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MT-Interview zu Bertelsmann: „Ohne Liz läuft nix“



MEDIA TRIBUNE: Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Bertelsmann-Konzern?
Jens J. Meyer: Spätestens seit 1969. Damals war im „Spiegel“ zu lesen: „Der literarische Ruf des Verlagskonzerns blieb hinter seinem wirtschaftlichen Erfolg zurück“. Bertelsmann hatte damals dieses Drücker-Image und wurde von der Hamburger Verlagswelt von oben herab belächelt.

Jens J. Meyer

Jens J. Meyer

MEDIA TRIBUNE: Was hat sich geändert?
JJM: Das Unternehmen konnte den Spieß umdrehen. Die Bertelsmänner beteiligten sich 1969 bei Gruner + Jahr und 1970 auch bei Axel Springer. Allerdings platzte die Übernahme Springers nach ein paar Monaten, aber Bertelsmann erreichte die Mehrheit bei Gruner + Jahr und gliederte das Druck- und Verlagshaus 1973 in den Konzern ein. Damit ist Bertelsmann mittelbar auch am Spiegel-Verlag beteiligt.

MEDIA TRIBUNE: Wie konnte Bertelsmann so groß werden und alle anderen abhängen?
JJM: Die entscheidenden Transaktionen fanden alle während der sozial-liberalen Koalition von SPD und FDP statt. Ab 1982 regierte die Union mit der FDP, und die angestrebte Fusion zwischen Burda und Springer scheiterte.

MEDIA TRIBUNE: Waren die politischen Rahmenbedingungen damals nicht eher zufällig so?
JJM: Es gibt noch weitere Koinzidenzen: 1998 trat der SPD-Kanzler Gerhard Schröder an: Bertelsmann durfte Anfang 2000 auch noch die RTL Group schlucken, und 2002 brach das Medienimperium von Leo Kirch zusammen. Seit 2005 regiert die CDU-Chefin Angela Merkel: 2006 wurde die Fusion von Springer und ProSiebenSat.1 untersagt. Ob Zufall oder nicht: Eine Aufhol-Fusion war nicht mehr möglich. Die Schotten sind dicht!

Patriarch Reinhard Mohn

Patriarch Reinhard Mohn

MEDIA TRIBUNE: Welche Rolle spielten die Führungskräfte in dieser Zeit seit 1969?
JJM: Bertelsmann war bis 1981 Reinhard Mohn. Im Sommer 1973 habe ich den genialen Unternehmer zum ersten Mal interviewt, noch in seinem alten Büro in der Eickhoffstraße. Seine Nachfolger, Manfred Fischer, Mark Wössner, Thomas Middelhoff und Gerd Schulte-Hillen, hatten wohl auch ihre Verdienste, aber sie wurden einer nach dem anderen vom Hof gejagt. Das Vertrauen der Familie Mohn ist maßgebend. Dieses genießen heute Gunter Thielen, der Aufsichtsratschef, und Hartmut Ostrowski, der Vorstandsvorsitzende.

MEDIA TRIBUNE: Wie wandelte sich im Laufe der Jahre die Medienberichterstattung über Bertelsmann?
JJM: Reinhard Mohn war seinerzeit der Gute, der mit dem „weißen Hut“. Axel Springer war für viele Meinungsmacher der finstere Schurke, der mit dem „schwarzen Hut“. Heute hat Friede Springer, die Witwe von Axel Springer, im Vergleich zu Liz Mohn, die Witwe des Bertelsmann-Patriarchen, das bessere Image.

MEDIA TRIBUNE: Was vermissen Sie in der Berichterstattung?
JJM: Kompetenz. Viele Kollegen machen es sich zu einfach und beten nur die Gütersloher Industrie-Lyrik nach oder interpretieren diese fehlerhaft.

