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G+J feiert die zweite Halbzeit / Eine Zeitreise durch 128 Jahre „Brigitte“-Geschichte



„Media Tribune“ wirft einen Blick auf die interessante publizistische Abstammungs-Geschichte der führenden 14-täglichen Frauenzeitschrift „Brigitte“, die seit nunmehr 60 Jahren so heißt. Es soll allerdings keine wissenschaftliche Abhandlung sein und schon gar nicht eine Schelte für das Marketing-Team, das, wie es andere Medien auch machen, eben Jubiläen inszeniert – selbst wenn diese mitunter etwas irritieren: So feierte Gruner + Jahr 1986 noch das 100-jährige Bestehen der „Brigitte“. 18 Jahre später, also 2004, wurde dann der 50. Jahrestag der „Namenstaufe“ als Start des Titels zelebriert.

Gründung im Kaiserreich: Am 5. Juli 1886 kam erstmals der „Brigitte“-Vorläufer „Dies Blatt gehört der Hausfrau!“ auf den Markt

Start 1886: "Dies Blatt gehört der Hausfrau!"

Start 1886: „Dies Blatt gehört der Hausfrau!“

Die Wurzeln der „Brigitte“ lassen sich ins wilhelminische Kaiserreich zurückverfolgen: Am 5. Juli 1886 brachte der Berliner Verleger Friedrich Schirmer eine wöchentlich erscheinende Zeitschrift unter dem Titel „Dies Blatt gehört der Hausfrau!“ heraus. Damals entstand – gefolgt von weiteren Neuerscheinungen anderer Verlage – ein erster Typ von zielgruppenorientierten Magazinen: Die neue Gattung der frauen- bzw. hausfrauenorientierten Zeitschrift bot erstmals auch in größerem Umfang die Möglichkeit, dass Frauen selbst als Autorinnen, Redakteurinnen und sogar als Herausgeberinnen aktiv werden konnten. Dieser Trend wurde vom gesellschaftlichen Wandel jener Jahre begünstigt: Frauen artikulierten zunehmend ihre Interessen, und in den Medien wuchs das emanzipatorische Engagement.

Der Titel des „Brigitte“-Vorläufers „Dies Blatt gehört der Hausfrau!“ war angelehnt an den Bestseller „Dies Buch gehört dem König“ von Bettina von Arnim, erschienen 1843. Das engagierte Vormärz-Buch prangerte in Form eines fiktiven Briefwechsels zwischen der Mutter Goethes und der Mutter des preußischen Königs Missstände im Königreich Preußen an. Das Werk wurde in Bayern verboten.

Die Zeitschrift „Dies Blatt gehört der Hausfrau!“ ähnelte zum Start 1886 hinsichtlich ihrer Gestaltung einer typischen Tageszeitung jener Zeit: Fortsetzungsromane und Gedichte fanden sich „unterm Strich“, daneben enthielt sie Rubriken wie „Für die Küche“, „Haus- und Zimmergarten“, „Gesundheitspflege“ usw., aber auch Reisevorschläge, Rechtsberatung für Frauen, Geschichtliches, Naturwissenschaftliches sowie Schnittmuster. Sie kostete in den ersten Jahren vierteljährlich eine Mark (später 1,75 Mark).

Vom 12. Jahrgang an wurden dem Blatt zu den bereits bestehenden Beilagen „Aus aller Welt – Für alle Welt“ und „Das Blatt der Kinder“ zwei weitere Beilagen hinzugefügt: die „Romanbibliothek“ und „Das Blatt der jungen Mädchen“. Wir lernen daraus: „Line extensions“ von Frauenzeitschriften sind keineswegs eine Verlagsinnovation unserer Tage, es gab sie bereits vor mehr als 100 Jahren. Und das mit Erfolg: 1894 soll nach den spärlichen Archivfunden die Auflage von „Dies Blatt gehört der Hausfrau!“ bereits 85.000 Exemplare betragen haben; der Verbreitungsschwerpunkt lag in Berlin.

