Anzeige
Anzeige

John Jahr zur Gründung von G+J am 30. Juni 1965 – Ein Gespräch vor 10 Jahren mit dem letzten Zeitzeugen



Nur noch ein Stumpf: Unter dem Apfelbaum im Garten des Jahr-Anwesens an der Alsterkrugchaussee 286 in Hamburg gründeten Gerd Bucerius, Richard Gruner und John Jahr sen. am 30. Juni 1965 das Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr.

Nur noch ein Stumpf: Unter dem Apfelbaum im Garten des Jahr-Anwesens an der Alsterkrugchaussee 286 in Hamburg gründeten Gerd Bucerius, Richard Gruner und John Jahr sen. am 30. Juni 1965 das Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr.


Lieber Herr Jahr, am 30. Juni 1965 wurde in Ihrem Elternhaus an der Alsterkrugchaussee der Vertrag zur Gruner + Jahr-Fusion unterschrieben. Können Sie sich daran noch genau erinnern?

John Jahr Ja, absolut. Es war ein sehr schöner Sommertag. Wir saßen mit der illustren Gesellschaft, also den Gesellschaftern, Anwälten und Wirtschaftsprüfern, im Garten und aßen Erdbeerkuchen mit Schlagsahne. Unter einem Apfelbaum. Das war aber nur der Tag der Unterschrift. Die Gespräche bis zu dieser Unterzeichnung dauerten mehrere Jahre seit Anfang der 60er. Das war also keineswegs eine schnelle, leichtfertige Entscheidung der drei Partner, sondern ein wohlüberlegter Prozess, gemeinsam im Zeitschriftengeschäft stark zu werden.

John Jahr jr., * 27. Dezember 1933, † 14. August 2006; ältester Sohn und 1956 Assistent von John Jahr sen., ab 1957 Verlagsleiter von „Brigitte“ und ab 1964 Geschäftsführer im Constanze-Verlag; von 1965 bis 2000 Geschäftsführer bzw. Vorstand bei G+J. Hier beim Gespräch im Juni 2005 vor einem Porträt seines Vaters. (Copyright: G+J)

John Jahr jr., * 27. Dezember 1933, † 14. August 2006; ältester Sohn und 1956 Assistent von John Jahr sen., ab 1957 Verlagsleiter von „Brigitte“ und ab 1964 Geschäftsführer im Constanze-Verlag; von 1965 bis 2000 Geschäftsführer bzw. Vorstand bei G+J. Hier beim Gespräch im Juni 2005 vor einem Porträt seines Vaters. (Copyright: G+J)

Sie waren von Anfang an einer der Geschäftsführer und später Vorstandsmitglied des Druck- und Verlagshauses und blieben es mehr als 35 Jahre. Vermutlich ein Weltrekord?

Jahr Ich weiß es nicht, ob das ein Weltrekord ist, aber das können wir eigentlich vernachlässigen. Über solche Weltrekorde rede ich nicht …

… hanseatisch bescheiden.

Jahr Wenn Sie so wollen. Ich war in der Tat von Anfang an dabei. Deshalb war und ist für mich diese Fusion der Partner Bucerius, Gruner und Jahr auch das wichtigste Ereignis meines beruflichen Lebens gewesen. Es war, ist und bleibt ein großer Erfolg.

„Gerd Bucerius war der eigentliche Motor für die Fusion von G+J“

Bei der Gründung waren Köpfe wie Gerd Bucerius, Henri Nannen, Richard Gruner und Ihr Vater, John Jahr senior, dabei. Wie haben Sie diese Persönlichkeiten erlebt?

Jahr Gerd Bucerius war der eigentliche Motor für die Fusion, die 1965 Gruner + Jahr entstehen ließ: Als Realist glaubte er nicht daran, dass ein Verlag mit nur einem oder zwei Titeln dem verschärften Wettbewerb und den heraufziehenden Veränderungen im Zeitschriftenmarkt und in der Drucktechnologie gewachsen sein könnte. Bucerius hielt die beiden anderen immer wieder bei der Stange und engagierte sich am stärksten. Vor allem galt es, sich gegen den damals im Zeitschriftengeschäft marktbeherrschenden Springer-Verlag zu behaupten. Der zeigte Anfang der 60er Jahre mit Titeln wie der aufstrebenden „Hörzu“ und der anerkannten „Kristall“ eine besondere Wachstumsdynamik.

Obwohl Bucerius, wie Sie sagen, die treibende Kraft der Fusion war, kommt sein Name im Firmenschild von Gruner + Jahr nicht vor. Warum?

Jahr (lacht) Stellen Sie mal das Wortungetüm eines solchen Firmennamens vor, das wäre schrecklich gewesen. Jahr erklärte damals sehr überzeugend, warum Bucerius im Firmennamen nicht vertreten war: „Er hat keinen Wert darauf gelegt. Wir fanden es auch phonetisch nicht gut: Bucerius, Gruner + Jahr. Drei Namen klingen einfach nicht.“ Damit war diese Frage völlig uneitel und schlicht erledigt. Sie kennzeichnet auch, wie die drei miteinander geschäftlich umgingen: Es kam immer auf die für alle Seiten nützlichen Ergebnisse an. Nicht mehr oder weniger. Punkt.

Welchen Anteil hatte Richard Gruner an der Gründung von Gruner + Jahr?