MEDIA TRIBUNE: Was wird immer wieder falsch gemacht?
JJM: Die Bertelsmann AG berichtet auf ihrer Homepage über ihre „Aktionäre“, die Bertelsmann Stiftungen und die Familie Mohn, die 80,7 bzw. 19,3 Prozent der Kapitalanteile „über Zwischengesellschaften“ halten. Dann folgt im Wortlaut: „Die Stimmrechte werden zu 100 Prozent von der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) kontrolliert“. Der Begriff „Aktionäre“ ist allerdings irreführend, und viele Kollegen lassen sich damit aufs Glatteis führen. Denn die Aktionäre der Bertelsmann AG sind genau genommen nicht die Stiftungen und die Familie, sondern diverse Zwischengesellschaften.

Aufsichtsratschef Dr. Gunter Thielen

Aufsichtsratschef Dr. Gunter Thielen

MEDIA TRIBUNE: Wie viele Zwischengesellschaften gibt es, und wie heißen diese?
JJM: Zunächst einmal halten vier Gesellschaften die Aktien: Die Bertelsmann Beteiligungs GmbH hält 33,94 Prozent, die Mohn Beteiligungs GmbH 31,06, die Johannes Mohn GmbH 18,28 und die Reinhard Mohn Verwaltungsgesellschaft mbH 16,72 Prozent.

MEDIA TRIBUNE: Und wer steht hinter diesen vier Gesellschaften?
JJM: Die Johannes Mohn GmbH hält sämtliche Anteile der Bertelsmann Beteiligungs GmbH, und die Reinhard Mohn Verwaltungsgesellschaft hält sämtliche Anteile der Mohn Beteiligungs GmbH. Größter Gesellschafter der Reinhard Mohn Verwaltungsgesellschaft ist wiederum die Johannes Mohn GmbH. Sie hält 60,09 Prozent des Kapitals und 76,16 Prozent der Stimmrechte. Der Rest liegt jeweils bei der Familie Mohn.

MEDIA TRIBUNE: Kein Wunder, dass hier viele Journalisten vor der Komplexität des Konstrukts kapitulieren. Wem gehört denn nun die Johannes Mohn GmbH?
JJM: Es wird sogar noch komplexer. Die Johannes Mohn GmbH besteht aus drei Geschäftsanteilen. Zwei Anteile mit insgesamt 95,88 Prozent liegen bei der „Bertelsmann Stiftung“. Der dritte Anteil von 4,12 Prozent wird gemeinschaftlich von der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (BVG) und der RM-St-Holding KG gehalten. Dieser gemeinschaftliche Anteil gewährt drei Stimmen in der Gesellschafterversammlung, die beiden anderen keine einzige.

MEDIA TRIBUNE: Wer oder was ist nun wieder die RM-St-Holding KG?
JJM: Diese Kommanditgesellschaft wurde im Juni 2007 von Reinhard und Brigitte Mohn gegründet. Der Vater haftete persönlich als Komplementär und die Tochter mit einer Einlage von 10.000 Euro als Kommanditistin. Nach Reinhard Mohns Tod wechselte die Tochter in die Komplementärrolle. Als neuer Kommanditist trat die „RM Stiftung“ mit 1.000 Euro in die Gesellschaft ein. Im Juli 2010 löste schließlich Christoph Mohn seine Schwester als Komplementär ab.


Im Bertelsmann Vorstand (v.l.): Rolf Buch, Markus Dohle, Thomas Rabe, Hartmut Ostrowski, Bernd Buchholz, Gerhard Zeiler

Bertelsmann-Vorstand


MEDIA TRIBUNE: Welche Rolle spielt diese KG?
JJM: Reinhard Mohn hat der RM-St-Holding KG seinen letzten persönlichen Anteil an der Johannes Mohn GmbH von 4,02 Prozent hinterlassen. Die BVG besaß zu diesem Zeitpunkt ja nur ein Promille im Nennwert von 500 Euro und kontrollierte damit den ganzen Konzern.