1905: Der Ullstein-Verlag kaufte „Dies Blatt gehört der Hausfrau!“ und baute es mit neuartigen Schnittmuster-Beilagen aus

Reklameschild von "Dies Blatt gehört der Hausfrau" (Dachbodenfund von Dany Saile, 72108 Rottenburg)

Reklameschild von „Dies Blatt gehört der Hausfrau“ (Dachbodenfund von Dany Saile, 72108 Rottenburg)

Friedrich Schirmer verkaufte seine Wochenzeitschrift „Dies Blatt gehört der Hausfrau“ 1905 an den Ullstein-Verlag, der im prosperierenden Berliner Zeitschriftenwesen eine Vorrangstellung einnahm. Innovationen machten das Unternehmen erfolgreich. Der Ullstein-Verlag verlegte sich bei seinen Frauentiteln mit großem Erfolg auf die Herstellung und Verbreitung von Schnittmustern. Nun erschienen mit jeder Ausgabe nicht mehr gleichbleibende, sondern mit immer neuen Motiven ausgestattete Titelblätter. Ein kleines Detail lässt die Bedeutung der Frauenzeitschriften für die Leserinnen jener Jahre erkennen: Zum Jahresende bot der Ullstein-Verlag, wie andere Verlage auch, einen Schmuckeinband zur Heftung eines Zeitschriftenjahrgangs an. Die hohe Nachfrage nach solchen Einbänden deutet darauf hin, dass die Leserinnen ihre Zeitschriften nicht als schnell konsumierbares Gut betrachteten, sondern sie als Nachschlagewerk für alle Fragen ihres Alltags nutzten und sammelten.

In diesem Sinne verfeinerte der Ullstein-Verlag die Leserbindungsstrategie seiner Zeitschriften: „Immer wurde auf neue Weise versucht, den Zusammenhang zwischen dem Blatt und der Leserschaft zu verdichten und gleichzeitig der Reklame für Erweiterung des Leserkreises und doch auch der Erhaltung und Unterhaltung der Leserschaft zu dienen“, wie es rückblickend in einer Ullstein-Festschrift von 1927 heißt. „Filme, unterhaltende oder belehrende Vorträge, kein Mittel wurde unversucht gelassen.“

Bei Ullstein wurde 1914 der Zeitschriftenname schließlich verkürzt auf „Ullsteins Blatt der Hausfrau“ mit dem sperrigen Untertitel „Illustrierte Zeitschrift für Haushalt, Mode und Unterhaltung“. Mit diesem programmatischen Zusatz war bereits der entscheidende Schritt hin zur späteren „Brigitte“ gemacht.

Die Journalistin Barbara von Treskow legte die Grundlagen des „Brigitte“-Spirits

Geistige Mutter der "Brigitte": Journalistin und Frauenrechtlerin Barbara von Treskow (1895-1972)

Geistige Mutter der „Brigitte“: Journalistin und Frauenrechtlerin Barbara von Treskow (1895-1972)

Es war nach der Archivlage die Journalistin und Frauenrechtlerin Barbara von Treskow (1895-1972), die seit der Weimarer Republik bis zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte die Grundlagen für den journalistischen „Brigitte“-Spirit legte. Bereits früh engagierte sie sich als Aktivistin in der Frauenbewegung jener Jahre für die Belange berufstätiger Frauen und Mütter. Eine noch während des ersten Weltkriegs geschlossene Ehe scheiterte nach vier Jahren, ihr ursprünglicher Lebensentwurf als wohlsituierte preußische Gutsfrau in der schlesischen Provinz erwies sich als Sackgasse. Mit zwei Kindern ging sie 1922 nach Berlin, zunächst als freie Autorin und später als feste Mitarbeiterin und Hauptschriftleiterin in der Zeitschriftenredaktion des Ullstein-Verlages.

Nutzte den Namen "Brigitte" werblich: Hermann Ullstein (1875-1943)

Nutzte den Namen „Brigitte“ werblich: Hermann Ullstein (1875-1943)

Der Legende nach soll sie hier mit ihrem Redaktionsteam den Namen der heutigen Frauenzeitschrift „Brigitte“ begründet haben, was sich anhand der lückenhaften Dokumente aber nicht nachweisen lässt. Wahr daran ist, dass Ullstein seinem „Blatt der Hausfrau“ seit den 1920er Jahren als weiteren konkreten Nutzen für die Leserinnen und zusätzlichen Verkaufsanreiz die erwähnten Schnittmusterbögen beilegte. Hermann Ullstein (1875-1943), der jüngste Sohn des Gründers Leopold Ullstein (1826-1899), erfand hierfür 1926 den eingängigen Werbe-Slogan: „Sei sparsam Brigitte, nimm Ullstein-Schnitte!“. Auf jeden Fall fiel also der Name zu jener Zeit schon.

