Anzeige
Anzeige

Das Ende von Gruner Druck in Itzehoe



Über die Schließung von Gruner Druck – seit 2005 aufgegangen in den Prinovis-Druckereiverbund – ist viel spekuliert worden. Richtig ist in allen Analysen, dass sich die Rahmenbedingungen für Prinovis in den letzten zehn Jahren deutlich verschlechtert haben: Die deutsche und europäische Druckindustrie befindet sich wegen Überkapazitäten und einem damit einhergehenden Preisverfall im Niedergang. In der Medienindustrie verschieben sich die Anteile der gedruckten Medien zugunsten der elektronischen. Das Internet hat das Medienverhalten verändert. Die Auflagen von Zeitschriften sinken aufgrund der digitalen Konkurrenz und der Fragmentierung des Titelangebots; die großen Versandhändler wie Quelle und Neckermann sind verschwunden, weil Onlineshopping auf dem Vormarsch ist. Andere große Versender, wie der Otto-Versand (heute: OTTO-Einzelgesellschaft innerhalb der Otto Group), drucken deutlich weniger Kataloge als früher.

Der Markt schrumpft jährlich um zwei bis vier Prozent

Die aktuellen Markteinschätzungen bei Prinovis haben sich nicht verbessert: Die technische Kapazität im europäischen Druckmarkt (Illustrations-Tiefdruck und -Rollenoffset) werden von Branchenkennern auf rund fünf Millionen Tonnen pro Jahr geschätzt. Dagegen dürfte die tatsächlich bedruckte Menge Papier nur bei knapp unter vier Millionen liegen. Das heißt, es gibt eine technische Überkapazität in etwa auf Höhe des jährlichen Gesamtausstoßes von Prinovis. Auch Insolvenzen von kleinen und großen Anbietern in Tief- und Rollenoffsetdruck haben an diesem Zustand nichts geändert. Der Markt schrumpft jährlich um zwei bis vier Prozent.

Großfusion zu Prinovis im Jahre 2005

160413_Prinovis_Logo-postVor diesem Hintergrund kam es 2005 zu einer Großfusion, die es bisher im Druck- und Verlagswesen weltweit noch nicht gegeben hatte: Die Tiefdruckaktivitäten von Gruner + Jahr wurden mit denen von arvato Bertelsmann und Axel Springer in einer neuen, eigenständigen Firma zum größten Illustrationsdruck-Konzern Europas zusammengeschlossen, der neuen PRINOVIS. Der Name „Prinovis“ steht für Print, Innovation und Vision.

Ehrgeiziges Ziel des Joint Ventures war es, die Druckaktivitäten der drei Gesellschafter im wettbewerbsintensiven europäischen Illustrationsdruck-Markt langfristig zu sichern und auszubauen. Der Verbund von Prinovis trat mit insgesamt sechs Produktionsstandorten in den europäischen Wettbewerb: Ahrensburg, Darmstadt, Dresden, Itzehoe, Liverpool und Nürnberg. Aber die Tiefdrucknachfrage sank weiter: 2006 machte Prinovis den Druckstandort Darmstadt zu. Der größte Wettbewerber, die traditionsreiche Tiefdruckerei Schlott, verabschiedete sich 2011 fast gänzlich aus dem Markt.

Aus nach 135 Jahren

Werksansicht Itzehoe 2004

Werksansicht Itzehoe 2004

„Print, Innovation und Vision“ machen jetzt eine weitere einschneidende Verschlankung von Prinovis erforderlich: Mitte 2014 wird die Geschichte von Gruner Druck in Itzehoe ihr Ende finden, davon die letzten neun Jahre im Prinovis-Verbund. Es ist immerhin die traditionsreichste Tiefdruckerei in Deutschland mit einer Historie von 135 Jahren, die jetzt vor dem Aus steht.

Warum?

In der folgenden Analyse geht es weniger um den Versuch einer tagesaktuellen Schuldzuweisung gegenüber dem amtierenden Prinovis-Management angesichts dieser bedauerlichen Entwicklung der letzten Jahre. Sondern mehr um die Darstellung der langfristig wirkenden Zusammenhänge und Ursachen für das Ende der Tiefdruck-Ära in Itzehoe.