MEDIA TRIBUNE: Heute nicht mehr?
JJM: Doch, aber nicht mehr allein. Jetzt übt die BVG das Stimmrecht gemeinschaftlich mit der RM-St-Holding KG, sprich Christoph Mohn, aus. Der junge Mohn ist ja nicht nur deren Komplementär, sondern auch Vorsitzender der Kommanditistin „RM Stiftung“.

MEDIA TRIBUNE: Christoph Mohn sitzt ja auch in der BVG. Ist er der Mann der Zukunft?
JJM: Stimmt beides. Er ist einer der sechs Gesellschafter der BVG, neben seiner Mutter Liz Mohn und seiner Schwester Brigitte sowie drei familienfremden Managern. Das Mohn-Trio sitzt auch im Aufsichtsrat der Bertelsmann AG beisammen.

Liz Mohn

Liz Mohn

MEDIA TRIBUNE: Die Frau der Gegenwart ist Liz Mohn.
JJM: Keine Frage. Liz Mohn ist Familiensprecherin, Vorsitzende der BVG und Alleinvorstand der „BVG Stiftung“, die 76 Prozent der BVG-Anteile hält. Ohne Liz läuft nix!

MEDIA TRIBUNE: Auch der Einfluss auf die Regierung sei groß, wie Thomas Schuler in seinem viel diskutierten Buch „Bertelsmann Republik Deutschland“ berichtet. Oder ist das ein verklärtes Bild?
JJM: Wenn die Bertelsmann Stiftung die Eckpunkte der deutschen Politik setzt, müssten wir über „Bertelsconi“ reden. Italiens umstrittener Ministerpräsident ist mit Mondadori der Partner von Bertelsmann in Spanien und ganz Lateinamerika sowie von Gruner + Jahr in Italien. Stellen Sie sich das Geschrei vor, wenn statt Gruner + Jahr das Haus Springer mit Silvio Berlusconi verbündet wäre.

MEDIA TRIBUNE: Sie haben wohl alle Bücher, die jemals über Bertelsmann geschrieben wurden, gelesen. Welches Buch ist Ihrer Meinung nach das beste?
JJM: Das beste Buch hat meines Erachtens 2007 der Schweizer Publizist und Volkswirt Gian Trepp vorgelegt: „Bertelsmann – Eine deutsche Geschichte“. Jenseits des Mainstream recherchierten auch die Wissenschaftler Frank Böckelmann und Hersch Fischler für ihre 2004 erschienene Studie „Hinter der Fassade des Medienimperiums“.

MEDIA TRIBUNE: Sie blicken ebenfalls gern hinter die Fassaden – etwa beim Studium der Geschäftsberichte. Was fällt Ihnen bei Bertelsmann auf?
JJM: Ich habe seit 1973 alle Bilanz-Pressekonferenzen besucht. Erst in Gütersloh und später in Berlin. Nur bei der Expo 2000 in Hannover war ich nicht dabei. Auffällig ist beispielsweise: Während Reinhard Mohn noch über jeden Pfennig berichtete, wurde ab 1992 nur noch in Millionenbeträgen gerechnet. Der erste Geschäftsbericht 1971/72 hatte informative 36 Seiten, 2009 wurde das Unternehmen auf 164 Seiten zelebriert. Da fehlen nur noch die Klingeltöne.

Christoph Mohn

Christoph Mohn

MEDIA TRIBUNE: Welche Entwicklungen erwarten Sie bei Bertelsmann in den kommenden Jahren?
JJM: Bertelsmann stand früher für Vielfalt. Heute ist RTL die Lokomotive, die den ganzen Bahnhof zieht. Was bei Springer die gedruckte Bild-Zeitung ist, ist bei Bertelsmann das „versendete Boulevard-Format“. Der Konzern hat ja außer der damals brillanten Buchclub-Idee und seiner nahezu perfekten Logistik wenig selbst gegründet. Die großen Marken wie Stern oder Brigitte, RTL oder Random House haben andere Medienpioniere erfunden. Man könnte sagen: Reinhard Mohns Königsidee war der Ankauf fremder Ideen. Middelhoff hatte offenbar mehr Interesse an virtuellen Geschäften als an Printmedien, obwohl er wie fast alle Vorstandsvorsitzende aus der Druckerei kam. Ostrowski wollte 30 Milliarden Euro erlösen und bringt gerade einmal die Hälfte zustande.