Ménage-à-trois: Die Gründer Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner und John Jahr sen. mit ihrem gemeinsamen Schriftgut im turbulenten Frühjahr 1968. (Copyright: G+J)

Ménage-à-trois: Die Gründer Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner und John Jahr sen. mit ihrem gemeinsamen Schriftgut im turbulenten Frühjahr 1968. (Copyright: G+J)


Jahr Er war der Jüngste unter den Dreien und stand mir damals persönlich schon altersmäßig am nächsten. Wir kannten und duzten uns schon lange. Als ich eine Druckerlehre bei der Hamburger Druckerei Broschek anfing, war Richard im dritten Lehrjahr. Er wurde ein gut ausgebildeter Drucker und erfolgreicher Geschäftsmann mit einem guten Gespür für die Zukunft. Richard war 1946 als ein junger Mann von 21 Jahren gezwungen, nach dem tödlichen Unfall seines Vaters die Druckerei in Itzehoe von einem auf den anderen Tag zu führen. Richard Gruner sen. hatte den richtigen Riecher für das Wachstum im Tiefdruckgeschäft nach dem Krieg. Kurz vor seinem tödlichen Unfall hatte er eine weitere Tiefdruckrotationsmaschine gepachtet und damit die Voraussetzung für den Druck von Zeitschriften geschaffen. Das erwies sich für den jungen Richard als eine günstige Startposition. Schnell entwickelte er sich trotz seiner jungen Jahre als ein selbstbewusster, kaufmännisch versierter Selfmademan, und er suchte weitere Druckaufträge in der nahen Pressestadt Hamburg. Dorthin brauste er gern mit seinem schnittigen Sportcoupé.

„Gruner dachte in Hinsicht moderner Drucktechnologien weit voraus.“

Und welche Druckobjekte zog er damals an Land?

Jahr Zu den ersten bekannten Zeitschriftenobjekten, die in Itzehoe hergestellt wurden, gehörten die „Hörzu“ vom Verleger Axel Springer und der „Stern“ von Bucerius. Er druckte auch Zeitschriften für den Constanze-Verlag von John Jahr, wie „Constanze“, „Brigitte“ oder „Schöner Wohnen“. Anfang der 60er Jahre wollte er im noch größeren Stil in noch modernere Technik investieren. Also ein Mann, den ich damals sehr schätzte und der in Hinsicht moderner Drucktechnologien weit voraus dachte, aber auch allgemein wirtschaftliche Entwicklungen im Blick hatte. Jahre später war er beispielsweise der größte Aktionär bei American Airlines. Vor der Gründung von Gruner + Jahr war Richard bereits am Nannen-Verlag von Bucerius beteiligt. Er wusste damals also über das Verlagsgeschäft Bescheid, stand mit seinen späteren Partnern bereits in engem Geschäftskontakt und kannte deren Hauptobjekte aus eigener Anschauung.

„Henri Nannen war für den Erfolg von Gruner + Jahr von großer Bedeutung“

Wie war die Position von „Stern“-Chefredakteur Henri Nannen? Ihm hatte ja bei Gründung des „Stern“ ein ordentlicher Anteil des Henri Nannen Verlages gehört.

Henri Nannen, * 25. Dezember 1913, † 13. Oktober 1996; 1948/49 Herausgeber, 1949 bis 1981 Chefredakteur und von 1982 bis 1983 wieder Herausgeber der Illustrierten „Stern“, von 1948 bis 1951 Gesellschafter und bis 1965 Geschäftsführer im Verlag Henri Nannen; bis 1983 Geschäftsführer bzw. Vorstand bei G+J. (Copyright: „Stern“)

Henri Nannen, * 25. Dezember 1913, † 13. Oktober 1996; 1948/49 Herausgeber, 1949 bis 1981 Chefredakteur und von 1982 bis 1983 wieder Herausgeber der Illustrierten „Stern“, von 1948 bis 1951 Gesellschafter und bis 1965 Geschäftsführer im Verlag Henri Nannen; bis 1983 Geschäftsführer bzw. Vorstand bei G+J. (Copyright: „Stern“)

Jahr Nannen war Gründer und Chefredakteur und somit seit Beginn der 50er Jahre seinem Partner Bucerius verbunden. Der Verlag des „Stern“ trug damals seinen Namen. Er persönlich war ursprünglich am Nannen-Verlag mit 37,5 Prozent beteiligt. 1950 stieg Bucerius mit 50 Prozent ein, übertrug aber die Besorgung des Verlagsgeschäftes des „Stern“ auf seinen Zeit-Verlag. Nicht dumm. Ein Jahr später übernahm Richard Gruner von dem Elektrohändler Walter Heise dessen 12,5 Prozent am Nannen-Verlag. Ein weiteres Jahr später gab Nannen im Wege einer erforderlichen Kapitalerhöhung seine Anteile von 37,5 Prozent eher unfreiwillig an Bucerius ab. Er blieb aber als Chefredakteur weiter der starke Erfolgsmotor des „Stern“. Nannen war damals der Auffassung, sein Partner Bucerius hätte ihm das Geld für die damals erforderliche Kapitalerhöhung leihen können. Was der aber nicht tat. So fühlte sich Nannen über viele Jahre von Bucerius als Gesellschafter herausgedrängt und er hatte erst in den 60er Jahren mit Bucerius seinen Frieden gemacht. Nannen war für den Erfolg von Gruner + Jahr von großer Bedeutung, nicht aber an seiner Gründung beteiligt.

Wie kamen denn beide miteinander aus?

Jahr Nannen und Bucerius waren sehr unterschiedliche Charaktere: Bucerius war ausschließlich vom Intellekt gesteuert und außerstande, wie Nannen, „aus dem Bauch heraus“ zu entscheiden. Ein reiner Verstandesmensch, Jurist, auch mit einer gewissen, sagen wir mal, Gerissenheit ausgestattet, stets auf seinen Vorteil bedacht, wie sich beispielsweise in unübersichtlichen Neben-Abreden zeigte. Nannen wiederum war neidisch auf Bucerius‘ Brillanz, auf dessen intellektuellen Habitus und natürlich auf dessen Bildung, im Zweifel auch auf die Schlitzohrigkeit, mit der Bucerius als Advokat zu agieren verstand. Da hat es immer wieder kräftig gekracht. Auch zwischen Bucerius und seinen Partnern Gruner und Jahr. Das waren keine Liebesbeziehungen.

