Anzeige
Anzeige

Wenn die Familie Jahr bei Bertelsmann einsteigt



Die Gesellschafter von Gruner + Jahr lassen bestätigen, sie „befinden sich aktuell in Gesprächen über die Lage und weitere Ausrichtung“ ihres unter Werteverfall leidenden Unternehmens. Das einstige Musterhaus hanseatischen Qualitätsjournalismus‘ hat die Herausforderungen der digitalen Welt und die Folgen der globalen Finanzkrise deutlich schlechter verdaut als seine Wettbewerber. Nun will die Hamburger Verlegerfamilie Jahr ihre Sperrminorität (25,1 %) eintauschen in ein möglichst großes Aktienpaket der neu formatierten Konzernmutter in Gütersloh, ohne ihren Einfluss auf die verwöhnten Elbphilharmoniker ganz zu verlieren.

Am Verhandlungstisch herrscht Waffengleichheit: Dr. Thomas Rabe (47), der neue CEO der Bertelsmann Management SE, vertritt als Aufsichtsratsvorsitzender die 74,9 Prozent der soeben auf Euronorm getrimmten Bertelsmann SE & Co. KGaA. Der fast ebenso neue Alleingeschäftsführer der Jahr GmbH und stellvertretender AR-Vorsitzender von G+J, Dr. Winfried Steeger (62), verhandelt für den kleinen aber feinen Rest. Jeder von ihnen gilt als ebenso kluger Kaufmann wie fixer Rechner; ja, die beiden „sind ein Herz und eine Seele“, lobt das „Manager Magazin“.

Die bestens informierte Wirtschaftszeitschift, an dem der Konzern direkt und indirekt mit insgesamt rund 44 Prozent beteiligt ist, berichtet über das Sorgenkind der Gütersloher: „G+J ist von der Digitalisierung naturgemäß am stärksten in Mitleidenschaft gezogen und reduziert, obschon recht profitabel, unerbittlich und unablässig seinen Wert: internen Rechnungen zufolge rund 200 Millionen Euro jährlich“. Wurde der Wert vor zehn Jahren von Goldman Sachs noch mit 3,5 Milliarden Euro taxiert, ist er mittlerweile offenbar unter 2,5 Milliarden gefallen.

Bernd Buchholz soll Mitschuld am Werteverfall von G+J tragen

An diesem Werteverfall, davon ist Gütersloh laut „Manager Magazin“, „überzeugt, tragen nicht allein die ungünstigen Umstände die Schuld – Springer und Burda sind mit ihrer Internetstrategie erfolgreich –, sondern auch und vielleicht sogar in erster Linie“ Dr. Bernd Buchholz (50), der „G+J-Gouverneur“ („MM“). Der eloquente Buchholz hatte am 6. Januar 2009 in Hamburg das Kommando übernommen und kam nicht wie seine drei Vorgänger aus dem Hause Bertelsmann, sondern 1996 aus der Kieler Landtagsfraktion der FDP als Assistent in die G+J-Vorstandsetage.

Seit seiner Regentschaft ab 2009 wurde Gruner + Jahr als Branchenprimus von Springer abgelöst und rangierte 2011 nach Umsatz nur hauchdünn vor Burda und Bauer. Im Berichtsjahr 2008 trennte G+J noch eine ganze Milliarde von den beiden Konkurrenten (siehe Tabelle 1). Das Minus spiegelt aber nicht nur das rückläufige Zeitschriftengeschäft. Früher konnte der Verlag auch die Hälfte der Druckerei Prinovis konsolidieren; inzwischen wurden die Anteile dieses Unternehmens an die Konzernschwester Arvato verkauft (die Jahrs sollen dafür 100 Millionen Euro erhalten haben). Burda erwarb indessen die Nürnberger U.E. Sebald Druck GmbH.

Und genau das sei G+J-Insidern zufolge der springende Punkt: „Während die anderen kräftig investieren konnten, waren Gruner + Jahr die Hände gebunden, weil die Gesellschafter die Gewinne komplett einstrichen. Bertelsmann zahlte damit seine RTL-Schulden ab, und der Jahr-Clan steckte das Geld lieber in Immobilien“, heißt es. In den vergangenen zehn Jahren habe G+J insgesamt zwei Milliarden Euro an die Gesellschafter auszahlen müssen – durchschnittlich 200 Millionen Euro per anno. Im selben Zeitraum hat beispielsweise Springer 1,8 Milliarden Euro investiert. Bauer zahlte 2007 allein für Emap in Großbritannien 1,6 Milliarden Euro.

