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Von einer Kölner Papiergroßhandlung zur Tiefdruckerei in Itzehoe (1879 – 1946)



Erste Tiefdruckmaschine der Firma Gruner & Sohn

Erste Tiefdruckmaschine der Firma Gruner & Sohn

1879: Im Alter von 29 Jahren macht sich der junge Otto Gruner in Köln mit der Filiale einer Papiergroßhandlung selbständig. Unter dem Namen Gruner & Keiser steigt das Unternehmen bis zur Jahrhundertwende zu einem der führenden Unternehmen im Papiergroßhandel im Rheinland auf. Die Spezialität sind Feinpapiere mit Wasserzeichen und Opalinekartons. Zudem entdeckt Gruner ein weiteres Geschäftsfeld: In der rapide wachsenden Industrie werden immer mehr Spezialpapiere, vor allem Millimeterpapier, von den Ingenieuren und technischen Zeichnern verbraucht. Eine offensichtlich sehr weitsichtige Entscheidung, denn Artikel wie Millimeterpapier werden auch unter der Leitung der Nachkommen Otto Gruners noch viele Jahrzehnte zum Angebotsprofil der Firma gehören.

1891: Von den dreizehn Nachkommen Otto Gruners tritt als erster der älteste Sohn Otto in die Firma ein. Der jüngste Sohn Richard, wird in diesem Jahr geboren. Seit zwölf Jahren ernährt der Papierhandel die Familie Gruner in Köln mehr schlecht als recht.

1909: Noch ist der Papiergroßhandel so etwas wie ein Familienbetrieb. Richard, der jüngste Sohn, beginnt dort neunzehnjährig mit seiner kaufmännischen Lehre. Sein älterer Bruder Otto bereitet sich unter der Führung des Vaters seit Jahren auf die Rolle eines Juniorchefs vor.

1914: Gruners Teilhaber Keiser scheidet aus, Otto Gruner jun. tritt an dessen Stelle. Von nun an heißt die Firma wie sie sich jahrzehntelang nennen wird: Gruner & Sohn.

1917: Nach dem Tod von Otto Gruner sen. führt Otto jun. die Geschäfte. Der jüngste Bruder Richard Gruner geht als Angestellter zu einer Exportfirma in Hamburg und wird dort trotz seiner Jugend – er hat gerade ausgelernt – aufgrund seiner Sprachkenntnisse als Repräsentant in die USA geschickt. Die Verbindungen, die er dort knüpft, führen 1918 zu ersten US-Aufträgen für technische Maßpapiere für Gruner & Sohn: die Fenster zur Welt sind für das noch kleine Familienunternehmen geöffnet.

Richard Gruner – Herz und Motor des Unternehmens

Richard Gruner – Herz und Motor des Unternehmens

1923: Nach dem Tod von Otto Gruner wird sein Bruder Richard im Alter von 29 Jahren Chef der Firma, die inzwischen 15 Mitarbeiter hat.

1924: Richard Gruner sieht in Köln im von Frankreich besetzten Rheinland für seine Firma keine Perspektive mehr. Er knüpft an seine Verbindungen in Hamburg an und sucht im Norden nach einem neuen Firmensitz. Viel Geld kann er nicht investieren; weshalb er das wenig ansehnliche Gebäude der alten Hafermühle in Itzehoe-Sude erwirbt und an diesem neuen Standort zunächst den Papiergroßhandel Gruner & Sohn fortführt.

1925: Dem Gruner-Betrieb fehlen zunehmend die Perspektiven. Seine ausländischen Kunden beziehen ihre technischen Maßpapiere jetzt direkt von den Herstellern. Das Firmenkapital ist durch Verluste, Inflation und Umzug weitgehend aufgezehrt. Zwar ist Richard Gruner in Itzehoe bereits in der Lage, im begrenzten Umfang Millimeterpapiere im Tiefdruck zu produzieren, aber seine technische Ausrüstung ist sehr begrenzt und überaltert. Zeitweise kann er nur mit Mühe das Geld für die Löhne aufbringen.