Wie haben die Verlagsgründer dennoch ihre Interessen unter einen Hut gebracht?

Jahr Sie waren ja bereits erfolgreiche Unternehmer. Sie hatten ein Gefühl für künftige Herausforderungen, für Markt und Wettbewerb. Und sie hatten trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere die nötige Disziplin, sich zum gemeinsamen Unternehmen „zusammenzuraufen“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Alle drei haben sich vor der Fusion seit Anfang der 60er Jahre ja intensiv damit beschäftigt, ob sie denn als gestandene Unternehmer und Verleger wirklich noch so flexibel sein können, ihre Alleinherrschaftsansprüche zugunsten einer Partnerschaft weitgehend aufzugeben. Sie haben einen Weg gefunden, und im Ergebnis hatten sie damit Erfolg. Der war aber zur Gründung keineswegs sicher.

John Jahr sen., * 20. April 1900, † 8. November 1991; ab 1948 Verleger im Constanze-Verlag und von 1950 bis 1960 Gesellschafter im Spiegel-Verlag; 1965 Gründer von G+J, 2014 verkauften seine Enkel die restlichen Anteile an Bertelsmann. (Copyright: G+J)

John Jahr sen., * 20. April 1900, † 8. November 1991; ab 1948 Verleger im Constanze-Verlag und von 1950 bis 1960 Gesellschafter im Spiegel-Verlag; 1965 Gründer von G+J, 2014 verkauften seine Enkel die restlichen Anteile an Bertelsmann. (Copyright: G+J)

„Jahr war wohl der am besten ausgebildete Verlagsmensch im Kreis der Gründer“

Nun zu Ihrem Vater, dem „alten Jahr“ …

Jahr Jahr war konservativ und ausgleichend, der wohl am besten ausgebildete Verlagsmensch im Kreis der Gründer. Er hatte seit 1920 selbst als Journalist gearbeitet, war ab 1924 Verleger der Sportzeitung „Sport Chronik“. Dann war er für den kommunistischen Münzenberg-Konzern als Anzeigen-Generalvertreter erfolgreich aktiv. Eine Fußnote am Rande: Die KPD half ihm nach dem Krieg bei dem erforderlichen Entnazifizierungsverfahren zum Erhalt der Zeitschriftenlizenz der „Constanze“. Nach 1933 arrangierte Jahr sich als formales NSDAP-Mitglied mit den neuen Machthabern, um in Berlin Fuß zu fassen. Er wurde Verleger der Zeitschrift „Die junge Dame“, rettete eine florierende Reise- und Versandbuchhandlung und den Verlag „Die Heimbücherei“ über den Zweiten Weltkrieg. Kurz: Jahr war kein Nazi. Aber er kannte sich wie kein anderer in dem Beziehungsgestrüpp von Papierbeschaffung, Druckaufträgen, Vertrieb, Annoncenakquisition bis hin zu den hilfreichen politischen Verbindungen in allen Lagern im Dritten Reich aus.

Vor allem mit seiner listenreichen Beschaffung des sehr knappen Rohstoffes Papier half er übrigens Axel Springer bei der Verwirklichung von dessen frühen verlegerischen Vorhaben als bescheidener Buchverleger seines ererbten Verlages Hammerich & Lesser. Was nach dem Krieg zu einer Freundschaft beider trotz einiger geschäftlicher Konflikte führte. Jahr hatte also das Verlegertum nicht nur von der Pike auf gelernt, er beherrschte es zu allen Zeiten aus dem Effeff.

Wie war denn Ihre persönliche Meinung zur G+J-Fusion?

Jahr Ich habe zusammen mit meinen Geschwistern Michael, Alexander und Angelika oft mit dem Senior darüber gesprochen. Das war ihm wichtig. Wir sind zum Schluss gekommen, dass die Fusion eine Entscheidung war, die nur er allein treffen konnte. Wir wollten natürlich nicht, dass er am Ende seiner Tage – er war damals 65 – mit seiner Fusionsentscheidung hätte unglücklich werden können. Aber das war dann ja auch nicht der Fall.

Meine Bedenken waren anfangs, dass vor der G+J-Gründung keiner von den Dreien vorher irgendjemanden bei seinen jeweiligen Aktivitäten zu fragen brauchte. Unter dem neuen Dach Gruner + Jahr mussten sie sich aber abstimmen. Deswegen wurde Einstimmigkeit vereinbart. Das erschwerte in den ersten Jahren immens das Zusammenwachsen zu einem Unternehmen und wurde erst mit der Umwandlung von G+J in eine Aktiengesellschaft Anfang der 70er Jahre überwunden. Aber es hat in der ersten Zeit keine so grundlegenden Streitereien gegeben, die den Bestand des neuen Unternehmens in Frage gestellt hätten. Alle drei waren sehr diszipliniert. Sie waren Profis.

Dr. Gerd Bucerius, * 19. Mai 1906, † 29. September 1995; ab 1946 Verleger der Wochenzeitung „Die Zeit“, ab 1949 Gesellschafter im Verlag Henri Nannen, 1953 bis 1957 bei Ullstein und 1961/62 im Spiegel-Verlag; 1965 Gründer von G+J, 1973 tauschte er seine Anteile gegen Bertelsmann-Aktien. (Copyright: Zeit-Stiftung)

Dr. Gerd Bucerius, * 19. Mai 1906, † 29. September 1995; ab 1946 Verleger der Wochenzeitung „Die Zeit“, ab 1949 Gesellschafter im Verlag Henri Nannen, 1953 bis 1957 bei Ullstein und 1961/62 im Spiegel-Verlag; 1965 Gründer von G+J, 1973 tauschte er seine Anteile gegen Bertelsmann-Aktien. (Copyright: Zeit-Stiftung)

Wie waren die Gewichte der drei untereinander verteilt?