2004: Schulte-Hillen spornte zum „Marathonstaffellauf“ an

Seit Gründung von Gruner + Jahr im Jahr 1965 war es Gerd Schulte-Hillen in den Jahrzehnten von 1972 bis 2000 (bis 1981 war er Leiter des G+J Unternehmensbereiches Druck, dann bis 2000 G+J-Vorstandsvorsitzender), der einen wesentlichen Anteil daran hatte, dass sich Gruner Druck bis zur Jahrtausendwende allen Krisen zum Trotz zu einer der größten und modernsten Tiefdruckereien Europas entwickelte.

Ob er als ehemaliger G+J-Vorstands- und Bertelsmann-Aufsichtsratsvorsitzender vor neun Jahren geahnt haben mag, dass die Zukunft von Gruner Druck nicht rosig werden würde? Er sagte in seiner Laudatio richtungsweisend anlässlich des 125. Geburtstages von Gruner Druck am 27. Mai 2004 in Itzehoe, ein Jahr vor der Prinovis-Fusion mit arvato-Bertelsmann und Axel Springer:

Gerd Schulte-Hillen

Gerd Schulte-Hillen

„Die Geschichte eines jeden Betriebs, der seinen 125. Geburtstag feiert, ist immer insbesondere eine Geschichte des Wandels, ist immer die Geschichte des Mutes aller, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Nur wer wagt, kann gewinnen. Es ist die Geschichte von Leistung, nicht die persönliche physische Leistung meine ich, nein, die mentale Leistung ist gemeint. Ein gut geführtes Unternehmen muss immer die Zukunft auf seiner Seite haben, muss immer vorausschauend Gefahren und Chancen erkennen und entsprechend handeln. Das hat dieser Betrieb sicher gekonnt, aber es gibt kein Ausruhen und Erholen. Es ist ein Marathonstaffellauf, bei dem die Generationen den Stab weitereichen, und wer hinter den Wettbewerb zurück fällt, der muss aufholen, um die Zukunft zu gewinnen. Das allein ist das Gesetz der Zukunftsfähigkeit …“

2013: Millionenverluste erwartet

Heute ist festzustellen: Diese von Schulte-Hillen eingeforderte Zukunftsfähigkeit von Gruner Druck hat letztlich doch gefehlt, der „Marathonstaffellauf“ war für den Betrieb in Itzehoe knapp zehn Jahre später zu Ende: Am 6. Februar 2013 hieß es in einer Prinovis-Pressemitteilung zur Begründung der Stilllegungsstandort in Itzehoe:

„Hauptgrund für die Auswahl von Itzehoe als Stilllegungsstandort ist die im Vergleich zu anderen Prinovis-Betrieben deutlich geringere Wettbewerbsfähigkeit in Bezug auf Personalkostenstrukturen und Effizienz des Maschinenparks. Dies führt zu den insgesamt mit deutlichem Abstand höchsten Stückkosten aller Prinovis-Standorte. In der Projektion für die kommenden Jahre weist Itzehoe ein ansteigend negatives Betriebsergebnis in Millionenhöhe sowie einen negativen Cashflow auf.“

Mangel an Investitionsbereitschaft

Und in einem „FAZ“-Interview vom 6. Februar 2013 räumte Dr. Bertram Stausberg, CEO der Prinovis Ltd. & Co. KG, ein: „In der Tat haben wir in Itzehoe in den vergangenen Jahren weniger investiert. Aber das lag ein Stück weit auch daran, dass die Wirtschaftlichkeit der Investitionen an anderen Standorten besser war.“ Offener kam man einen Exit nicht begründen. Kein Wunder, zumal das „manager magazin“ in seiner Onlineausgabe bereits am 27. Mai 2012 spekulierte: „Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszurechnen, dass das Druckereigewerbe nicht mehr zu den Zukunftsgeschäften von Bertelsmann gehört.“

Für diese Entwicklung spricht, dass sich die Axel Springer AG als Minderheitsgesellschafter von Prinovis von Anfang an nicht in der operativen Verantwortung sah. Und Gruner + Jahr und die Jahr-Gruppe in ihrer Rolle als G+J-Minderheitsgesellschafter waren bereits 2011 als Prinovis-Gesellschafter ausgeschieden und hatten ihre Anteile an arvato Bertelsmann abgegeben. Das Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr hatte damit nach 46 Jahren seiner Gründung von 1965 die gesellschaftsrechtliche Einbindung von Gruner Druck im G+J-Unternehmensbereich Druck endgültig gekappt und fungiert seither bei Prinovis nur noch als Druckkunde.