Die alte Hafermühle in Itzehoe-Sude

Die alte Hafermühle in Itzehoe-Sude

1926: Durch einen gerichtlichen Vergleich wird die Firma saniert: Richard Gruner wird Alleininhaber, er zahlt der Frau seines 1920 verstorbenen Bruders ihren Anteil am Geschäft aus, ebenso etwas später die Anteile seiner Mutter. Der eigentliche Durchbruch zum Druckgeschäft bringt für Gruner & Sohn die Hamburger Zigarettenfabrik Reemtsma, die ihren Packungen ab 1925 kleine Bildchen beilegt. Ein Druckauftrag, der schon bald erweitert wird: Die Bilder wurden durch Schecks ersetzt, die Sammler gegen Bilderserien eintauschen konnten. Damit wächst der Druckereibereich zunehmend.

1935 ist die Zahl der Mitarbeiter auf 130 gestiegen, vor allem aufgrund der wachsenden Reemtsma-Aufträge stellt sich der wirtschaftliche Erfolg für Gruner & Sohn in Itzehoe ein. Richard Gruner ist Sympathisant des neuen Regimes. Daher profitiert er an den Druckaufträgen des wachsenden Propagandabedarfes für die NSDAP mit NS-Bildserien wie „Adolf Hitler” im Tiefdruck. Aufgrund der Produktionserweiterungen entstehen im Sommer 1935 neue und größere Produktionsstätten in der Itzehoer Klaus-Groth-Straße.

Weiterverarbeitung altes Werk

Weiterverarbeitung altes Werk

1938: Den NS-Machthabern passt das Konzept der aufstrebenden und modernen Druckerei Richard Gruners gut ins regionale Propagandakonzept des industriell noch schwachen Standortes von Itzehoe, zumal Gruner aus seiner Sympathie dem Regime gegenüber keinen Hehl macht. Da er seine Mitarbeiter, im NS-Vokabular seine „Gefolgschaft”, am Erfolg des Unternehmens in patriarchalischer Art mit der Einrichtung einer Werksküche, Sportabteilung und Betriebsausflügen finanziert, ja sogar Betriebstreue mit Dividendengutschriften belohnt, verleiht die „Deutsche Arbeitsfront” der Druckerei den Titel „Nationalsozialistischer Musterbetrieb”. Zwischen 1933 und 1938 verdoppelt sich die Belegschaft auf 70 Beschäftigte und wächst bis 1939 auf 130 Mitarbeiter. Richard Gruner hat sich mit den Nazis mehr als arrangiert. In einer Anzeige des Parteiblattes „Schleswig-Holsteinische Tageszeitung” bedankt sich Richard Gruner 1938: „Die nationale Erhebung und der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft haben dem Unternehmen einen erfreulichen Aufstieg gebracht.”

Richard Gruner sen. 1891-1946

Richard Gruner sen. 1891-1946

1939: Richard Gruner, der schon im ersten Weltkrieg Soldat war, wird als Reserveoffizier eingezogen. Auch die meisten Betriebsangehörigen von Gruner Druck müssen zur Wehrmacht. Andere, für die es im Druckgewerbe nun keine Arbeit mehr gibt, werden für Betriebe der Rüstungsindustrie und andere kriegswichtige Betriebe zwangsverpflichtet. Die Wirtschaft wird jetzt nicht zuletzt durch den Einsatz von Zwangsarbeitern aufrechterhalten, auch bei Gruner & Sohn. Papier und andere Materialien werden nach kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten bewirtschaftet, was für eine mittelständische Druckerei viele Schwierigkeiten mit sich bringt. Tatsächlich endet der Reemtsma-Auftrag mit einer antibritischen Bildserie. Die alte Belegschaft schrumpft in kurzer Zeit auf 30 Mitarbeiter, die nun vor allem Millimeterpapier drucken, das von der auf Hochtouren laufenden Rüstungsindustrie und der Wehrmacht angefordert wird.

1945: Wie die meisten anderen Betriebe kann auch Gruner & Sohn nach dem Zusammenbruch zunächst nicht produzieren. Die Bombardierung Itzehoes hat zwar keine Schäden in der Druckerei angerichtet, aber die Druckerei wird im Herbst 1945 auf Anordnung der Militärbehörden wegen ihrer Rolle als „Musterbetrieb” bei den Nazis und Produktionsstätte der NS-Bilderserien geschlossen. Erst im März 1946 erfolgt eine offizielle Registrierung der Betriebe des graphischen Gewerbes des Kreises, die Produktion kann wieder beginnen.

(Fotonachweis: Alle Bilder G+J-Archiv, u.a. aus der Festschrift „125 Jahre Gruner Druck”, 2004)

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