Jahr Jeder hatte etwa ein Drittel, Buci mit 28,25 Prozent etwas weniger, Gruner mit 39,5 etwas mehr, weil der ja auch die 12,5 Prozent vom „Stern“ noch hatte, die mussten ja bewertet werden. Jahr genau in der Mitte mit 32,25 Prozent. Also waren die Kräfteverhältnisse in etwa ausgeglichen. So mussten sie als Partner untereinander stets den Konsens suchen. Nicht immer einfach bei so unterschiedlichen Temperamenten. Aber sie gewannen dafür gemeinsam an verlegerischer Stärke.

Worin bestand diese Stärke?

Jahr Die Vorteile lagen doch auf der Hand: Die drei hatten größeren Einfluss bei Lieferanten und im Vertrieb. Sie konnten auch mehr Geld investieren, was auch gemacht wurde. Also theoretisch leuchtete jedem vom ersten Tag an ein, dass die Fusion der richtige Weg war. Wenn sie denn in der Praxis funktionieren würde.

Bucerius schrieb damals aus Anlass der G+J-Fusion im Juli 1965 an seine „Zeit“-Leser: „Wir sparen etwa 3 Prozent Umsatzsteuer. Wir kaufen Papier so billig ein wie Springer. Die Grossisten respektieren uns. Die Lesezirkel tanzen uns nicht auf der Nase herum.“

Können Sie sich an die Presseresonanz auf die G+J-Gründung 1965 erinnern?

Jahr Aber ja doch. Die Verlags-Fusion galt als spektakulär, sie wurde keineswegs bejubelt, sondern kontrovers und sogar mit ein wenig Häme kommentiert. So witzelte der „Spiegel“ damals: „Drei Männer wollen gemeinsam ‚Schöner Wohnen’; sie haben ‚Zeit’ und ‚Capital’; ihnen leuchtet wöchentlich ein guter ‚Stern’ von allen Kiosken, und die Mitgift der drei fetten Schwestern ‚Constanze’, ‚Brigitte’ und ‚Petra’ ist ihnen gewiss.“ Das zeigt, dass damals viele Redaktionen in der Medienberichterstattung eine kritische Distanz zu den Verlegern ihrer Zeit hatten.

Anfang der 70er Jahre war ich (Jens J. Meyer; Anm. d. Red.) Mitarbeiter bei Gruner + Jahr. Das war damals bei weitem noch kein einheitlicher Verlag. Man fühlte sich als Mitarbeiter vom Nannen- oder Constanze-Verlag oder von Gruner Druck, nicht aber unbedingt von G+J.

Jahr Ja, so war das. Das Gefühl der Einzelfirmen hielt lange. Mitarbeiter, Management und Gesellschafter brauchten lange, um zu einer Einheit zusammen zu wachsen. An diesem Prozess hatten später Reinhard Mohn und Bertelsmann im positiven Sinn einen großen Anteil. Mohn stärkte das gemeinsame Handeln.

„Rudolf Augstein schätzte John Jahr, weil dieser ihm das Verlagsgeschäft beigebracht hatte“

Das Trio der drei G+J-Gründer hätte ja auch ein Quartett sein können, wenn man an Rudolf Augstein denkt. Erst war Jahr, später waren Gruner und Bucerius Gesellschafter beim „Spiegel“. Im Gegenzug war Augstein kurzfristig am Zeit-Verlag beteiligt. Warum hat Augstein bei Gruner + Jahr nicht mitgemacht?

Jahr Zum Verständnis der Konstellation muss ich etwas zurückgehen in die Anfänge der Pressegeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Augstein saß ursprünglich mit seinem „Spiegel“ im zerbombten Hannover. Augstein und Jahr kannten sich über den damaligen „Constanze“-Chefredakteur Hans Huffzky. Jahr hatte Augstein geraten: „Wenn Sie ein bedeutender Verlag werden wollen, müssen Sie in eine vernünftige Stadt ziehen“. Und das war Hamburg, Hannover eher die Provinz. Jedenfalls kam er nach Hamburg, und Jahr baute das Verlagsgeschäft für den „Spiegel“ richtig auf. Das hat ihm Augstein nie vergessen.

Jahr ist einer der ganz wenigen gewesen, der sich stets für die Freiheit und die Unabhängigkeit von Redaktionen eingesetzt hatte. Er sagte stets, „Ihr könnt schreiben, was ihr wollt. Ich sorge dafür, dass die Anzeigenaufträge kommen. Hauptsache, es ist wahr, was ihr schreibt“. Hier hatten sich Augstein und Jahr sehr gut verstanden und waren eng befreundet.

Trotzdem trennten sich die Wege beider im Verlagsgeschäft?

Jahr Richtig. Ende der 50er Jahre liebäugelte Augstein mit einer Wochenzeitung als Konkurrenz gegen die „Zeit“. Davon hielt Jahr überhaupt nichts. Sie konnten sich über diese Pläne nicht einigen. Wie unter Gentlemen schlug dann Jahr seinem Partner Augstein vor: “Ich kann und will Dein Projekt nicht mittragen, aber ich will Dir auch nicht im Wege stehen. Bring mir einen Käufer und dann verkaufe ich den Anteil entweder an dich oder an den und dann gehst du deinen Weg alleine“. Um die freundschaftliche Beziehung der Jahr-Familie zu Augstein nicht zu gefährden – man wohnte damals in Alsterdorf Haus an Haus –, verkaufte mein Vater dann 1960 seine ‚Spiegel‘-Anteile von 50 Prozent an Bucerius und Gruner.