Gruners letzte große Akquisition liegt zwölf Jahre zurück: Kurz vor dem Platzen der Internet-Blase um die Jahrtausendwende kaufte der Verlag in den USA für 565 Millionen Dollar die Wirtschaftsmagazine „Inc.“ und „Fast Company“. 2005 verkaufte er sie wieder – für ganze 35 Millionen Dollar. Wenige Wochen zuvor hatte G+J USA die Titel „Family Circle“, „Parents“, „Child“ und „Fitness“ für 350 Millionen Dollar abgegeben. Die Erlöse glichen in etwa den Betrag aus, den man zu bezahlen hatte, um 2005 die Mehrheit an der Motorpresse Stuttgart zu erwerben.

Welchen Spielraum hatte Buchholz also tatsächlich, um G+J voran zu bringen? Als er 2009 den Staffelstab übernahm, musste er erst einmal massiv Kosten senken. Nach dem Minusjahr 2009 erwirtschaftete Gruner 2010 dann wieder eine zweistellige Rendite. Spätestens dann hätte der Geldhahn wieder aufgedreht werden müssen, meinen Beobachter. Doch mit seinen Wachstums-Ideen scheiterte Buchholz vor den Entscheidern in Gütersloh.

Tabelle 1

Umsatzvergleich 2011 mit 2008

2011
in Millionen Euro (Rang)
2008
in Millionen Euro (Rang)
Entwicklung
in Millionen Euro
Entwicklung
in Prozent
Quelle: Verlagsangaben
Springer3.185 (1.)2.729 (2.)+ 456+ 16,7
Gruner + Jahr2.287 (2.)2.769 (1.)- 482- 17,4
Burda2.176 (3.)1.750 (4.)+ 426+ 24,3
Bauer2.004 (4.)1.790 (3.)+ 214+ 12,0

Mehr als fünf Prozent für den Jahr-Clan

Anfang August hat die BHF-Bank ein von den Jahrs in Auftrag gegebenes Gutachten vorgelegt, demzufolge der Wert der von ihnen gehaltenen G+J-Schachtel (etwa 550 Mio. Euro) einem Anteil an Bertelsmann in Höhe von knapp vier Prozent entspräche. Aufgrund zahlreicher Privilegien, über die der Minderheitsgesellschafter bei G+J verfüge, soll Steeger einen Bertelsmann-Anteil von mindestens fünf Prozent für angebracht halten. Gerungen wird laut „Manager Magazin“ „um Mitspracherechte, um eine Garantiedividende – denn die Jahrs wollen nicht schlechter gestellt sein als bei G+J – und natürlich um die Bedingungen, die an einen Weiterverkauf ihres Bertelsmann-Anteils geknüpft wären“.

Eine Vorzugsdividende garantierte Bertelsmann auch seinen früheren Aktionären wie der noblen Hamburger Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius oder dem belgischen Baron Albert Frère (86). Stimmrechtlichen Einfluss genießt aber allein die Management SE, der persönlich haftende Gesellschafter der SE & Co. KG auf Aktien. Deren einziger Aktionär ist die von Liz Mohn (71) beherrschte Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH (siehe „Media Tribune“ vom 21. August).

Zwei Sitze im Aufsichtsrat für Jahr

Die Jahr-Fraktion dürfte außerdem zwei Sitze in jedem der beiden Gütersloher Aufsichtsratsgremien beanspruchen, einen für den Statthalter Steeger und einen für das Familienoberhaupt Angelika Jahr-Stilcken (70). Damit wären sie zumindest nicht schlechter gestellt als bei G+J. Dort folgte Angelika Jahr im Frühjahr 2008 dem Topkreativen Axel Ganz (75), der 2005 vom Vorstand in den Aufsichtsrat wechselte.

Gruner + Jahr, seitdem ohne Journalisten im Vorstand, war übrigens nicht das einzige Verlagshaus, das sich in den letzten Jahren auf frisches Leitungspersonal einstellen und sich neu erfinden musste. Im Springer-Vorstand verantwortet Dr. Andreas Wiele (50), der das Handwerk bei G+J erlernte, seit 2008 das neue Großressort „Bild-Gruppe und Zeitschriften“. Ende 2008 kehrte Philipp Welte (50) von seinem Springer-Ausflug zu Burda zurück und ist dort im Vorstand für alle Zeitschriften im Inland zuständig. Anfang 2010 übertrug der Verleger Dr. Hubert Burda (72) den Vorstandsvorsitz an Dr. Paul Bernhard Kallen (55). Im Dezember 2010 erteilte Heinz Bauer (72) seiner Tochter Yvonne Bauer (35) Generalvollmacht für den gesamten Familienbetrieb.