Bertelsmann in der Pflicht

Heute hält Bertelsmann 74,9 Prozent am Tiefdruck Joint-Venture. Weiterer Anteilseigner ist mit 25,1 Prozent die Axel Springer AG. Aber die unternehmerische Führung von Prinovis liegt allein bei Bertelsmann. Obwohl die Axel Springer AG die Schließungsentscheidung in Itzehoe inhaltlich voll mitträgt, wird sie sich nicht an den damit verbundenen Kosten beteiligen, weil für sie als Minderheitsgesellschafter keine Nachschusspflicht bei Prinovis besteht. Das sei vertraglich so geregelt, heißt es bei Springer.

Dr. Thomas Rabe

Dr. Thomas Rabe

Also wird Bertelsmann als Mehrheitsgesellschafter in der Pflicht stehen, die Folgen des Endes in Itzehoe zu tragen: Betroffen sind in Itzehoe rund 750 Prinovis-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sowie rund 250 Leiharbeitskräfte. Immerhin räumte der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Dr. Thomas Rabe bei einer Prinovis-Demonstration der Itzehoer Belegschaft vor der Bertelsmann-Repräsentanz in Berlin vor den Demonstranten ein: „Wir sind uns im Klaren, dass Itzehoe in einer sehr schwierigen Lage ist und dass es schwierig ist, in der Region Arbeitsplätze zu finden.“

Sicher sind die Ursachen für diesen spektakulären Niedergang über die skizzierte rückläufige Marktsituation im Tiefdruck hinaus sehr vielfältig: Sicher haben die drei Prinovis-Gesellschafter von Anfang an nicht so harmoniert, wie es bei dem Kraftakt des Joint Venture notwendig gewesen wäre. Auch in der Managementführung von Prinovis gab es in den letzten sechs Jahren wenig Kontinuität. Und der Betriebsrat und Gewerkschaft in Itzehoe werden sich fragen müssen, ob sie zur Erhaltung der Arbeitsplätze vor Ort alles unternommen haben, was aus ihrer Sicht vertretbar gewesen wäre.

Zeitreise in sechs Kapiteln

Das „Aus“ für den technischen Betrieb in Itzehoe ist ebenso aus der wechselvollen Historie zu verstehen. So kann eine Zeitreise in eine Geschichte von 135 Jahren des Tiefdrucks in Itzehoe die eine oder andere Einsicht vermitteln, die eine mittelbare Auswirkung auf die aktuelle Lage der Druckerei hat.

Diese Zeitreise, die nachfolgend in sechs Kapiteln gegliedert ist (siehe Links am Ende dieses Textes), führt zusammengefasst zu folgenden Beobachtungen und Erkenntnissen:

o Faszinierend ist der Aufstieg einer kleinen rheinischen Papiergroßhandlung in Köln wenige Jahre nach der Gründung des Deutschen Reiches zu einer noch kleinen Tiefdruckerei in Itzehoe, die als NS-„Musterbetrieb“ galt und deren Hauptkunden die Hamburger Zigarettenfirma Reemtsma mit Bilderschecks-Serien und die NSDAP mit braunem Propagandamaterial waren. Richard Gruner jun. musste nach dem tödlichen Unfall seines Vaters 1946 mit 21 Jahren die Leitung der Druckerei übernehmen und entwickelte sich bereits in jungen Jahren zu einem „selfmade man“, so John Jahr jun. anerkennend im Rückblick.