Rudolf Augstein, * 5. November 1923, † 7. November 2002; ab 1947 Chefredakteur und ab 1952 Herausgeber des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Alle drei G+J-Gründer waren zeitweilig seine Partner, das Unternehmen ist seit 1971 am Spiegel-Verlag beteiligt. (Copyright: Spiegel-Verlag; Foto: Monika Zucht)

Rudolf Augstein, * 5. November 1923, † 7. November 2002; ab 1947 Chefredakteur und ab 1952 Herausgeber des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Alle drei G+J-Gründer waren zeitweilig seine Partner, das Unternehmen ist seit 1971 am Spiegel-Verlag beteiligt. (Copyright: Spiegel-Verlag; Foto: Monika Zucht)

„Der Verkauf der ‚Spiegel‘-Anteile war der größte kaufmännische Fehler seines Lebens, wie mein Vater mir später einmal eingestand“

War das für Ihren Vater eine kluge Entscheidung?

Jahr Im Rückblick sicher nicht. Es war der größte kaufmännische Fehler seines Lebens, wie mein Vater mir später einmal eingestand. Die Verbindung zwischen Bucerius und Augstein hielt dann nur kurze Zeit, Anfang 1962 haben sie sich wieder diskret getrennt, weil bei dem neuen Projekt einer Wochenzeitung nichts funktionierte. Obwohl sich beide als Verleger respektierten, waren sie doch in ihrem Wesen viel zu unterschiedlich. Gruner behielt 25 und Augstein hatte dann 75 Prozent am Spiegel-Verlag. Sie verstehen: Nach dieser bunten Vorgeschichte standen einem theoretisch denkbaren Viererbund Augstein, Bucerius, Gruner und Jahr zu viele Barrieren im Wege.

Obwohl sich Augstein und Jahr getrennt hatten, kehrte Jahr noch einmal in die Geschäftsführung des Spiegel-Verlages zurück, als Augstein während der Spiegel-Affäre 1962 in Untersuchungshaft saß …

Jahr Diese spontane Hilfestellung war für meinen Vater für seinen Freund Rudolf Augstein eine Selbstverständlichkeit. Augstein überlegte vor seiner Verhaftung: „Ich muss jemanden da haben in der Zeit meiner Untersuchungshaft, der das Spiegel-Geschäft führt, der also unbelastet ist.“ Dann hat er den alten Jahr wieder als Geschäftsführer eingesetzt. Darüber wurde seitens Jahr nie geredet. Bedenken Sie die Dimensionen der damaligen Ereignisse: Die Verhaftung und Untersuchungshaft Augsteins von rund drei Monaten war mehr als eine Affäre. Es ging um die ökonomische Existenz des Spiegels; ja, es ging um die Pressefreiheit in der noch ungefestigten jungen Bundesrepublik. Da zogen beherzte Verleger wie Jahr und eine zunehmend engagierte Öffentlichkeit an einem Strang.

Kommen wir zu einem anderen Hamburger Verleger. Axel Springer war auch mit Ihrem Vater befreundet und Mitgründer der „Constanze“.

Jahr Ja, seit 1949 waren Springer und Jahr 50/50-Partner im Constanze-Verlag. Beide hatten mit vielen Anstrengungen die „Constanze“-Lizenz von der britischen Besatzungsbehörde erworben und waren seit den 30er Jahren privat wie geschäftlich verbandelt. Springer verkaufte 1960 seine Constanze-Anteile an Jahr; auf dessen sanften Druck hin. Denn Jahr hatte in den 50er Jahren für Springer geschäftlich viel getan, so zum Beispiel über den Zeitraum mehrerer Jahre für Springer den komplizierten Kauf des Ullstein-Verlages eingefädelt. Aber nach Tische las es sich anders: Jahr hatte von der Zusammenarbeit nur wenig profitiert, wie er meinte. Er kam zu dem Entschluss, dass er nur mit eigener Kraft und am besten ohne seinen persönlichen Freund Springer weiter im Verlagsgeschäft wachsen kann. Ihr Vorrat an geschäftlichen Gemeinsamkeiten war in ihrer Partnerschaft weggeschmolzen. Das tat aber ihrer freundschaftlichen Verbindung keinen Abbruch.

Axel Springer, * 2. Mai 1912, † 22. September 1985; schuf ab 1946 seinen Konzern, gründete 1948 mit Jahr „Constanze“ und war bis 1960 beteiligt, übernahm 1953 „Die Welt“, kaufte sich 1956 bei Ullstein ein und erwarb 1959 den Rest.

Axel Springer, * 2. Mai 1912, † 22. September 1985; schuf ab 1946 seinen Konzern, gründete 1948 mit Jahr „Constanze“ und war bis 1960 beteiligt, übernahm 1953 „Die Welt“, kaufte sich 1956 bei Ullstein ein und erwarb 1959 den Rest.

„Springer war damals das große Vorbild als expandierender Großverlag“

Sie sagten Anfangs, dass Bucerius vor allem in Springer eine Gefahr sah …

Jahr Springer war damals das große Vorbild als expandierender Großverlag. Das erkannte Bucerius messerscharf und argumentierte: „Wenn wir überhaupt etwas erreichen wollen, dann müssen wir eine Fusion machen, um zu Springer aufschließen zu können. Dann kommen wir ran“. Springer war im Zeitschriftengeschäft weit voraus. Danach kamen mit gehörigem Abstand die kleineren Einzelverlage wie Nannen, Constanze, Spiegel, Bauer, Burda oder Ganske mit dem Jahreszeiten-Verlag. Nicht zu vergessen „Quick“ mit Theodor Martens und Diedrich Kenneweg, „Neue Illustrierte“ mit Gustav Blankenagel, „Frankfurter Illustrierte“ mit Werner Wirthle und Helmut Kindler mit „Revue“ und „Bravo“. Die spielten alle ungefähr in einer Liga. In dieser Hinsicht spielte Springer im Hintergrund eine sehr große und bedeutende Rolle bei der Gründung von Gruner + Jahr.