Verlust der Poleposition im Anzeigenmarkt

Ein Personalkarussell, das die Marktanteile im Anzeigengeschäft und im Vertrieb zulasten der G+J-Leute durcheinander wirbelte. Im Anzeigenmarkt mussten sie ihre Führungsrolle nach vielen Jahren an Burda abtreten. So hält Burda auch in den ersten sieben Monaten dieses Jahres die Poleposition und verzeichnet als einziger Großverlag sogar einen kleinen Zuwachs (siehe Tabelle 2).

Tabelle 2

Bruttowerbeumsatz der Publikumszeitschriften (mit Medienwerbung) Januar bis Juli

2012
in Millionen Euro
2011
in Millionen Euro
Vergleich
in Prozent
Quelle: NMR Reporting
Burda317,6315,7+ 0,6
Gruner + Jahr281,7301,4- 6,5
Springer246,6262,7- 6,1
Bauer165,4179,1- 7,7

Burda erzielte von Januar bis Juli 2012 einen Bruttowerbeumsatz von 317,6 Millionen Euro, gefolgt von G+J mit 281,7 Millionen (ohne die 73,1 Millionen Euro der G+J-Tochter Motorpresse Stuttgart, die eine eigene Anzeigenvermarktung besitzt). In diesen Zahlen ist allerdings die Medienwerbung enthalten. Dabei handelt es sich häufig um Tausch- und Eigenanzeigen, die zu niedrigen Kursen verrechnet werden. Bei G+J stammen mit 88,3 Bruttomillionen mehr als 31 Prozent aus derartigen Geschäften. Nur bei Bauer liegt diese Quote mit über 40 Prozent noch höher. Bei den Werbeumsätzen ohne Medien führt Burda mit 240,2 Millionen Euro noch deutlicher vor G+J mit 192,9 Millionen (siehe Tabelle 3).

Tabelle 3

Bruttowerbeumsatz der Publikumszeitschriften (ohne Medienwerburg) Januar bis Juli

2012
in Millionen Euro
2011
in Millionen Euro
Vergleich
in Prozent
Quelle: NMR Reporting
Burda240,2239,6+ 0,3
Gruner + Jahr192,9215,7- 10,6
Springer179,6190,4- 5,7
Bauer117,6137,1- 14,2

Auch die WAZ verkauft mehr Zeitschriften als G+J

Aus dem Vertriebsmarkt berichtete das „Handelsblatt“: „Mittlerweile verkauft die WAZ mehr Zeitschriften als Gruner + Jahr“. Das bedeutet für G+J nur noch den fünften Platz (siehe Tabelle 4). Bauer verkaufte mit 246,6 Millionen Exemplaren im ersten Halbjahr 2012 die meisten Magazine, gefolgt von Springer mit 181,5 Millionen (ohne Zeitungen). Burda und die WAZ haben ihre Vertriebslogistik unter dem Label MZV (Moderner Zeitschriften Vertrieb) zusammengeführt und zusammen sogar 257,2 Millionen Exemplare verkauft. G+J ist mit 74,5 Millionen weit abgeschlagen.

Tabelle 4

Vertriebsmarkt: Gesamtauflage im ersten Halbjahr

2012
in 1.000 Exemplaren
2011
in 1.000 Exemplaren
Vergleich
in Prozent
Basis: Verkaufte Auflage der Zeitschriften im Durchschnitt der ersten beiden Quartale multipliziert mit der Anzahl der Folgen
Quelle: IVW
Bauer246.638259.182- 4,8
Springer181.522190.720- 4,8
Burda169.574178.412- 5,0
WAZ87.65689.770- 2,4
Gruner + Jahr74.49077.040- 3,3

Die Hamburger hinken digital hinterher

Auch bei der „marktübergreifenden Entwicklung digitaler Medienformate und innovativer Site- und Mobile-Features für die Marken von Gruner + Jahr in Zusammenarbeit mit den G+J-Verlagsgruppen“ hinken die Hamburger hinterher. Mit diesem Schwerpunkt soll am 1. September die Gruner + Jahr Digital GmbH starten und „die Entwicklung der Web-Technologien und digitaler Geschäftsmodelle für die Marken-Sites“ von G+J verantworten.