Barbara von Treskow wurde 1933 Chefredakteurin vom „Blatt der Hausfrau“ und übernahm zusätzlich die Chefredaktion der „Neuen Modewelt“, einer mondänen Ullstein-Frauenzeitschrift mit einer Auflage von rund 100.000 Exemplaren. Neben ihrer Zeitschriftenredaktion verfolgte Barbara von Treskow eigene Buchprojekte. So veröffentlichte sie 1932 im Ullstein-Verlag das „Lexikon der Hausfrau“, in dem Tipps zu Gesundheit, Recht und Lebensführung gesammelt wurden. 1935 erschien ebenfalls bei Ullstein Treskows Buch „Die Küche und ihre Jahreszeiten“. Was heute als biederes Kochbuch daherkommt, war in der damaligen Zeit ein Reformwerk: Die Frau sollte nicht nur ihre Küche, sondern ihre weiteren Lebensbereiche eigenständig organisieren können.

"Das Blatt der Hausfrau"  kam 1939 auf eine Auflage von 575.000 Exemplaren

„Das Blatt der Hausfrau“ kam 1939 auf eine Auflage von 575.000 Exemplaren

Nach der Machtergreifung 1933 fiel auch „Das Blatt der Hausfrau“ unter die Gleichschaltung der Nationalsozialisten. Die jüdische Verlegerfamilie Ullstein, die damals den Faschismus unterschätzt hatte und glaubte, diesen mit „verächtlichem Schweigen“ in ihren Blättern publizistisch strafen zu können, musste 1934 ihr Presse-Imperium zu einem Bruchteil seines Wertes an eine nationalsozialistische Treuhandgesellschaft abgeben. Immerhin gelang es Barbara von Treskow im Dritten Reich, „Das Blatt der Hausfrau“ aufgrund seines beliebten Nutzwertcharakters weitgehend frei von der NS-Ideologie zu halten. Das Magazin war 1939 mit einer Auflage von 575.000 die zweitgrößte deutsche Frauenzeitschrift, hinter der „NS-Frauen-Warte“. Statt Glorifizierung des NS-Frauen- und Mutterbildes bot das „Das Blatt der Hausfrau“ Mode, Handarbeiten, Belletristik und Schnittmuster.

Barbara von Treskow organisierte von 1932 bis 1944 zudem über 300 „Brigitten-Tage“, politikfreie bunte Abende und Showprogramme für Frauen in Berlin. Diese Programme fanden jeweils von September bis Mai fünf- bis sechsmal im Monat statt, wobei pro Veranstaltung bis zu 2.000 Eintrittskarten verkauft wurden. Diese könnten im Rückblick als frühe Vorläufer des heutigen professionellen „Brigitte“-Event- und Veranstaltungsmanagements angesehen werden.

Rechtsnachfolger des arisierten Ullstein-Verlages war 1937 der Deutsche Verlag. Historisch pikant am Rande: Im Deutschen Verlag, der dem Zentralverlag der NSDAP angegliedert war, erschien neben dem „Blatt der Hausfrau“ 1938/39 auch die filmorientierte Illustrierte namens „Stern“ von Dr. Kurt Zentner (1903-1974). Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob und inwieweit sich Henri Nannen von diesem Nazi-„Stern“ bei Gründung seines „Stern“ 1949 in Hannover inspirieren ließ. Vieles spricht dafür, zumal Zentner in den Hannoveraner Anfangsjahren auch für Nannens neuen „Stern“ arbeitete (siehe „Media Tribune“ vom 29.1.2014). Fakt ist jedoch: Bisher hat die verlagsoffizielle Geschichtsschreibung des „Stern“ diesen Vorkriegs-„Stern“ außer Acht gelassen.

