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Bertelsmann stuft G+J nach 42 Jahren zur GmbH & Co. KG zurück



Nach der vollständigen Übernahme zum 1. November 2014 kündigte die Bertelsmann-Pressestelle subito bereits am 14.11. den erwarteten Rechtsformwechsel an: Die jetzt zu 100 Prozent zu Bertelsmann gehörende Gruner + Jahr AG & Co. KG wird nach 42 Jahren ihre Rechtsform wieder in die alte GmbH & Co. KG umwandeln, vorbehaltlich eines entsprechenden Beschlusses der G+J-Hauptversammlung noch in diesem Jahr, also nur eine Formalie. Damit wird auch der bisherige Aufsichtsrat entfallen, und ebenso die beiden Vertreter der Jahr-Familie, Angelika Jahr-Stilcken (73) und Dr. Winfried Steeger (64), Geschäftsführer der Jahr Holding und bisher Stellvertreter des AR-Vorsitzenden, Bertelsmann-Chef Dr. Thomas Rabe (49). Damit ist die Jahr-Ära 49 Jahre nach der Gründung des Druck- und Verlagshauses Vergangenheit.

Der Rechtsformwechsel soll mit Eintragung im Handelsregister beim Amtsgericht Hamburg wirksam werden, womit Anfang 2015 gerechnet werden kann. G+J weist ergänzend intern darauf hin, dass erst mit Vollzug des Wechsels die „Umstellung der Geschäftsausstattung (Briefpapier, Visitenkarten, E-Mail-Abbinder etc.) erfolgt“. Also alles Business as usual?


Persönlich oder beschränkt

Mit der neuen Rechtsform nimmt G+J eine Sonderstellung unter den Wettbewerbern Burda, Bauer und Springer ein: Die Heinrich Bauer Verlag KG und die Hubert Burda Media Holding KG sind lupenreine Kommanditgesellschaften, bei denen die Verleger Heinz Bauer bzw. Dr. Hubert Burda jeweils persönlich haften, während die von Gruner + Jahr bevorzugte GmbH & Co. KG die Haftung beschränken soll. Und vor einem Jahr wurde die börsennotierte Axel Springer AG, deren Aktien zu 40,4 Prozent im Streubesitz liegen, in die Axel Springer SE umgewandelt.


Erbitterte Konflikte zwischen den Gesellschaftern

Nein. Denn mit der Löschung der Gruner + Jahr AG & Co. KG geht ein bedeutendes Kapitel der deutschen Pressegeschichte zu Ende: Vor 42 Jahren, am 5. Dezember 1972, wurde im Handelsregister Itzehoe die Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr Aktiengesellschaft eingetragen. Zuvor gab es erbitterte Konflikte zwischen den Gesellschaftern John Jahr sen. (1900-1991), Dr. Gerd Bucerius (1906-1995) und Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn (1921-2009) um die Macht bei G+J.

Fakt ist: Reinhard Mohn gab damals die verbindliche Zusage, dass G+J „im Marktverhalten, sowie der führungsgemäßen und administrativen Struktur auch in Zukunft eigenständig bleiben würde“, wenn Bertelsmann, Gütersloh, die Mehrheit habe. Und Fakt ist ferner, dass John Jahr sen. 1972 die Bertelsmann-Mehrheit an G+J für ein Unglück hielt.

Erster Vorstandsvorsitzender von G+J: Ernst Naumann

Erster Vorstandsvorsitzender von G+J: Ernst Naumann

Erst 1971 hatten sich die Mitgründer John Jahr sen. und Dr. Gerd Bucerius nach langen internen Querelen aus der aktiven Geschäftsführung zurückgezogen, um einem angestellten versierten und verlagserfahrenen Topmanagement Raum zu geben für Expansion wie Konsolidierung des Verlages, der noch immer an den organisatorischen Folgen des Zusammenschlusses der Unternehmen der Gründer Jahr, Bucerius und Richard Gruner (1925-2010) seit 1965 litt. Mit Umwandlung der Komplementär-Gesellschaft Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr GmbH in eine Aktiengesellschaft wurden in den ersten Vorstand berufen: Ernst Naumann (1921-2004) als Vorsitzender sowie John Jahr jr. (1933-2006), Henri Nannen (1913-1996), Rolf Poppe (1928-2007) und Adolf Theobald (1930-2014).


Nach 42 Jahren ratlos

Dem sechsköpfigen Aufsichtsrat von Gruner + Jahr gehörte ab 24. Januar 1973 auch ein Vertreter der Mitarbeiter an. Am 1. Juli 1974 wurde die Zahl der Sessel auf zwölf verdoppelt. Bis zur Umwandlung bildeten drei Betriebsräte sowie ein Vertreter der Führungskräfte ein Drittel des Kontrollgremiums. Bei Mutter Bertelsmann herrschte von 1971 bis 2002 ebenfalls Drittelparität. Aktuell sitzen unter den siebzehn Mitglieder des Aufsichtsrats nur vier Betriebsräte und der Vorsitzende der Führungskräftevertretung. Das geschieht allerdings auf freiwilliger Basis, weil die Medienunternehmen nach § 118 Betriebsverfassungsgesetz den sogenannten Tendenzschutz genießen. Aus diesem Grunde werden bei Axel Springer sämtliche neun Aufsichtsratsmitglieder von der Hauptversammlung der Aktionäre gewählt.