Haupteingang zum Werk in der Klaus-Groth-Straße

Haupteingang zum Werk in der Klaus-Groth-Straße

o In den Nachkriegsjahren kam es bereits zu einer Vernetzung der Akteure, die knapp 20 Jahre später zur Gründung von Gruner + Jahr führen sollte: Richard Gruner sen. pachtete 1946 kurz vor seinem Tod von Dr. Gerd Bucerius eine schrottreife Tiefdruckrotationsmaschine. Sein Sohn setzte in seinem expansiven Unternehmenskonzept vor allem auf die Herstellung von Zeitschriften. Und von da an ging’s steil bergauf: Mit dem Druck von Springers „Hörzu“ und vor allem des „Stern“ des Verlegers Bucerius hatte Richard Gruner den richtigen Riecher und beteiligte sich mit 12,5 Prozent am Nannen-Verlag mit den Titeln „Stern“ und „Die Zeit“. Auch Zeitschriften anderer Verlage wurden in Itzehoe produziert, ebenso ab 1955 zunehmend umfangreiche Versandhandel-Kataloge, ein Jahr später folgten die Illustrierten der Bertelsmann Buchclubs.

o Als zwei Jahre später 1957 die Druckübernahme der „Constanze“ des Verlegers John Jahr folgte, waren unter den bereits erfolgsgewohnten Unternehmern und Verlegern Gruner, Jahr und Bucerius erste Voraussetzungen geschaffen, 1965 gemeinsam Gruner + Jahr zu gründen. Für Gruner waren die 50er Jahre das Jahrzehnt des raschen Aufstieges der Druckerei. Er investierte kräftig in neue Technik und eigenes Know-how des Mitarbeiterstammes in Itzehoe. Grenzen des Wachstums kannte man damals nicht. Zunehmender Wettbewerb im Tiefdruck stellte sich ein: Andere Großverlage wie Burda, Bauer und Springer schufen ebenso leistungsfähige Druckzentren, machten Gruner Druck zunehmend Konkurrenz und legten damit bereits den Ausgangspunkt für verlusttreibende Überkapazitäten einige Jahrzehnte später.

Die G+J-Gründer (v.l.): Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner, John Jahr

Die G+J-Gründer (v.l.): Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner, John Jahr

o Die Gründung von Gruner + Jahr am 30. Juni 1965 war also in der Rückschau eine folgerichtige Entwicklung der 50er Jahre: Die drei Partner gewannen nach einigen Jahren der Vorgespräche die Einsicht, dass der Vorsprung des Axel Springer Verlages auf dem Zeitschriftenmarkt nur gemeinsam einzuholen war. Bucerius damals: „Wir sparen etwa drei Prozent Umsatzsteuer. Wir kaufen Papier so billig ein wie Springer. Die Grossisten respektieren uns. Die Lesezirkel tanzen uns nicht auf der Nase herum.“ Für Richard Gruner erwies sich die Fusion als vorteilhaft: Er gewann einen festen langfristig gesicherten Auftragsbestand aus der Gesellschafterverbindung zu zwei expandierenden Verlegern. Das ermöglichte ihm, auf weite Sicht drucktechnisch zu planen und langfristige Investitionen vorzunehmen.

o Dagegen stand ein elementarer Nachteil des noch jungen Dreibundes: In Fragen der Führung und der verlegerischen und technischen Investitionen war das Trio keineswegs ein Herz und eine Seele. Im Gegenteil: Zwischen ihren drei Firmen gab es in der Fusionsphase der ersten Jahre einen unzureichenden Zusammenhalt. Hinzu kam, dass Richard Gruner angesichts der hohen Investitionen in den langfristig ausgelegten Ausbau seiner Druckerei zunehmend die Zuversicht in die Zukunftsfähigkeit seiner Partnerschaft mit den beiden grundverschiedenen Verlegern Jahr und Bucerius, ja ebenso in die Stabilität des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschlands verlor. Diese „Kommunistenmeise“ Richard Gruners, so damals sarkastisch John Jahr sen., führte 1969 zum Knall unter den G+J-Gesellschaftern: Richard Gruner verkaufte seinen 25-Prozent-Anteil am „Spiegel“ an Rudolf Augstein für rund 40 Millionen Mark und ebenso seinen 39,5-Prozent-G+J-Anteil über Bucerius und Jahr an Reinhard Mohn für geschätzte 120 Millionen Mark. Damit verschaffte er 1969 mittelbar Bertelsmann den Einstieg zur G+J-Mehrheit. Richard Gruner ging als erfolgreicher Unternehmer in die Schweiz und die USA, u.a. zeitweise als größter Einzelaktionär von American Airlines. Aber: Sein Name im Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr blieb.