Das „Blatt der Hausfrau“ überstand die Nachkriegswirren und wurde zunächst fortgesetzt. Allerdings machte das Aufblühen einer neuen Zeitschriftenvielfalt nach dem 2. Weltkrieg die Lage schwieriger. Bereits im Oktober 1945 bemühte sich der Deutsche Verlag erfolglos um die Lizenz für eine Frauenzeitschrift, die „Brigitte“ heißen sollte, um so den in die Jahre gekommenen Namen „Blatt der Hausfrau“ ablegen zu können. „Brigitte“ wurde damals zunächst nur für die Region Hamburg beantragt. Aus der Lizenzerteilung wurde aber nichts – wegen der NS-Vergangenheit des Deutschen Verlages.

Dagegen gelang es 1949 den Verlegern John Jahr (1900-1991) und Axel Springer (1912-1985), von den britischen Besatzungsbehörden in Hamburg eine Lizenz für die neue Frauenzeitschrift „Constanze“ zu erhalten. Hier also kreuzten sich zum ersten Mal die Entwicklungslinien von „Brigitte“ und „Constanze“, die später unter dem gemeinsamen Dach des Constanze-Verlags Schwestern wurden. Dazu gleich mehr.

1954: Der Schriftzug „Brigitte“ löste den Titel „Blatt der Hausfrau“ ab

1. Mai 1954: Aus "Das Blatt der Hausfrau" wurde "Brigitte"

1. Mai 1954: Aus „Das Blatt der Hausfrau“ wurde „Brigitte“

Die Familie Ullstein, die nach Kriegsende ihr Unternehmen – soweit noch vorhanden – zurückbekommen hatte, behielt den Titel „Blatt der Hausfrau“ zunächst bei: Ab 1952 wurde jedoch schräg davor der neue Schriftzug „Brigitte“ eingesetzt, der im Laufe der Zeit immer größer wurde. Der Name „Blatt der Hausfrau“ schrumpfte zum Untertitel der „Brigitte“ und verschwand mit Heft 10, der 1. Mai-Ausgabe 1954, ganz vom Cover. Das war das, was man heute eine „schleichenden Titel-Rebrush“ nennt.

Die Titel-Zäsur von 1954 sehen die „Brigitte“-Verantwortlichen bei G+J heute in ihrer Geschichtsschreibung wie gesagt als die Geburtsstunde ihrer Zeitschrift, die sich elf Jahre später nach der Gründung des Druck- und Verlagshauses Gruner + Jahr 1965 zu einem der Flaggschiffe des Unternehmens entwickeln sollte. Allerdings waren die „Brigitte“-Objektdaten im Ullstein-Verlag 1954 noch vergleichsweise bescheiden: Sie erschien bereits 14-täglich, kostete 65 Pfennig und hatte eine verkaufte Auflage von 177.483 Exemplaren (gemäß IVW II. Quartal 1954) sowie eine Reichweite von 970.000 Leserinnen (laut Medianalyse „Die Zeitschriftenleser 1954“, dem Vorläufer der heutigen ag.ma).

Barbara von Treskow hatte sich zu dieser Zeit schon längst von der „Brigitte“ verabschiedet, sie leitete als namhafte Journalistin u.a. von 1952 bis 1957 das Ressort „Frauen und Mode“ beim liberalen „Hamburger Anzeiger“. Hier berichtete sie von den Pariser Modeschauen, rezensierte aber auch die Neuerscheinungen von Thomas Mann und Tennessee Williams, sofern hier Frauenthemen berührt waren. 1950 hatte von Treskow den „Verein für berufstätige Frauen“ mitgegründet. Sie engagierte sich z.B. vehement gegen die herablassende Wahrnehmung der weiblichen Abgeordneten des neuen Bundestags: „Parlamentarierinnen“, so von Treskow in der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 21. Dezember 1950, „haben ebenso wenig die Verpflichtung, ‚Pin up girls‘ zu sein, wie Parlamentarier ‚Sonny boys‘“.