Wie war das Verhältnis zwischen den Verlegern untereinander im Allgemeinen?

Jahr Trotz unterschiedlicher Interessen ihrer Häuser waren viele Verleger miteinander befreundet. Privat hat man also von den geschäftlichen Spannungen nichts gemerkt. Als meine Eltern Goldene Hochzeit feierten, da waren alle da.

Sehr gut erinnere ich (Jens J. Meyer; Anm. d. Red.) mich an meine Lehrzeit im Constanze-Verlag. Damals wurde erzählt, es gebe zwischen John Jahr und Axel Springer sogar einen „Freundschaftsvertrag“, ich werde diese Bezeichnung nie vergessen, der besagte, John Jahr macht keine Programmzeitschrift, und Axel Springer macht keine Frauenzeitschrift. Und dass auf diesem Wege auch die „Brigitte“ von Ullstein zu Jahr kam.

Jahr Das stimmt. Jahr hatte Axel Springer zu Beginn ihrer Partnerschaft zugesichert: „Ich mache Frauen- und Spezialzeitschriften, darauf kannst Du dich verlassen. Ich mache aber nichts auf Deinem Zeitschriftensektor“. Das hielt solange, bis sich Gruner + Jahr unter dem ersten Vorstandsvorsitzenden Ernst Naumann 1970 an der TV-Zeitschrift „Gong“ beteiligte. Dann galt diese ungeschriebene Regel nicht mehr. Heute wäre so etwas schon aus kartellrechtlichen Gründen ohnehin nicht möglich.

„Richard Gruner hatte größte Bedenken, dass hier Kommunisten und Sozialisten das Ruder an sich reißen“

Als Gruner + Jahr 1965 startete, wurde die Bundesrepublik schon seit 16 Jahren von der CDU regiert. 1966 kam die Große Koalition und 1969 die sozial-liberale Bundesregierung. Gruner verkaufte daraufhin seine Anteile und verließ das Land. Zur selben Zeit begann der Aufstieg von Bertelsmann unter der Regie von Reinhard Mohn. Dieser stieg zuerst mit 25 Prozent bei Gruner + Jahr ein und ein Jahr später – vorübergehend – mit 33 Prozent bei Springer. Wie haben Sie den Abschied von Richard Gruner erlebt?

Richard Gruner, * 25. Dezember 1925, † 13. Januar 2010; ab 1946 Inhaber der Druckerei Gruner + Sohn, ab 1950 Gesellschafter im Verlag Henri Nannen und ab 1961 im Spiegel-Verlag. 1965 Gründer von G+J, 1969 verkaufte er die Spiegel- und G+J-Anteile an seine jeweiligen Partner.

Richard Gruner, * 25. Dezember 1925, † 13. Januar 2010; ab 1946 Inhaber der Druckerei Gruner + Sohn, ab 1950 Gesellschafter im Verlag Henri Nannen und ab 1961 im Spiegel-Verlag. 1965 Gründer von G+J, 1969 verkaufte er die Spiegel- und G+J-Anteile an seine jeweiligen Partner.

Jahr Richard misstraute damals zutiefst den politischen Entwicklungen nach der Ablösung der CDU-Alleinregierung. Bedenken Sie bitte jene wilden Zeiten: Damals war der Ost-West-Konflikt mit dem Säbelrasseln auf beiden Seiten auf dem Höhepunkt. Die Bundesrepublik war keineswegs gefestigt in die westliche Welt integriert. Die 68er Studenten schwärmten euphorisch für Sozialismus und Kommunismus. Da konnte einem Unternehmer schon etwas angst und bange werden. Richard war ein vorsichtiger Mann und hatte die größten Bedenken, dass hier eines Tages die Kommunisten und Sozialisten das Ruder an sich reißen. Er sah tatsächlich die Gefahr, dass ganz Europa langsam in den Kommunismus abdriften würde. Der Kalte Krieg war im vollen Gange. Ob die Amis oder die Russen gewinnen würden, das war offen. Richard sagte: „Ich gehe raus aus Deutschland“. Im Hintergrund hatte sicherlich auch mitgespielt, dass Bucerius und Jahr damals die Objekte „Eltern“ und „Jasmin“ von Kindler & Schiermeyer mit einem hohen Finanzbedarf übernehmen wollten. Das ging Gruner doch zu schnell, weil die Fusion in der Unternehmensstruktur noch nicht verkraftet war. Richard argumentierte nicht zu Unrecht: „Wir sind noch gar nicht richtig fusioniert, und ihr kauft da schon wieder neue Objekte, und zwar gewaltige Objekte“. Ähnlich wie die Osterweiterung Europas heute.

Daraus entwickelten sich eine neue Gesellschafterkonstellation bei Gruner + Jahr …

Jahr Mit dem Ausstieg von Richard Gruner wurde letztlich mittelbar das Tor zum Einstieg von Bertelsmann geöffnet.

Sie hatten dann Reinhard Mohn im Haus. Und es gab gleich Schwierigkeiten, weil Bertelsmann sich in der so genannten „Elefanten-Hochzeit“ auch mit Springer liierte. Zeitweilig war Bertelsmann ja zu einem Viertel bei Gruner + Jahr beteiligt und gleichzeitig mit einem Drittel bei Springer. Wie haben Sie diese Doppelbindung erlebt?

Jahr Die Doppelbindung von Bertelsmann zu Gruner + Jahr einerseits und Springer andererseits erwies sich damals nur als eine sehr kurze Episode, die von Manfred Köhnlechner still und heimlich eingefädelt worden war. Die konnte sich nicht als tragfähig erweisen und führte zu massiven Konflikten. Praktisch war schon nach 14 Tagen klar, dass das ein einsamer Ritt von Manfred Köhnlechner und Christian Kracht war …

… die beiden Generalbevollmächtigten von Reinhard Mohn und Axel Springer.

