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Gruner + Jahr und die Jahr-Gruppe scheiden 2011 aus dem „Prinovis“-Verbund aus – 2014 folgt das „Aus“ für die „Prinovis“-Betriebsstätte Itzehoe



2011: Im November wird die Abgabe der G+J-Anteile an Prinovis von 37,45 Prozent an arvato-Bertelsmann bekanntegeben. Damit scheiden Gruner + Jahr und die Jahr-Gruppe als G+J-Minderheitsgesellschafter bei Prinovis aus, und arvato-Bertelsmann hält jetzt 74,9 Prozent am Tiefdruck Joint-Venture. Weiterer Anteilseigner bleibt mit 25,1 Prozent die Axel Springer AG. Die unternehmerische Führung von Prinovis liegt bei arvato-Bertelsmann. Das Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr hat damit nach 36 Jahren seine gesellschaftsrechtliche Einbindung von Gruner Druck im Unternehmensbereich Druck endgültig gekappt und fungiert seither bei Prinovis nur noch in der Position des Auftraggebers für Druckaufträge.

2012 wird Prinovis aus dem arvato-Verbund des Bertelsmann-Konzerns herausgelöst und Teil der neu entstandenen Be Printers Group, einem Zusammenschluss der Druckaktivitäten von Bertelsmann. Bertelsmann hatte die Sparte der Be Printers Group abgetrennt, um die wachstumsstarke arvato nicht weiter mit dem schwächelnden Druckgeschäft zu bremsen. Be Printers bündelt 18 Produktionsstandorte in sechs Ländern. Die Kernmärkte sind Amerika, vor allem USA und Kolumbien, sowie Europa. In Europa ist Be Printers mit Prinovis in Deutschland und UK aktiv sowie in Italien und Spanien tätig. Somit steuert die Bertelsmann SE & Co. KGaA die Anteile von 74,9 Prozent nun direkt. Be Printers beschäftigt rund 6.400 Mitarbeiter und macht 2012 einen Umsatz von rund 1,2 Milliarden Euro. Der Umsatz von Prinovis liegt bei 650 Millionen Euro.

Im Mai 2012 hatte Dr. Bertram Stausberg den bisherigen Prinovis-Chef Thorsten Thiel abgelöst. Stausberg ist in Personalunion der Chief Executive Officer (CEO) von Be Printers. Bei „manager magazin.de“ heißt es am 27. Mai 2012: „Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszurechnen, dass das Druckereigewerbe nicht mehr zu den Zukunftsgeschäften von Bertelsmann gehört.“

6. Februar 2013: Der Tiefdruckstandort Itzehoe soll nach Planung der Prinovis-Gesellschafter und -Geschäftsleitung in der zweiten Jahreshälfte 2014 geschlossen werden. Die Gesellschafter genehmigten einen Antrag des Prinovis-Managements, mit den Arbeitnehmervertretern hierzu in entsprechende Verhandlungen einzutreten. Betroffen sind in Itzehoe rund 750 Prinovis-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sowie rund 250 Leiharbeitskräfte. Das teilte die Geschäftsleitung auf einer Betriebsversammlung in Itzehoe mit.

Die Nachricht, dass das Itzehoer Unternehmen acht Jahre nach der Übernahme liquidiert wird, kommt nicht überraschend. Der rückläufige europäische Druckmarkt führt zu mehr Maschinenkapazität als Nachfrage auf Kundenseite. Bei den vier deutschen Prinovis-Standorten kommt es zu einer Unterauslastung von rund 80 Prozent mit Auswirkungen auf die Profitabilität der Betriebe. Hauptgrund für die Auswahl von Itzehoe als Stilllegungsstandort ist die im Vergleich zu anderen Prinovis-Betrieben deutlich geringere Wettbewerbsfähigkeit in Bezug auf Personalkostenstrukturen und Effizienz des Maschinenparks. Damit werden in Itzehoe die mit deutlichem Abstand höchsten Stückkosten aller Prinovis-Standorte erreicht.

In einem Interview mit der „FAZ“ vom 6. Februar 2013 räumt Dr. Bertram Stausberg, CEO der Prinovis Ltd. & Co. KG, ein: „In der Tat haben wir in Itzehoe in den vergangenen Jahren weniger investiert. Aber das lag ein Stück weit auch daran, dass die Wirtschaftlichkeit der Investitionen an anderen Standorten besser war.“

„Wir werden nun in partnerschaftliche Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern eintreten und hoffen, den notwendigen Interessensausgleich und den Sozialplan zügig und fair verhandeln zu können, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Itzehoe schnellstmöglich Gewissheit über Rahmenbedingungen und den weiteren Ablauf bekommen“, so Stausberg in einer Pressemitteilung ebenfalls vom 6. Februar 2013.