1957: John Jahrs Constanze-Verlag übernahm von Ullstein die „Brigitte“ und baut sie zur modernen Frauenzeitschrift um

Übernahm 1957 die "Brigitte": Verleger John Jahr sen. (1900-1991)

Übernahm 1957 die „Brigitte“: Verleger John Jahr sen. (1900-1991)

Den folgenreichsten Einschnitt für die „Brigitte“ brachte im April 1957 ihr Verlagswechsel vom Berliner Ullstein-Verlag zum Constanze-Verlag in Hamburg des Verlegers John Jahr. Denn als die Zeitschrift mit einer durchschnittlichen Verkaufsauflage von nur noch knapp 170.000 Exemplaren den Verlag verließ, dem sie über ein halbes Jahrhundert gehört hatte, und zu dem aufstrebenden Verlag jener Zeit kam, der die bis dahin erfolgreichste Nachkriegs-Frauenzeitschrift „Constanze“ verlegte, da war klar, dass die „Brigitte“ eine neue verlegerische und journalistische Ausrichtung erhalten würde.

Hintergrund: Jahr und Springer waren mit der Gründung des Constanze-Verlages im Dezember 1947 Partner. Sie erhielten, wie oben erwähnt, am 7. November 1947 die Lizenz Nr. 150 für die neue Frauenzeitschrift „Constanze“. Springer war neben Jahr Geschäftsführer und bis zum 5. Januar 1955 mit 50 Prozent am Constanze-Verlag beteiligt, anschließend bis zu seinem Ausscheiden 1960 noch mit 25 Prozent.

Verhandelte als Partner von John Jahr sen. mit ihm über die "Brigitte": Verleger Axel Springer (1912-1985)

Verhandelte als Partner von John Jahr sen. mit ihm über die „Brigitte“: Verleger Axel Springer (1912-1985)

In den 50er Jahren hatte Jahr für seinen Verlagspartner Springer mit den Ullstein-Erben erfolgreich über deren Verkauf von Verlag und Druckerei an Springer verhandelt, weil Ullstein damals eine schwere Finanzkrise zusetzte. Axel Springer erwarb in mehreren Schritten das Druckhaus Tempelhof von Ullstein, 1956 eine 26-prozentige Beteiligung an der Ullstein AG und vier Jahre später die Aktienmehrheit am Unternehmen. Die Partner Springer und Jahr wollten ursprünglich das Ullstein-Zeitschriftenportfolio untereinander aufteilen. Aber nach Tische las es sich dann doch anders: Aus dem Ullstein-Fundus übernahm der Constanze-Verlag im April 1957 lediglich die „Brigitte“.

Hinzu kam, dass sich Springer bereits von Anbeginn des Joint Ventures mit Jahr auf seine verlegerische Tätigkeit im eigenen Unternehmen konzentrierte, nicht aber sonderlich für den Constanze-Verlag aktiv war, am dem er ja zunächst zur Hälfte beteiligt war. Also war letztlich die unternehmerische Entflechtung beider Verleger, deren Familien trotzdem bis heute in Freundschaft verbunden sind, eine logische Konsequenz.

Erinnerungen an G+J-Verlagsgründer Richard Gruner - Bucerius, Gruner & Jahr

Die drei Gründer von Gruner + Jahr 1965 (v.l.): Dr. Gerd Bucerius, Richard Gruner und John Jahr sen.

Im Mai 1960 schied Axel Springer als Minderheits-Gesellschafter des Constanze-Verlages aus, nachdem er im Januar des gleichen Jahres die Ullstein-Mehrheit erworben hatte. John Jahr war sich darüber im Klaren, dass sein Constanze-Verlag nun in Kooperation mit neuen Partnern wachsen musste, um gegen die expansiven, erfolgreichen Springer-Zeitschriftenaktivitäten bestehen zu können. Diese Einschätzung war einer der entscheidenden Impulse, die dann am 30. Juni 1965 gemeinsam mit dem „Zeit“- und „Stern“-Verleger Dr. Gerd Bucerius (1906-1995) und dem Druckereibesitzer Richard Gruner (1925-2010) zur Gründung des Druck- und Verlagshauses Gruner + Jahr führten. In diesem Sinne kann die Übernahme der „Brigitte“ durch Jahr acht Jahre zuvor als einer der Auslöser zur G+J-Gründung gesehen werden (siehe auch „Media Tribune“ vom 18.4.2013).