Jahr Ja. Diese von ihnen anvisierte Doppel-Konstellation konnte nicht funktionieren. Ich glaube, dass hinterher Reinhard Mohn das auch so sah, ebenso wie Axel Springer.

Und der „Stern“ hat das kritisch kommentiert.

Jahr Sicher, das war und ist auch seine journalistische Aufgabe. Springer ging damals zu seinem Freund John Jahr und sagte „Ich glaube, wir haben hier alle einen Fehler gemacht, ich brauche jetzt einen guten Anwalt, der die Verbindung zwischen Bertelsmann und uns wieder entflechten kann“.

Wer wurde das dann?

Jahr Die Empfehlung meines Vaters war der Anwalt Bernhard Servatius.

Servatius als Scheidungsanwalt bei Verlagen …

Jahr (lacht) Ja, Servatius als Scheidungsanwalt. Der hat die Verbindung wieder gelöst, zur Zufriedenheit von Springer und Mohn. Das war ein großes Glück, denn die Doppelbeteiligung wäre für keinen der Partner auf Dauer ein Segen gewesen.

Dann hat Mohn sein Engagement bei Gruner + Jahr verstärkt, nachdem er bei Springer wieder raus war. Der Wegbereiter war Bucerius, der seine Anteile gegen Bertelsmann-Aktien tauschte.

Jahr Die Kaufsumme der Gruner-Anteile war sehr hoch für das Unternehmen Gruner + Jahr. Jahr und Bucerius wollten sich nicht verschulden und argumentierten: „Wir geben lieber ab an einen investitionsstarken und zukunftsorientierten Partner“. Bucerius gab zunächst 25 Prozent der Gruner-Anteile an Bertelsmann ab und wurde 1971 dort Aufsichtsratsvorsitzender. Im nächsten Schritt trennte er sich dann 1973 von den gesamten 35 Prozent.

… indem er sie gegen Bertelsmann-Anteile eintauschte.

Jahr Weil er meinte, dass er mit den 11,5 Prozent an Bertelsmann mehr hätte als mit seinem Anteil nur an Gruner + Jahr. Das ist, wenn Sie es rein wirtschaftlich sehen, bestimmt nicht sehr weitsichtig gewesen. Denn Gruner + Jahr war damals innerhalb des gesamten Bertelsmann-Verbundes wirtschaftlich sehr stark.

Reinhard Mohn, * 29. Juni 1921, † 3. Oktober 2009; ab 1947 Chef des Hauses Bertelsmann, das in vier Schritten sämtliche G+J-Anteile übernahm: 1969 von Gruner, 1973 von Bucerius, 1975 von Jahr und 2014 von dessen Erben. (Copyright: Bertelsmann)

Reinhard Mohn, * 29. Juni 1921, † 3. Oktober 2009; ab 1947 Chef des Hauses Bertelsmann, das in vier Schritten sämtliche G+J-Anteile übernahm: 1969 von Gruner, 1973 von Bucerius, 1975 von Jahr und 2014 von dessen Erben. (Copyright: Bertelsmann)

„Reinhard Mohn erwies sich als ein verlässlicher, vor allem weitschauender und investitionsfreudiger Partner.“

Zwei Jahre später hat Ihre Familie ebenfalls ein stattliches Paket an Bertelsmann verkauft und begnügte sich mit einer Sperrminorität von 25,1 Prozent. Gruner + Jahr ist seit 1975, also nunmehr 30 Jahren, zu 74,9 Prozent ein Teil des Bertelsmann-Konzerns. War es die richtige Entscheidung?

Jahr Für die Jahrs war es eigentlich egal, ob sie mit 33 oder 25 Prozent an G+J beteiligt waren. Wichtig war für uns die Sperrminorität. Bis heute.

Reinhard Mohn erwies sich als ein verlässlicher, vor allem weitschauender und investitionsfreudiger Partner. Daher war die 1975 gefundene Beteiligungskonstellation richtig. Und wir sind ja mit den Bertelsmännern über alles gesehen nicht schlecht gefahren.

Eklats blieben aus. Allerdings gab es einen spektakulären Skandal bei einem Ihrer Titel. Was hat für Sie der Wirbel um die gefälschten „Hitler-Tagebücher“ 1983 im „Stern“ im Rückblick bei Gruner + Jahr und generell im deutschen Journalismus verändert?

Jahr Das war ein irrsinniger Schock. Ich war als junger Mann zur Ausbildung bei „Time Life“ in New York. Als ich 1983 von diesem Wirbel deprimiert war, haben die mich aufgemuntert. Denn „Time Life“ war früher einmal auf vermeintliche Memoiren von Mussolini reingefallen. Die „Time Life“-Leute haben mir dann mit diesem Hinweis Mut gemacht: „Das ist alles vergänglich, es wird wieder gut werden“. Heute ist dieser Wirbel seit langem abgeschlossen und ein Stück bewältigter Vergangenheit. Viele haben daraus gelernt. Generell habe ich den Eindruck, dass man heute in den Redaktionen aller Verlage mit vermeintlichen Dokumenten, die angeblich die Welt verändern, sehr viel vorsichtiger umgeht. Es wird heute mehr wissenschaftlich geprüft und hinterfragt. So gesehen, hatte diese Affäre für das gesamte deutsche Pressewesen eine gute Seite.

Was waren für Sie persönlich die drei wichtigsten Ereignisse in 40 Jahren Gruner + Jahr?