o Was nun? Gruner Druck hatte mit Richard Gruner seinen starken Prinzipal unwiederbringlich verloren und wurde 1973 in den G+J Unternehmensbereich Druck umgewandelt. Richtig „warm“ miteinander wurden Management und Mitarbeiter der beiden Standorte Itzehoe und Hamburg eigentlich nie so richtig. Auf den Namen „Gruner Druck“ wurde in Itzehoe nach außen bis zur Prinovis-Fusion 2005 nicht verzichtet: Erst dann wurde die weit sichtbare Firmen-Leuchtschrift ausgewechselt. Und der G+J-Mehrheitsgesellschafter Bertelsmann verfügte in den 70er Jahren über eigene stattliche Druckkapazitäten und entsprechendes Know-how. Daher wurde die frühere Vorrangstellung der selbstbewussten Gruner-Drucker im neuen Konzernverbund zunehmend lädiert. Die Unternehmenskulturen der Druckereien in Itzehoe und Gütersloh war dabei sehr unterschiedlich: In Itzehoe begegnete ein stramm organisierter Betriebsrat und die aktive Gewerkschaft IG Druck und Papier dem Druckerei- und Verlagsmanagement nie mit einem Kuschelkurs, sondern sie beherrschten zur Durchsetzung ihrer Interessen die gesamte Klaviatur des Arbeitskampfes perfekt, häufig zum Erschrecken der Bertelsmänner, die eher beschauliche Verhältnisse zu ihren Betriebsräten und einen mäßigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad in ihren Druckereien gewohnt waren.

o Für den G+J-Unternehmensbereich Druck erwies sich Gerd Schulte-Hillen von 1973 bis 2000 als die prägende Kraft des Druckereigeschäftes: Er setzte in den ersten Jahren auch gegen den Widerstand von Betriebsrat und Gewerkschaft ein überfälliges Sanierungskonzept durch. Parallel hierzu wurde ein langfristiges Investitionsprogramm eingeleitet. Auf diese Weise hat Schulte-Hillen einen wesentlichen Anteil daran, dass sich Gruner Druck in den 70er Jahren trotz Wirtschaftsrezessionen zu einer der größten und modernsten Tiefdruckereien Europas entwickelte. Es war Schulte-Hillen, der 1979 im internationalen Druckbereich massiv mit dem Kauf der amerikanischen Brown Printing Company mit Hauptsitz in Waseca (Minnesota) investierte. Ein Jahr später setzte er in Hamburg beharrlich die digitale Satztechnik gegen interne Widerstände von Betriebsrat und Gewerkschaft mit einem sozialverträglichen Konzept durch. Als Schulte-Hillen 1981 zum G+J-Vorstandsvorsitzenden berufen wurde, wandelte sich der versierte, durchsetzungsstarke und international erfahrende Druckermanager in kurzer Zeit zu einem in Verlag und Redaktionen wie der Branche weltweilt anerkannten Verleger. Aber seine beruflichen Wurzeln im Druckereigeschäft vergaß er als Verleger von Gruner + Jahr dabei nie.

