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Gruner, Jahr und Bucerius gründen 1965 das Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr / 1969 verlässt Gruner Deutschland und verschafft Bertelsmann die G+J-Mehrheit



Die drei G+J-Gründer v.l.: Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner, John Jahr

Die drei G+J-Gründer v.l.: Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner, John Jahr

1965: Angesichts einer zunehmenden Konzentration der Presse und damit ihrer Druckereien kommen die Verleger Dr. Gerd Bucerius (für den Nannen-Verlag), John Jahr (für den Constanze-Verlag) und Richard Gruner zu dem Schluss, dass sie dem Wettbewerb besser gewachsen sein würden, wenn sie ihre Betriebe in einem gemeinsamen Unternehmen vereinigten. Zwei bis drei Jahre dauerten die Vorgespräche. Bei den drei Partnern wächst vor allem die Erkenntnis, dass der Vorsprung des Axel Springer Verlages auf dem Zeitschriftenmarkt nur durch ihre Fusion einzuholen ist.

Die Gruner + Jahr GmbH wird am 30. Juni 1965 von Gerd Bucerius (28,25 %), John Jahr (32,25 %) und Richard Gruner (39,5 %) gegründet. Alle drei Partner stammen aus unterschiedlichen Geschäftsfeldern. Richard Gruner betreibt ein – seit den 50er Jahren stetig wachsendes – großes Druckhaus in Itzehoe, in dem bereits u.a. der „Stern“ und die Frauenzeitschrift „Constanze“ und das Magazin „Schöner Wohnen“ von John Jahr gedruckt werden, der dritte Partner ist der Anwalt, Ex-CDU-Politiker und Verleger Gerd Bucerius mit „Stern“ und „Zeit“. John Jahr bringt seinen Constanze-Verlag mit ein.

Die heterogenen Persönlichkeiten kooperieren aufgrund geschäftlicher Beweggründe. Wie Gerd Bucerius 1965 feststellte, ergaben sich aus dem Zusammenschluss überzeugende Vorteile: „Wir sparen etwa 3 Prozent Umsatzsteuer. Wir kaufen Papier so billig ein wie Springer. Die Grossisten respektieren uns. Die Lesezirkel tanzen uns nicht auf der Nase herum.“ Der Zusammenschluss von bisher eigenständigen Unternehmen brachte jedoch unvermeidlich eine Reihe von Problemen mit sich. Da jedes Unternehmen sein eigenes Management hat, sind heftige Auseinandersetzungen über die Besetzung des neuen und gemeinsamen Managements unvermeidlich. Auch die drei Inhaber müssen ihr Verhältnis untereinander erst in der Praxis ausbalancieren.

Für Gruner Druck erweist sich die Fusion als vorteilhaft: Sie gewinnt damit einen festen Auftragsbestand aus der Gesellschafterverbindung zu zwei expandierenden Verlegern, der es gestattet, auf weite Sicht drucktechnisch zu planen und langfristige Investitionen vorzunehmen. Am Voßbarg in Itzehoe werden in einem neuen Industriegebiet 165.000 Quadratmeter erworben. Dort, nahe dem Ufer der Stör, wird eine neue Produktionsstätte entstehen.

1966: Während das Bruttoinlandsprodukt erstmals seit 1949 sinkt und der Nachkriegs-Aufschwung damit zu Ende geht, wird am Voßbarg mit dem Bau von Werk II begonnen. Die Pläne des Architekten berücksichtigen die neueste Entwicklung in der Technik des Druckereigewerbes und enthalten noch Reserven für künftiges langfristiges Wachstum.