Elf Chefredakteurinnen und Chefredakteure seit 1954 an der „Brigitte“-Spitze

1957: "Brigitte" im Constanze-Verlag

1957: „Brigitte“ im Constanze-Verlag

Was waren die Highlights aus den letzten 60 Jahren „Brigitte“, wenn man diese an der Galerie von insgesamt zehn Chefredakteurinnen und Chefredakteuren festmacht? Das waren 1954/55 Dieter Conrads und Gerhard Emskötter, 1956 Klaus Besser, 1957 Hans Huffzky, ebenso Peter Brasch, der die „Brigitte“ bis 1984 führte. Dann kam ein kurzes Intermezzo von Wolfhart Berg. 1985 übernahm Anne Volk die „Brigitte“ und prägte sie nachhaltig bis Ende 2000. Nach dem zweiten kurzen Intermezzo von Beatrix Kruse in 2001 übernahm Anne Volk noch einmal das Zepter, bis ihr 2002 für zehn Jahre Andreas Lebert folgte. Der machte 2012 Platz für Stephan Schäfer, dem dann Brigitte Huber folgte und die bis heute Chefredakteurin der „Brigitte“ ist.

• 1954 führte im Ullstein-Verlag Dieter Conrads (Jahrgang 1923) das Blatt. Er bot mit seinem kleinen Team von nur vier Redakteurinnen den Leserinnen eine Mischung aus Reportagen, Schnittmustern, Mode, einer Umfrage, Kosmetik- und Haushalts-Tipps, also ein feuilletonistisches Frauenblatt, das in erster Linie unterhalten sollte. 1955 modernisierte er mit Hilfe des ehemaligen „Constanze“-Redakteurs Gerhard Emskötter (1916-1987) das Konzept von „Brigitte“: Ein jugendlicherer und gleichzeitig damenhafterer Frauentyp ersetzte die gepflegte, natürliche Hausfrau und Mutter. Mondäne Mode und stark geschminkte Models, aktuelle und soziale Themen, gehobene Unterhaltung und kompetente Lebensberatung machten nun stärker die Heftmischung aus.

• 1956 löste Klaus Besser (1919-1995) im November Dieter Conrads ab. Besser blieb bis 1957 und veränderte das „Brigitte“-Konzept. Als „sensationell aufgemachte Frauenillustrierte“ enthielt sie auch die damals modernen Yellow-Press-Themen.

Erster Chefredakteur der "Brigitte" im Constanze-Verlag: Hans Huffzky (1913-1978)

Erster Chefredakteur der „Brigitte“ im Constanze-Verlag: Hans Huffzky (1913-1978)

• 1957 übernahm mit dem Verlagswechsel vom Ullstein zum Constanze-Verlag Hans Huffzky (1913-1978) im April die Chefredaktion, die „Brigitte“ bekam ein völlig neues, modernes Konzept. Huffzky brachte die Erfahrung der erfolgreichen „Constanze“ mit. Das neue Layout war durch mehr Freiraum und großzügigere Linie gekennzeichnet. Die „Brigitte“ fiel damit aus dem Rahmen der übrigen Frauenzeitschriften. Großformatige, angeschnittene Fotos von Gesichtern bestimmten ihre Optik.

Im Juli wurde Huffzky „Brigitte“-Redaktionsdirektor und Peter Brasch (Jahrgang 1920) übernahm die Chefredaktion. In der Redaktion arbeiteten überwiegend Frauen, denn Brasch wollte Frauen eine Zeitschrift machen lassen, die sie selbst interessiert. Kernsätze von Brasch zum neuen „Brigitte“-Konzept waren: „Habt die Leserin lieb und nehmt sie ernst. Wir machen eine Zeitschrift für Frauen, wie sie sind, und nicht, wie einige von uns sie sich wünschen.“

• 1969 ging die „Constanze“ in die „Brigitte“ auf. Denn mit ihrer vielseitigen Heftmischung und überzeugenden redaktionelle Qualität konnte die bei G+J als „jünger“ geltende „Brigitte“ gegenüber der älteren Magazinschwester „Constanze“ punkten, deren mehrfache Neukonzepte letztlich nicht zum Erfolg führten. Diese für John Jahr bittere Titelfusion von zwei eigenen Verlagsobjekten markierte damals das Ende eines zwei Jahrzehnte dauernden Konzentrationsprozesses auf dem Markt der Frauenzeitschriften.