Jahr Die Fusion. Das war für mich das wichtigste. In Verbindung damit natürlich auch der Erfolg der Fusion. 40 Jahre Gruner + Jahr sind ein großer Erfolg. Mein Vater hatte einen Schwager, der uns damals bei der Fusion beraten hat. Der war Europamanager von Johnson & Johnson, einem weltweit tätigen Pharmazie- und Konsumgüterhersteller. Also einem US-Unternehmen, das durch Fusionen immer größer wurde. Der hatte Jahr geraten: „Unterschätzt nicht, wie schwierig es ist zu fusionieren, das dauert meistens sehr viel länger als man glaubt, mindestens zehn Jahre“. Und zweitens hat er gesagt: „Es wird oft von Fusionen gesprochen, aber wenn man nachher kontrolliert, wie viel Fusionen wirklich funktioniert haben, dann sind es ganz wenige.“ Also haben wir mit der Gründung von Gruner + Jahr das große Rad im deutschen Verlagswesen gedreht.

Was ist G+J Ihrer Ansicht nach noch gelungen?

Jahr Das Zweite ist, dass es G+J als erster deutscher Großverlag ab 1977 geschafft hat, auf den Auslandsmärkten Fuß zu fassen – mit einem nennenswerten Umsatzanteil von jetzt 60 Prozent.

Für mich ist auch wichtig, dass es nach dem Tod von John Jahr gelungen ist, die Familie, zu der auch sehr unterschiedliche Charaktere gehören, stets unter einen Hut zu bringen und auf einer Linie zu halten. Die Familienbande sind sehr fest und nicht zerbröselt.

Ist „Hamburger Kumpanei“ als Kennzeichen für das Verhältnis der Hamburger Verlage untereinander für Sie ein negativer Begriff?

Jahr (lacht) Nee, überhaupt nicht. Also das fehlt ja heute ein bisschen. Die Verleger waren damals befreundet, wirklich befreundet, und trotzdem gingen die mit ihren unabhängigen Redaktionen heftig aufeinander los, und keiner von ihnen nahm das sonderlich übel. Heute ist ja immer ein bisschen Kleinkrieg unter den Verlagen. Bei jeder Kleinigkeit wird lamentiert, „Der hat uns da schlecht behandelt“ oder „Was haben die wieder über uns geschrieben“. So etwas gab es damals nicht. Da hieß es, „Die Redaktionen sind unabhängig, die sind völlig frei und die können schreiben, was sie für richtig halten. Das hat mit unseren persönlichen Beziehungen nichts zu tun“. In jener Zeit hat beim Bauer-Verlag Siegfried Moenig eine große Rolle gespielt. Und der sah das genauso. Absprachen gab’s da auch nicht, aber man hatte so gewisse Ziele und Vorstellungen, wie man das Verlagsgeschäft unter Respektierung der jeweiligen Interessen führte. Dafür waren die freundschaftlichen Beziehungen sehr gut, auch wenn es geschäftlich knallharte Einstweilige Verfügungen und juristische Kämpfe hin und her gab. Eine solche Koexistenz von privater Freundschaft und geschäftlicher Auseinandersetzung gibt es in dieser oder ähnlicher Form heute leider nicht mehr.

„Ich beobachte, dass die Persönlichkeiten vor 40 Jahren wohl etwas eckiger und kantiger waren“

Vergleichen Sie einmal die Situation, die Sie 1965 bei Gründung von Gruner + Jahr erlebt haben mit der Situation 2005, mit der Verlage, die Verleger wie auch die Manager konfrontiert sind: Was ist Ihrer Beobachtung in den 40 Jahren gleichgeblieben, und was hat sich geändert?

Jahr Die Einführung des Privatfernsehens und der Online-Medien haben das Verlegergeschäft stark verändert. Die Printmedien müssen sich realistisch mit den Verdrängungsgefahren auseinandersetzen. Das ist aber für mich grundsätzlich nichts Neues. Verlegen bedeutet immer Verändern und Erneuern und nicht Konservieren und Abschotten. Das hat sich nicht geändert, auch wenn das Wehklagen der Branche einen anderen Eindruck erzeugt.

Bei den handelnden Personen beobachte ich, dass die Persönlichkeiten vor 40 Jahren wohl etwas eckiger und kantiger waren. Ganz egal, wen Sie da nehmen, ob Jahr, Nannen, Gruner oder Bucerius. Das gilt auch für Burda, Bauer, Springer oder Mohn. Die hatten ihre Stärken und Schwächen und machten daraus kein großes Geheimnis. Sie konnten sich selbst auf den Arm nehmen und nahmen nicht alles so tierisch ernst.

Und heute?

Jahr Heute sind sie eher glatter und diplomatischer. Das liegt aber auch an den Anforderungen der heutigen Zeit, über die man nicht lamentieren sollte. Es wirkt in den Verlagen alles so glatt und so runtergebügelt. Wenn man allein die Pressemitteilungen der Verlage sieht: wie mit dem Bügeleisen runtergedampft mit 27 Konjunktiven in zehn Zeilen. Da kann Ihnen Kurt Otto Geschichten aus dem Verlagsalltag aller Häuser erzählen, die hören sich grausig an. Wenn man generell die Auseinandersetzungen in Medien und der Wirtschaft sieht, dann sind die Zusammenhänge zunehmend komplex und kompliziert. Aber deswegen muss die Gesamtstimmung nicht so negativ sein wie sie leider ist. Mein Lebensprinzip lautet „Immer locker bleiben“. Heute fehlt das. Mehr Gelassenheit und Ruhe täte uns allen gut, ob in den Verlagen und in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und in der Politik. Denn in der Ruhe liegt die Kraft.

Media Tribune Premium-Content
Anzeige  

MEDIA TRIBUNE UNTERSTÜTZEN

AKTUELLE KOMMENTARE

Anzeige
Anzeige

© 2017 Media Tribune. All Rights Reserved.