o Nach dem Mauerfall 1989 ergriff Schulte-Hillen die Chance, auch im Osten Deutschlands im großen Stil in den Druckbereich zu investieren. 1996 erfolgte die Einweihung der neuen Dresdner Illustrationsdruckerei. Obwohl parallel zu der Expansion in den US-Druckmarkt und den neuen Bundesländern auch der Standort Itzehoe kontinuierlich ausgebaut und ständig modernisiert wurde, war es mit der Vorrangstellung des Druckortes Itzehoe vorbei. Gruner Druck hatte diese gegenüber der neuen G+J-Druckerei in Dresden endgültig verloren, die nach damals neuestem technologischen Konzept ausgerichtet war. Seinem Nachfolger Dr. Bernd Kundrun überließ Schulte-Hillen 2000 im Druck- und Verlagsbereich ein bestelltes Haus. Aber weder Kundrun und dessen Nachfolger als G+J-Vorstandsvorsitzender ab 2009, Dr. Bernd Buchholz, gelang es, speziell im Druckbereich ähnliche Akzente zu setzen, die Gerd Schulte-Hillen in seinem Wirken auszeichneten.

o Der G+J-Unternehmensbereich Druck, der 2002 in Deutschland den zweiten Rang unter den Tiefdruckereien und in den USA Platz vier unter den Magazindruckereien einnahm, spürte nach der Jahrtausendwende verstärkt die negativen Auswirkungen der anhaltenden weltweiten Anzeigenflaute, der Stagnation der hochauflagigen Zeitschriften wie auch der wachsenden Fragmentierung des Zeitschriftenangebotes in eine Titelvielfalt mit eher kleinen Auflagen. Als Gruner Druck im Mai 2004 das 125jährige Bestehen in Itzehoe mit einem „Tag der offenen Tür“ feierte, konnte Bernd Kundrun mit immer noch respektablen Daten und Fakten aufwarten: Die Zahl der Mitarbeiter von Gruner Druck lag bei 1.265, die Anzahl der produzierten Zeitschriften betrug 30. Das ergab pro Monat ca. 42 Millionen gedruckte Zeitschriftenexemplare. Pro Jahr errechnete sich daraus eine Druckauflage von ca. 500 Millionen Exemplaren. Der inländische Druck-Anteil betrug 2004 rund 71 Prozent, der aus dem Ausland etwa 29 Prozent.

o Allerdings waren mit dem immer größeren Binnenmarkt in Europa die Tiefdruckmärkte kräftig gewachsen. Damit verschärfte sich der Wettbewerb um Produktivitätszuwächse und Aufträge von einem größer werdenden Kreis potenzieller Kunden. Dieser zunehmenden Konkurrenz waren selbst große und hochmoderne Tiefdruckereien allein nicht gewachsen. Daher wurden Kooperationen angestrebt. So kam es auch zu den Vorüberlegungen, die ein Jahr später zum Druckereiverbund Prinovis führen sollten. Damit war bereits damals in den Gründungsgesprächen angesichts der unterschiedlichen technologischen Rahmenbedingungen der in Prinovis einzubeziehenden Druckereistandorte auch ein „Aus“ für den Standort Itzehoe nicht mehr auszuschließen. Das wurde dort auch zu einem Nährboden der Verunsicherung in die Zukunftsfähigkeit des Betriebes.

o Gegen eine geplante Fusion der Tiefdruckereien von zunächst nur arvato Bertelsmann und Axel Springer opponierte 2004 die Jahr-Gruppe als G+J-Minderheitsgesellschafter: Denn der geplante Zusammenschluss hätte sich gegen die Druckereien von Gruner + Jahr in Itzehoe und Dresden und somit gegen die Interessen der Familie Jahr richten können, ein solcher neuer Verbund hätte den Wettbewerb im Druckgeschäft und somit für Gruner + Jahr verschärft. Daher erwog die Jahr-Gruppe sogar zweitweise, gegen das geplante Vorhaben zu klagen. Schließlich wurde Gruner + Jahr 2005 in die Prinovis-Fusionsgespräche zwischen arvato Bertelsmann und Springer als dritter Partner einbezogen.

o Gerd Schulte-Hillen sprach zum 125. Geburtstag von Gruner Druck im Mai 2004 in seinem Rückblick von „einer Geschichte des Einfallsreichtums, des Mutes und der Entschlusskraft, die die Zukunft bis hierher erobert hat. Wohlstand und Sicherheit sind anspruchsvolle Gefährten, sie bleiben nur höchster Leistung treu.“ Fest steht heute: Dieser kategorische Imperativ der „höchsten Leistung“ für Gruner Druck ging in den Folgejahren im Prinovis-Verbund verloren.