Stand fast 30 Jahre lang an der Spitze der "Brigitte"-Redaktion: Peter Brasch (Jahrgang 1920)

Stand fast 30 Jahre lang an der Spitze der „Brigitte“-Redaktion: Peter Brasch (Jahrgang 1920)

Auf dem Titel von „Brigitte“ – Heft 1/1970 stand erstmals „Brigitte mit Constanze“, was bis 1978 beibehalten wurde. 1970 wurde „Brigitte mit Constanze“ die neue Marktführerin im Segment der 14-täglichen Frauenzeitschriften. So verkaufte sie im 1. Quartal 1970 1.447.263 Exemplare und lag damit deutlich vor „Für Sie“ (1.132.714) und „Freundin“ (594.447). Die „Brigitte“ hatte durch die Fusion rund 400.000 „Constanze“-Käuferinnen gewonnen. Die Auflagengrenze von einer Million verkaufter Exemplare hatte die „Brigitte“ schon im 1. Quartal 1969 überstiegen.

Peter Brasch stand fast drei Jahrzehnte an der Spitze der „Brigitte“. Gerd Schulte-Hillen (Jahrgang 1940) damaliger G+J-Vorstandsvorsitzender, zu seinem Abschied im September 1984: „27 Jahre hat Peter Brasch als Chefredakteur der ‚Brigitte‘ mit seiner journalistischen Handschrift das verlegerische Profil des Verlages mitgestaltet. Damit ist es im wesentlichen sein Verdienst, dass die ‚Brigitte‘ zur zweiten Säule neben dem ‚Stern‘ geworden ist.“

• 1984 wechselte Wolfhart Berg (Jahrgang 1944) als Chefredakteur von „Dunia“, einer spanischen G+J-Frauenzeitschrift, zur „Brigitte“, um den Generationswechsel mit neuen Impulsen zu versehen, was ihm in seiner kurzen glücklosen Amtszeit bis Oktober 1985 nicht gelang.

Ihr gelang der Generationswechsel: Anne Volk (Jahrgang 1944)

Ihr gelang der Generationswechsel: Anne Volk (Jahrgang 1944)

• Im Oktober 1985 übernahm Anne Volk (Jahrgang 1944) die Chefredaktion. Vorher leitete sie die Entwicklungsredaktion der G+J-Frauenzeitschrift „Prima“ in München. Sie führte 16 Jahre die „Brigitte“ bis 2000 mit einem ähnlichen Erfolg, wie es zuvor Peter Brasch gelungen war. Dr. Bernd Buchholz (Jahrgang 1961) damaliges G+J-Vorstandsmitglied und Leiter des Unternehmensbereiches Zeitschriften Deutschland, zum Abschied von Anne Volk als ‚Brigitte‘-Herausgeberin im Dezember 2004: „Anne Volk hat sich als eine profilierte Journalistin und erfolgreiche Verlagsgeschäftsführerin um die Brigitte-Gruppe verdient gemacht.“

• 2001 gab Anne Volk die Chefredaktion an Beatrix Kruse (Jahrgang 1964) ab und wechselte in die Funktion der Herausgeberin aller Magazine der „Brigitte“-Markenfamilie. Kruse war zuvor Chefredakteurin von „Familie & Co.“. Auch ihr gelang ähnlich wie Wolfhart Berg Mitte der Achtziger Jahre der Generationswechsel in der Nachfolge einer starken Chefredakteurin nicht. Übergangsweise übernahm Anne Volk wieder die „Brigitte“-Chefredaktion.