Bereits seit März ist im Süden die Burda Intermedia Publishing GmbH (BIP) markenübergreifend für das Diversifikationsgeschäft zuständig. Burda brachte es damals auf den Punkt: „BIP spielt starke journalistische Marken von Hubert Burda Media über eine Vielzahl medialer Kanäle jenseits von Print an die Konsumenten aus. Sie bedient damit den steigenden Bedarf der Leser, unabhängig von der Technologie, dem Zeitpunkt oder dem Ort der Nutzung mit vertrauten Marken und zu ihnen passenden Inhalten in Berührung zu bleiben. So erschließt BIP neue Wachstumsfelder in sich dynamisch entwickelnden Märkten.“

In Europa hat Bauer die Nase vorn

Der Mythos „Europas größter Zeitschriftenverlag“ droht für G+J ebenfalls zu verblassen. Der Hamburger Nachbar Bauer erzielte – mit Magazinen und Radio – bereits 2010 einen Gesamtumsatz von 1,9 Milliarden Euro in Europa, etwas mehr als die G+J-Zeitschriften auf unserem Kontinent.

Das internationale Geschäft spielt bei den Verhandlungen zwischen Bertelsmann und Jahr eine besondere Rolle.

Jahr-Beteiligungen in fünf nationalen Märkten

Streng genommen müsste Rabe mit drei unterschiedlichen Gesellschaften der Jahr-Gruppe verhandeln. Da trifft es sich gut, dass die Jahr Holding GmbH & Co. KG und die CONSTANZE Auslandsholding GmbH & Co. KG in der Jahr GmbH denselben Komplementär mit dem Geschäftsführer Steeger haben. Es geht dabei um die folgenden Länder:

• Deutschland: Jeweils 25,1 Prozent der Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr AG und der Gruner + Jahr AG & Co KG in Hamburg liegen seit Januar 2012 bei der Constanze-Verlag GmbH (vorher GmbH & Co. KG). Deren Anteile liegen zu 99,9 Prozent bei der Jahr Holding und zu 0,1 Prozent bei der Verwaltung Constanze-Verlag GmbH, ebenfalls eine Tochter der Jahr Holding.

• Frankreich: 25,099 Prozent an der Prisma Média S.N.C. in Paris hält die France Constanze-Verlag GmbH & Co. KG. Deren Gesellschafter sind zu 99,9 Prozent die CONSTANZE Auslandsholding GmbH & Co. KG und zu 0,1 Prozent die CONSTANZE Auslandsbeteiligungen GmbH, deren einziger Gesellschafter die Jahr GmbH ist.

• Spanien: 25,01 Prozent an der G y J España Ediciones S.L.S. en C. in Madrid gehören der Spanien Constanze-Verlag GmbH & Co. KG. Deren Gesellschafter sind zu 99,9 Prozent die CONSTANZE Auslandsholding und zu 0,1 Prozent die CONSTANZE Auslandsbeteiligungen GmbH.

• Polen: Die Anteile an der G+J Sp. z o.o. (25,03 %), der G+J Gruner + Jahr Polska Sp. z o.o. & Co. Sp.k. (25,01 %) und der G+J Media Sp. z o.o. in Warschau (25 %) liegen bei der Polen Constanze-Verlag GmbH & Co. KG. Deren Gesellschafter sind zu 99,9 Prozent die CONSTANZE Auslandsholding und zu 0,1 Prozent die CONSTANZE Auslandsbeteiligungen GmbH.

• USA: 25,0674 Prozent der Gruner + Jahr Printing and Publishing Co. in New York hält die ASSET Beteiligungsgesellschaft mbH & Co. KG. Deren Anteile liegen komplett bei der Jahr-Holding.

Zwölf Erben wie Pech und Schwefel – und voll Liebe

Die Gesellschafter der Jahr GmbH, der Jahr Holding und der CONSTANZE Auslandsholding sind jeweils zu einem Viertel die vier Stämme der Familie Jahr: die drei Kinder von John Jahr jr. (1933-2006), Michael Jahr (74) und seine beiden Kinder, die drei Töchter von Alexander Jahr (1940-2006) sowie Angelika Jahr-Stilcken und ihre beiden Kinder. Winfried Steeger muss also die Interessen von zwölf unterschiedlichen Persönlichkeiten und Temperamenten berücksichtigen.

Anlässlich ihres Ausscheidens aus dem G+J-Vorstand 2008 sagte Angelika Jahr: „Der Jahr-Clan wächst und er hält zusammen wie Pech und Schwefel. Und wenn es wirklich einmal so weit kommen sollte mit dem Verkauf, dann werden wir zu Gruner + Jahr stehen. Denn – wie ich schon sagte – es ist Liebe“.

Media Tribune Premium-Content
Anzeige  

MEDIA TRIBUNE UNTERSTÜTZEN

AKTUELLE KOMMENTARE

Anzeige
Anzeige

© 2017 Media Tribune. All Rights Reserved.