8. Februar 2013: Die „FAZ“ berichtet, dass Bertelsmann die Prinovis-Druckereien im Alleingang restrukturieren muss. Im Gespräch mit der „FAZ“ hatte der Prinovis-Chef Stausberg die Restrukturierungskosten im Zusammenhang mit der Werksschließung in Itzehoe auf einen „zweistelligen Millionenbetrag“ veranschlagt. Eine solche Belastung werde durch die Finanzierung von den Gesellschaftern abgesichert. Nach Informationen der „FAZ“ wird jedoch ausschließlich Bertelsmann die erforderliche Finanzspritze zur Verfügung stellen müssen. Obwohl Axel Springer die Schließungsentscheidung inhaltlich voll mitträgt, wird sich der Konzern nicht an den damit verbundenen Kosten beteiligen und kein frisches Kapital zuschießen. „Als Minderheitsgesellschafter haben wir keine Nachschusspflicht. Das ist vertraglich so geregelt“, verlautet es aus dem Springer Verlag.

9. Februar 2013: Die Prinovis-Beschäftigten machen erstmals ihrem Frust über die angekündigte Schließung der Druckerei in Itzehoe Luft: Vor den Werkstoren versammeln sich rund 400 Beschäftigte und Angehörige zu einer Protestaktion. Mit Bannern, Fanfaren und einem als Tod verkleideten Kollegen weisen sie auf ihre Situation hin: „Wenn hier Prinovis dicht gemacht wird, ist Itzehoe sozusagen tot.“ Weitere Demonstrationen werden angekündigt, Lokal- und Landespolitiker schalten sich verstärkt ein, um die Schließung abzuwenden. Es würde zu einer deutlichen Schwächung der Region Steinburg in Schleswig-Holstein führen, wenn die Hallen am Voßbarg leer stünden, heißt es.

19. Februar 2013: Prinovis-Demonstration der Itzehoer Belegschaft vor der Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden 1 in Berlin anlässlich einer internen Managementkonferenz. Man wolle „den Bertelsmännern“ zeigen: „Wir sind überall, wo ihr auch seid“. Der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Dr. Thomas Rabe tritt vor die Demonstranten und stellt sich den Fragen. Er rechtfertigt die Schließung des Itzehoer Werks im Sommer 2014, verspricht faire Verhandlungen sowie einen angemessenen und gerechten Sozialplan. „Wir sind uns im Klaren, dass Itzehoe in einer sehr schwierigen Lage ist und dass es schwierig ist, in der Region Arbeitsplätze zu finden“. Man sei daher bereits im Gespräch mit der Politik.

23. Februar 2013: 2.000 Menschen protestieren in Itzehoe gegen die Prinovis-Schließung. An den Protesten beteiligten sich nicht nur Mitarbeiter, sondern unter dem Motto „Eine Stadt steht auf“ auch zahlreiche Bürger. Um 12.05 Uhr läuten im gesamten Kreis Steinburg die Kirchenglocken. Auf der Abschlusskundgebung fordern Vertreter aus der Politik sowie von Kirchen und Gewerkschaften sozialverträgliche Lösungen für die betroffenen Mitarbeiter. Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) fordert beide Konzerne auf, zu ihrer sozialen Verantwortung zu stehen. Die Landesregierung werde „beharrlich daran arbeiten, dass es eine Zukunft gibt, und zwar für jeden Einzelnen“, verspricht Meyer. Hans-Friedrich Tiedemann (CDU) betont, dass es nicht allein um die Arbeitsplätze gehe, sondern auch um das Umfeld. „Es muss jetzt eine Alternative geschaffen werden“, fordert er. Neben den Landespolitikern zeigen sich auch Kirchenvertreter solidarisch. Um 12 Uhr lassen sie in Itzehoe die Glocken läuten. Die Versammlung verläuft friedlich und störungsfrei, heißt es.

14. März 2013: Anlässlich des „Stern“-Relaunches mit einer für die Startausgabe um 60 Prozent erhöhten Auflage signalisiert der neue „Stern“-Chefredakteur Dominik Wichmann in einer Mail seine Verbundenheit mit den Druckern in Itzehoe: „Wir wissen sehr wohl, dass die Zeiten für die Kollegen in Itzehoe schwer sind. Sehr schwer. Gerade deshalb möchten wir Ihnen für Ihr Verantwortungsbewusstsein danken. In der heutigen Redaktionskonferenz gab es dafür Applaus.“

26. März 2013: Rund 90 Unterzeichner aus der Itzehoer Wirtschaft und Politik appellieren in einem offenen Brief an Bertelsmann und Springer. Die Verantwortlichen in Gütersloh könnten die Dimensionen einer Stilllegung nicht in ihrer ganzen Breite sehen: „Die sollten sich einmal klar machen, was es hieße, wenn in Gütersloh der zweitgrößte Arbeitgeber liquidiert werden würde.“ Der Beschluss sei noch nicht endgültig, arbeitsrechtlich müsse dem finalen Schließungsbeschluss der Versuch eines Interessenausgleichs mit dem Betriebsrat voraus gehen. Dieser beziehe sich immer auf eine beabsichtigte unternehmerische Entscheidung. „Die Verantwortlichen werden sich hüten, von einer beschlossenen Schließung zu sprechen. Andernfalls würden erhebliche Sanktionszahlungen als Nachteilsausgleich an die Mitarbeiter zu zahlen sein.“ Der Brief wurde an die Gesellschafter, Aufsichtsräte, Vorstände, Geschäftsführer und Repräsentanten von Bertelsmann und Springer sowie den Vorstand der Bertelsmann-Stiftung und an Prinovis-Chef Dr. Bertram Stausberg geschickt, und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig wurde um Vermittlung gebeten.

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