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65 Jahre „Die Welt“: Vom Flagg- zum Schlachtschiff



Die Initiative soll Ende 1945 von Brigadegeneral W.E. Gibson ausgegangen sein. Er wollte im britisch besetzten Teil Deutschlands eine eigene, überregionale Zeitung mit hohem Anspruch starten, um damit den Blättern der Sowjets („Tägliche Rundschau“ seit Mai 1945) und der US-Amerikaner („Neue Zeitung“ seit Oktober 1945), die in deren Zonen erschienen, Paroli zu bieten. Deshalb bekam Henry B. Garland, Oberst der britischen Militärregierung und im Hauptberuf Germanistik-Professor an der Universität Exeter, den Auftrag, eine Redaktion „aus fähigen, aber unbelasteten deutschen Journalisten“ zusammenzustellen, „denen ein Maximum an Unabhängigkeit einzuräumen“ sei. Mit dabei: Peter de Mendelsohn, der schon seit 1926 in Berlin als Journalist gearbeitet hatte, der Kritiker Willy Haas (zur gleichen Zeit Gründer der „Literarischen Welt“) und Bernhard Menne (späterer Begründer und langjähriger Chefredakteur der „Welt am Sonntag“). Start der ersten Ausgabe: 2. April 1946.

Sieben Jahre danach, am 17. September 1953, kaufte Verleger Axel Cäsar Springer, 41-jährig, „Welt“ und „Welt am Sonntag“ für rund 2,7 Millionen D-Mark. Vorher hatte er bereits die Rundfunkzeitschrift „Hör Zu“, das „Hamburger Abendblatt“ und „Bild“ ins Leben gerufen. Der Kauf der „Welt“, so damals ein Beobachter, verlieh ihm auch „das Relief des großen, seriösen, politisch einflussreichen Verlegers.“ Doch sein Verhältnis zur „Welt“ war und blieb schwierig, wie Autor und Politikwissenschaftler Hans-Peter Schwarz („Axel Springer. Die Biografie“, 2008) in der Sonderbeilage der Tageszeitung am 2. April 2011 anlässlich des Jubiläums schreibt.

65 Jahre "Die Welt": Vom Flagg- zum SchlachtschiffEin Grund war, dass sich die politische Orientierung des Verlegers im Laufe der 32 gemeinsamen Jahre (Springer starb 1985) änderte. „1953, als er mit Hilfe Adenauers ‚Die Welt‘ erwirbt, ist Springer ein wendiger Linksliberaler“, so Schwarz. „1957 mutiert er zum atompazifistischen, entpannungswütigen Linken und reist im Winter 1958 zusammen mit dem Chefredakteur der ‚Welt‘, Hans Zehrer, nach Moskau, um mit Chruschtschow über die Wiedervereinigung zu verhandeln.“ Springer sei aber abgeblitzt, kehrte wütend zurück und habe Zehrer dann ermuntert, künftig „klug auf die Ostzone zu kloppen.“ In den 60er-Jahren drehte sich das Blatt dann hin zum Konservativen, beschreibt Schwarz. 1967, im „Zäsurenjahr“, als sich die Studentenbewegung auf Springer einschoss und auch Titel wie „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“ Springer heftig kritisierten, verwandelte sich laut Schwarz das pluralistische, auch schöngeistige „Flaggschiff“ (ein Begriff, den Springer verwendete) zum Schlachtschiff. „Bei Springers Kampf gegen die ’neue Ostpolitik‘ und gegen die Anerkennung der unfreien sowjetischen Satrapie DDR sind seine wichtigsten Waffen ‚Bild‘ und ‚Die Welt‘. ‚Bild‘ sichert ihm wie bisher die Meinungshoheit über den Stammtischen und in den Werkskantinen, ‚Die Welt‘ soll das konservative Bürgertum bei der Stange halten“, so Schwarz. Diese Erwartungshaltung sei bis Springers Tod so bestehen geblieben.

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