Erklärt wurde diese Maßnahme damals mit dem Erfordernis, dem Druck– und Verlagshaus eine „gemäße Organisationsform zu geben, die nach dem Aktiengesetz eine Eigenständigkeit und Kontinuität in die Geschäftsführung bringt sowie die Möglichkeit eines leichteren Zugangs zum Kapitalmarkt eröffnet“. Das dürfte heute mit dem alleinigen Gesellschafter Bertelsmann keine Bedeutung mehr haben, obwohl Bertelsmann in seiner Pressemitteilung zur neuen Rechtsform den Fortbestand der Eigenständigkeit beschwört: „An der eigenverantwortlichen Führung von G+J durch das Management ändert sich nichts.“ – Schauen wir mal.

Axel Springers Übermacht schweißte die Truppe zusammen – anfangs

Die drei Gründerväter von G+J (v. l.): Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner und John Jahr

Die drei Gründerväter von G+J (v. l.): Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner und John Jahr

Zurück zu den turbulenten Gründer-Jahren: Die drei Partner, die sich am 30. Juni 1965 unter der Firma Gruner + Jahr verbündeten, stammten aus unterschiedlichen Geschäftsfeldern. Richard Gruner (39,5 %) betrieb eine Druckerei in Itzehoe, die im letzten Jahr (2013) unter Regie der Bertelsmann-Tochter Prinovis eingestellt und rückgebaut wurde, und war mit 12,5 Prozent am „Stern“ beteiligt. Der zweite Partner war der Anwalt, Ex-CDU-Politiker und Verleger Dr. Gerd Bucerius (28,25 %) mit „Die Zeit“ und der „Stern“-Mehrheit. John Jahr (32,25 %) brachte den Constanze-Verlag ein, den er 1947 mit Axel Springer (1912-1985) gegründet hatte.

Dr. Gerd Bucerius

Dr. Gerd Bucerius

Diese heterogenen Persönlichkeiten kooperierten zur Abwehr der damals übermächtigen Konkurrenz des Axel Springer Verlages auch aufgrund handfester geschäftlicher Beweggründe. Wie Gerd Bucerius 1965 feststellte, ergaben sich aus dem Zusammenschluss überzeugende Vorteile: „Wir sparen etwa 3 Prozent Umsatzsteuer. Wir kaufen Papier so billig ein wie Springer. Die Grossisten respektieren uns. Die Lesezirkel tanzen uns nicht auf der Nase herum.“ Der Zusammenschluss von drei bisher eigenständigen Unternehmen brachte jedoch unvermeidlich eine Reihe von Problemen mit sich. Da jedes Unternehmen seine eigene Administration hatte, waren heftige Auseinandersetzungen über die Besetzung des neuen und gemeinsamen Managements unvermeidlich. Auch die drei Verleger mussten ihr Verhältnis untereinander erst in der Praxis ausbalancieren, was letztlich bis 1975 dauern sollte, als Bertelsmann mit 74,9 Prozent die bestimmende G+J-Mehrheit hatte.

Richard Gruner holte Bertelsmann ins Boot

Richard Gruner

Richard Gruner

So waren die Jahre zwischen 1965 und 1975 ein Jahrzehnt des erbitterten Konfliktes: Die mühsam gewonnene Einigkeit der drei Gesellschafter zerbrach bereits 1969. Vordergründiger Anlass des Streites war der Rückzug des Münchner Verlags Kindler & Schiermeyer aus dem Zeitschriftengeschäft und der Erwerb von technischen Betrieben und Verlagsrechten durch Gruner + Jahr. Richard Gruner opponierte dagegen und überraschte seine Partner und die Belegschaft mit dem Verkauf seiner G+J-Anteile an Bertelsmann.

Die Eigentumsverhältnisse von Gruner + Jahr wurden im Mai 1969 neu geordnet: Jahr und Bucerius hielten jetzt je 37,5 Prozent. Reinhard Mohn (Bertelsmann) beteiligte sich mit 25 Prozent. Ende 1969 übernahm Gruner + Jahr 90 Prozent des Münchner Verlags Kindler & Schiermeyer. Die restlichen 10 Prozent blieben zunächst beim dortigen geschäftsführenden Gesellschafter Ernst Naumann, der sie später gegen fünf Prozent der G+J-Anteile von Jahr und Bucerius tauschte.