MEDIA TRIBUNE: Wo sehen Sie denn nun die Zukunft von Bertelsmann?
JJM: Im Deppenfernsehen jedenfalls nicht. Die zweite wichtige Sparte ist der Dienstleistungs-Moloch mit dem originellen Namen Arvato. Die kennt jeder Mobiltelefonbesitzer, Meilensammler oder Bahncardhalter. Arvato hat aber nur indirekt etwas mit Medien zu schaffen und ist eher ein Konkurrent der Post.

MEDIA TRIBUNE: Was erwarten Sie von der Familie Mohn?
JJM: Die drei Kinder aus Reinhard Mohns erster Ehe halten insgesamt nur noch 16,61 Prozent der Reinhard Mohn Verwaltungsgesellschaft, das sind durchgerechnet weniger als acht Prozent der Bertelsmann AG. Auch Andreas Mohn spielt keine Rolle mehr bei Bertelsmann. Der schwer kranke Sohn von Reinhard und Liz Mohn hat kürzlich ein paar Anteile für rund zehn Millionen Euro an die Johannes Mohn GmbH verkauft.

Dr. Brigitte Mohn

Dr. Brigitte Mohn

MEDIA TRIBUNE: Darüber haben wir in „Media Tribune“ am 13. Januar als Erster berichtet: Bertelsmann: Andreas Mohn verkauft Anteile.
JJM: Ja, das wurde häufig zitiert. Nicht immer korrekt. Andreas Mohn hat seine Kapitalanteile an der Reinhard Mohn Verwaltungsgesellschaft von rund 6,01 Prozent auf 5,47 Prozent reduziert. Woanders war zu lesen: „Nach dem Verkauf hält Andreas Mohn noch 5,47 Prozent an Europas größtem Medienkonzern“. Wieder der alte Fehler: Eine Zwischengesellschaft wird mit dem ganzen Unternehmen verwechselt.

MEDIA TRIBUNE: Wir werden gern zitiert, aber am liebsten korrekt. Die verbliebenen Hoffnungsträger der Familie sind also Brigitte und Christoph Mohn?
JJM: Ja. Brigitte Mohn gehört dem Vorstand der mächtigen Bertelsmann Stiftung an. Sie steht der Mutter wohl am nächsten. Christoph Mohn ist 2009 als CEO des Internet-Portals Lycos Europe grandios gescheitert: zuletzt nur noch 20,9 Millionen Einnahmen, aber 52,9 Millionen Verlust und 500 Arbeitsplätze im Eimer. Vielleicht nutzt er seine zweite Chance. Immerhin glaubt er an die Dynastie und will seine drei kleinen Töchter am Unternehmen beteiligen – die siebte Generation der Familie Bertelsmann-Mohn. Auch darüber haben wir in „Media Tribune“ zuerst berichtet.

INTERVIEW: RÜDIGER STETTINSKI
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Jens J. Meyer

Jens J. Meyer

Jens J. Meyer (64) arbeitet als selbständiger Journalist in Hamburg (u.a. für „Media Tribune“). Der gelernte Verlagskaufmann war Redakteur bei Fach- und Publikumszeitschriften. Später informierte er als Pressesprecher 20 Jahre über Burda und von 1995 bis 1998 aus dem Jahreszeiten Verlag.

Die genauen Beteiligungsverhältnisse sowie die Verteilung der Stimmrechte der einzelnen Stiftungen, Holdinggesellschaften und Mitglieder der Familie Mohn zeigt Media Tribune in einem Organigramm, das im PREMIUM-Sektor der Website erworben werden kann.


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