Richard Gruner 2005

Richard Gruner

o Mit Richard Gruner verstarb am 15. Januar 2010 im Alter von 84 Jahren der letzte lebende Gründungsunternehmer des Druck- und Verlagshauses Gruner + Jahr: Die Gründungsära von G+J war damit definitiv abgeschlossen.

o Im November 2011 wurde die Abgabe der G+J-Prinovis-Anteile von 37,45 Prozent an arvato Bertelsmann bekanntgeben. Damit schieden Gruner + Jahr und mittelbar die Jahr-Gruppe als G+J-Minderheitsgesellschafter bei Prinovis aus und arvato Bertelsmann hielt dann 74,9 Prozent am Tiefdruck Joint-Venture. Weiterer Anteilseigner ohne Verpflichtung, Kapital für Restrukturierungs-Maßnahmen nachzuschießen, bleibt mit 25,1 Prozent die Axel Springer AG. Die unternehmerische Führung von Prinovis liegt bei Bertelsmann. Anfang 2012 gab Bertelsmann bekannt, Prinovis zusammen mit den internationalen Offset-Druckereien von arvato in einem neuen Unternehmensbereich zu bündeln, welcher im Lauf des Jahres den Namen „Be Printers“ erhielt. Das Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr hatte damit nach 36 Jahren seine gesellschaftsrechtliche Einbindung von Gruner Druck im Unternehmensbereich Druck endgültig gekappt und fungiert seither bei Prinovis nur noch in der Position des Druckkunden.

Die sechs Kapitel im Detail zum Anklicken:

So fing es einmal an: Der Nannen-Verlag („Stern“) und Constanze-Verlag („Constanze“) waren seit den 50er Jahren Auftraggeber ihrer Druckaufträge bei Gruner & Sohn in Itzehoe, bevor es 1965 zwischen Richard Gruner, John Jahr und Dr. Gerd Bucerius zur Gründung des Druck- und Verlagshauses Gruner + Jahr kam. – Ein Unternehmen, das sich heute weniger als „Druck- und Verlagshaus“, sondern als „Haus der Inhalte“ (Zitat der Vorstandsvorsitzenden Julia Jäkel-Wickert) versteht.

Die Zeitreise „Gruner Druck und Prinovis von 1879 bis 2014“ macht in den folgenden sechs Kapiteln die Höhen und Tiefen des Unternehmens deutlich. (Beim Klick auf die Kapitel-Überschrift öffnet sich der Text)

1) Von einer Kölner Papiergroßhandlung zur Tiefdruckerei in Itzehoe (1879 – 1946)

2) Die Jahre des Aufbaus von Gruner Druck zu einer der führenden Tiefdruckereien Deutschlands (1946 – 1965)

3) Gruner, Jahr und Bucerius gründen 1965 das Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr / 1969 verlässt Gruner Deutschland und verschafft damit Bertelsmann die G+J-Mehrheit

4) Aus Gruner Druck wird der G+J-Unternehmensbereich Druck – drei Jahrzehnte im harten Wettbewerb des deutschen und europäischen Tiefdruckmarktes (1971 – 2005)

5) Gruner Druck geht in „Prinovis“ auf: ein neues Druck-Gemeinschaftsunternehmen von arvato-Bertelsmann, Gruner + Jahr und Axel Springer AG in einem schwierigen Marktumfeld von 2005 bis 2011

6) Gruner + Jahr und die Jahr-Gruppe scheiden 2011 aus dem „Prinovis“-Verbund aus / 2014 folgt das „Aus“ für die „Prinovis“-Betriebsstätte Itzehoe

(Autor: Kurt Otto)

(Fotonachweis: Alle Bilder G+J-Archiv, u.a. aus der Festschrift „125 Jahre Gruner Druck“, 2004)

Media Tribune Premium-Content
Anzeige  

MEDIA TRIBUNE UNTERSTÜTZEN

AKTUELLE KOMMENTARE

Anzeige
Anzeige

© 2017 Media Tribune. All Rights Reserved.