1969: Seit einem Jahr zieht der Betrieb Schritt um Schritt vom ehemaligen Firmensitz in der Klaus-Groth-Straße zum Voßbarg um. Am 24. April ist die Einweihung. Nach dem Mitinhaber und Mitverleger Gerd Bucerius sprechen der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Dr. Helmut Lemke, der Itzehoer Bürgervorsteher Otto Eisenmann, das Vorstandsmitglied der IG Druck und Papier Werner Schmidt aus Stuttgart und schließlich der Chefredakteur des „Stern“ Henri Nannen. Generalthema der Reden ist die Pressefreiheit und damit die Aufgabe, die einem solchen Betrieb bei der Bildung der öffentlichen Meinung zufallen. Immerhin werden allein in Itzehoe von inzwischen 2.500 Mitarbeitern jährlich 265 Millionen Zeitschriftenexemplare gedruckt, wovon 100 Mio. auf den „Stern“ entfallen.

Allerdings zerbricht die während dieser Einweihungsfeier demonstrierte Einigkeit der drei G+J-Gesellschafter bereits ein halbes Jahr später. Vordergründiger Anlass des Streites ist der Rückzug des Münchner Verlags Kindler & Schiermeyer aus dem Zeitschriftengeschäft und der Erwerb von technischen Betrieben und Verlagsrechten durch Gruner + Jahr. Richard Gruner opponiert dagegen und überrascht seine Partner und die Belegschaft mit dem Verkauf seiner G+J-Anteile an die Bertelsmann AG in Gütersloh. Die Eigentumsverhältnisse von Gruner + Jahr werden neu geordnet: Jahr und Bucerius halten je 37,5 Prozent. Reinhard Mohn (Bertelsmann) beteiligt sich mit 25 Prozent. Ebenso verkauft Gruner seine 25 Prozent Beteiligung am „Spiegel“ an Rudolf Augstein. Bertelsmann wird vier Jahre später durch die Übernahme der Anteile von Gerd Bucerius G+J-Mehrheitsaktionär.

Richard Gruner löst auch seine übrigen Kapitalanlagen in der Bundesrepublik auf und verlegt seinen Wohnsitz zunächst in die Schweiz und dann nach Lichtenstein. Die Ära Gruner ist mit diesem radikalen Schritt endgültig vorbei. Nur der Name des Firmengründers bleibt bis heute erhalten. Gruner engagiert sich auf der Basis seiner Verkaufserlöse unternehmerisch im Ausland und verlegt einige Zeit das schweizerische „Sonntags Journal“. Der leidenschaftliche Pilot investiert auch in die amerikanische Luftfahrtindustrie und ist zeitweise der größte Einzelaktionär von American Airlines. Er verstirbt in Liechtenstein am 15. Januar 2010 im Alter von 84 Jahren. Der deutsche Medienunternehmer hatte seit 1968 seinen Wohnsitz in Vaduz.

John Jahr jun. vor dem Porträt seines Vaters

John Jahr jun. vor dem Porträt seines Vaters

John Jahr jun. beschrieb in seinem „Zeit“-Beitrag am 30. Juni 2005 anlässlich des 40. Geburtstages von Gruner + Jahr die Motive des Rückzuges von Richard Gruner aus seiner persönlichen Erinnerung so: „…Gleichzeitig machten wachsende Interessenunterschiede unter den drei Gesellschaftern, vor allem aber der Rückzug von Richard Gruner aus dem Unternehmen, den Einstieg von Bertelsmann bei Gruner + Jahr im Jahr 1969 möglich.

Richard Gruner misstraute damals zutiefst den politischen Entwicklungen nach der Ablösung der CDU-Alleinregierung. In jenen wilden Zeiten des Kalten Krieges war der Ost-West-Konflikt mit dem Säbelrasseln auf beiden Seiten auf dem Höhepunkt. Die Bundesrepublik war keineswegs gefestigt in die westliche Welt integriert. Die 68er Studenten schwärmten für Sozialismus und Kommunismus. Das alles führte letztlich dazu, dass Richard Gruner Deutschland verließ und unternehmerisch seinen Erfolg in den USA fortsetzte, z.B. als größter Einzelaktionär von American Airlines…“

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