Drei der vier Augstein-Erben und Spiegel-Gesellschafter haben denselben leiblichen Vater, zwei eine gemeinsame Mutter. Auch die Rudolf-Augstein-Stiftung ist „eine Sache der Familie“. Auf Wunsch des Verlegers bilden drei Familienmitglieder den ehrenamtlich tätigen Vorstand:

Anna Maria Augstein-Hürtgen (62), seine letzte Ehefrau, ist die Vorsitzende. Der ehemaligen Galeristin (Fine Arts) „obliegt die Förderung künstlerischer Interessen“.
• Jakob Augstein betreut als stellvertretender Vorsitzender „den journalistischen Zweig“ der Stiftung.
• Franziska Augstein befasst sich mit dem Thema „Hilfe für Menschen in Krankheit und Not“.

Gemeinsam mit Julian Augstein verkörpern sechs Weggefährten des Stifters, „die sich großzügig bereiterklärt haben, dem Vorstand ehrenamtlich zur Seite zu stehen“, das Kuratorium:

Stefan Aust (64), von 1984 bis 2008 Spiegel-Chefredakteur
Fried von Bismarck (64), Rechtsanwalt, Spiegel-Prokurist und Augsteins Testamentsvollstrecker
Dieter Brusberg (75), Galerist und Kunsthändler am Berliner Kurfürstendamm
Prof. Jürgen Flimm (69), Intendant der Staatsoper in Berlin
Dr. Marianne Koch (79), Schauspielerin, Ärztin und Präsidentin der Deutschen Schmerzliga
Dr. Ingeborg-Maria Villwock (80), die jüngste Schwester von Rudolf Augstein

Halbbruder Jakob Augstein, früher ebenfalls Redakteur der „Süddeutschen“, engagiert sich in Berlin als Verleger. Sein 50 Kanonen Verlag hält sämtliche Anteile an der Mediengesellschaft der Wochenzeitung „Der Freitag“ am Hegelplatz. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Johanna von Rauch betreibt er den Rogner & Bernhard Verlag in der Inselstraße. Franziska und Julian Augstein fördern gemeinsam die wissenschaftliche Zellforschung. Beide haben jeweils etwas mehr als 13 Prozent des Kapitals der in Hamburg und Monmouth Junction im US-Bundesstaat New Jersey aktiven CCS Cell Culture Service GmbH investiert.

Von Franziska Augstein wäre noch zu berichten, dass sie 2000 den Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie „Essayistischer Journalismus“ erhielt und 2008 die beeindruckende Mono- und Biografie „Von Treue und Verrat“ über „Jorge Semprún und sein Jahrhundert“ veröffentlichte. Der spanische Widerstandskämpfer wurde 1923 in Madrid geboren, genau fünf Wochen später als Rudolf Augstein. Die studierte Historikerin beschreibt also auch das Jahrhundert Rudolf Augsteins.

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