Jahr über Bucerius: „Ihm ist nicht über den Weg zu trauen“

Anfang 1973 schließlich tauschte Gerd Bucerius nach heftigen Auseinandersetzungen mit Jahr sen. seine G+J-Anteile gegen Aktien der Bertelsmann AG, die dann mit 60 Prozent Mehrheitsgesellschafter von G+J wurde. Die restlichen Anteile hielten jetzt John Jahr (35 %) und Ernst Naumann (5 %). 1975 verkaufte John Jahr 9,9 Prozent seiner Anteile an die Bertelsmann AG und behielt 25,1 Prozent. Und 1976 übernahm die Bertelsmann AG die Anteile von Ernst Naumann und hielt damit insgesamt 74,9 Prozent. Diese Konstellation hielt dann bis zum 31. Oktober 2014.

Vor 42 Jahren eskalierte der Konflikt unter den Gesellschaftern bis in die Öffentlichkeit. Auslöser war eine fünfseitige Hausmitteilung vom 14. Dezember 1972 von John Jahr sen. an „unsere Herren und Damen Chefredakteure, Herren Geschäftsführer und Damen und Herren Betriebsräte, Herren des Redaktionsstatuts des ‚Stern‘, Herren des Informationsausschusses“ von Gruner + Jahr, nicht jedoch an Jahrs Mitgesellschafter, die nur „zur Kenntnisnahme“ bedacht wurden.

John Jahr sen.

John Jahr sen.

Jahr räumte in diesem ungewöhnlichen Brandbrief ein, dass „eine Neuordnung der Gesellschafteranteile zwingend war, weil Meinungsverschiedenheiten aufgetreten waren, die sonst nur im Prozesswege hätten entschieden werden können“, was alle Gesellschafter vermeiden wollten. Zusammengefasst erklärte Jahr damals: Die sich anbahnende Bertelsmann-Mehrheit an G+J hielt er für ein Unglück, wenngleich er aber selbst durch seine Anteilsübertragung aktiv dazu beigetragen hatte. Der Partner Bucerius sei an allem schuld, und überhaupt sei jenem nicht über den Weg zu trauen.

Jahr stellte erbost fest, „dass die vollzogene Mehrheit durch Bertelsmann nur mit Hilfe von Dr. Bucerius zustande kommen“ konnte, in seinen Augen „satzungswidrig“. Bucerius wie Naumann hätten von vornherein – seit sich Bertelsmann mit 25 Prozent an G+J im Mai 1969 beteiligte – in enger Anlehnung an Mitgesellschafter Mohn gehandelt. „Damit stieg meine Besorgnis um die Unabhängigkeit unserer Gesellschaft“. Und weiter: „Ich musste erkennen, dass ich mich einem Stimmenpool gegenüber sah.“ An der „sehr engen Verbindung Mohn/Bucerius“ sei auch der Versuch Jahrs gescheitert, seinerseits die Anteile von Dr. Bucerius zu erwerben.

Schlagabtausch in der Öffentlichkeit

Ohne Liz laeuft nix

Reinhard Mohn

Die Betroffenen antworteten umgehend mit eigenen Versionen. Bucerius schrieb am 16. Dezember 1972 unter anderem: „Seit geraumer Zeit war mir, dem heute 66jährigen, klar erkennbar, daß in naher Zukunft die Leitung des Hauses entweder in Händen des (nun 72jährigen) Herrn Jahr sen. und seiner Familie liegen, oder aber an Bertelsmann fallen würde. Nach langer Überlegung habe ich mich für Bertelsmann entschieden.“ Und Reinhard Mohn erinnerte in seinem Brief an die frühere Zusage, dass Gruner + Jahr „im Marktverhalten, sowie in der führungsmäßigen und administrativen Struktur, auch in Zukunft eigenständig bleiben würde“. Daran werde auch die „eventuell spätere Übernahme weiterer Geschäftsanteile von G+J bis zu gegebenenfalls 74,9 % nichts ändern“. – Wie sich die Zeiten wandeln.

Die „Süddeutsche Zeitung“ merkte damals ratlos zum „Gesellschafter-Krach bei Gruner + Jahr“ am 16.12. an: „Auf diese Vorwürfe, die nach der Geschichte des Hauses Gruner + Jahr zwar nicht ungewöhnlich sind, wohl aber noch nie vor einem so breiten Publikum ausgetragen wurden, antworteten Bucerius, Mohn und Naumann mit Briefen an denselben Empfängerkreis.“ Die staatstragende „FAZ“ machte in ihrem Bericht „Unruhe und Missstimmung bei Gruner + Jahr“ aus, so ihre Headline. Und in der „Welt“ hieß es am gleichen Tag: „Gruner + Jahr im Griff der Gütersloher“.

Jetzt ist dieser „Griff“ zu 100 Prozent komplett. Unfreiwillig paradox wirkte vor 42 Jahren die Schlusspassage des Jahr-Brandbriefes, heute so aktuell wie damals: „Mehr Frieden in dieser Welt wünscht Ihnen im neuen Jahr – Ihr John Jahr“

Autoren: Kurt Otto / Jens J. Meyer

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