Kam nach 13 Jahren zur "Brigitte" zurück: Andreas Lebert (Jahrgang 1955)

Kam nach 13 Jahren zur „Brigitte“ zurück: Andreas Lebert (Jahrgang 1955)

• 2002 wurde Andreas Lebert (Jahrgang 1955) Chefredakteur. Er brachte fundierte Redaktionserfahrung mit, denn er war bereits von 1986 bis 1989 Ressortleiter bei der „Brigitte“. 1990 gründete er das „SZ-Magazin“ und war anschließend bis 1996 dort Chefredakteur, von 1996 bis 1997 war er stellvertretender Chefredakteur des „Stern“. Lebert erwarb sich in den folgenden zehn „Brigitte“-Jahren den Ruf eines prägenden, stets vorsichtig modernisierenden Chefredakteurs, eines „Frauen-Verstehers“ im besten Sinne des Wortes. Julia Jäkel-Wickert (Jahrgang 1971), damalige Verlagsgeschäftsführerin der Verlagsgruppe Life und heutige G+J-Vorstandsvorsitzende, im August 2012: „Andreas Lebert hat zehn Jahre die ‚Brigitte‘ mit Ideenreichtum, gestalterischer Kraft und Menschlichkeit erfolgreich geführt und geprägt.“

• 2012 wurde Andreas Lebert im Zuge des Generationswechsels der G+J-Stammtitel von Brigitte Huber (Jahrgang 1964) abgelöst. Seit 2009 war Huber Co-Chefredakteurin, erst an der Seite von Lebert. Danach teilte sie sich den Posten mit Stephan Schäfer-Gothe (Jahrgang 1974), bis dieser im April 2012 in den G+J-Vorstand berufen wurde. Huber kennt sich im Metier der Frauenmagazine aus und ist bereits seit zwölf Jahren bei der „Brigitte“.

Wo steht die „Brigitte“ heute – wo will sie hin?

"Brigitte"-Cover vom April 2014

„Brigitte“-Cover vom April 2014

Trotz sinkender Auflagen im Segment ist und bleibt die „Brigitte“ nach wie vor Deutschlands Frauenzeitschrift Nummer eins, ein großer Erfolg angesichts der fortschreitenden Segmentierung ihres Marktes und eines immer kürzeren Lebenszyklus der neu eingeführten Titel. Im I. Quartal 1976 erreichte sie eine Spitzenauflage von fast 1,55 Millionen verkauften Exemplaren. Ab 1977 ging die verkaufte Auflage allerdings aufgrund des zunehmenden Verdrängungswettbewerbs zurück. Lag sie im III. Quartal 2012 noch bei 585.476 Exemplaren, betrug sie 2013 nur noch 554.826 (III/2013). Dies entspricht einem Minus von fünf Prozent. Bei den direkten Wettbewerbern sieht der aktuelle Auflagentrend nicht besser aus.

Dennoch – die Brigitte-Familie will mit allen gedruckten und digitalen Ablegern weiter wachsen, so der optimistische G+J-Tenor. Sie will in diesem Jahr – 60 Jahre nach Einführung ihrer heutigen Titelmarke und 128 Jahre nach ihrer Gründung – eine Reihe neuer Produkte herausbringen: Zehn Sonderhefte, weitere Apps für mobile Endgeräte, Videos im Internet und künftig vier statt bislang zwei Ausgaben des Ablegers „Brigitte Mom“ sind geplant.

Ziel ist es, entsprechend der neuen G+J-Strategie der Transformation, unter ihrem in vielen Jahrzehnten profilierten Markendach einen noch größerem Kosmos von Medien und Inhalten zu kreieren und dann diese neuen Kommunikations-Orbitale wirtschaftlich und publizistisch zu einem nachhaltigen Erfolg auszubauen. Das ist ebenso ehrgeizig wie schwierig.

Dabei könnte ein unverstellter Blick auf die respektable und bewegte Zeitschriften-Geschichte seit den ersten Anfängen in 1886 zusätzliche Impulse geben. Denn die „Brigitte“ wird nur dann ihre Zukunft als eine der stärksten Medienmarken in Deutschland meistern können, wenn sie sich ihrer starken Wurzeln über fast 130 Jahre bewusst bleibt und bei allen Transformationsschritten weiterhin an ihrem bisherigen Erfolgskonzept eines qualitätsorientierten Journalismus für Frauenthemen festhält.

(Autoren: Kurt Otto / Jens J. Meyer)

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