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Neue Details zum Gründungsmythos des „Stern“ und dessen bisher unterbliebenen Aufklärung



Der ungeordnete Zeitschriftennachlass einer alten Dame mit Sammelleidenschaft aus Lunden in Dithmarschen brachte vor 20 Jahren den Stein ins Rollen: Sie hinterließ dem Dithmarscher Landesmuseum in Meldorf u.a. „Stern“-Ausgaben aus den Jahren 1938 und 1939. Also zehn Jahre bevor Henri Nannen in Hannover seinen „Stern“ erfand. Was bedeutet das für seine Gründungsgeschichte aus heutiger Sicht? Es ist eine Mischung aus Provinztheater und großer Medienbühne.

1. Akt: Das Dithmarscher Landesmuseum bringt den Stein 1998 ins Rollen

Die Sache geriet – wie so viele Exponate aus der Nazi-Zeit – erst einmal durch Einlagerung und Archivierung im kleinen Meldorfer Museum in Vergessenheit. Bis der frühere Museumsdirektor des Dithmarscher Landesmuseums, Dr. Wolf-Dieter Könenkamp, in den Medien Vorankündigungen des Mega-Events „50 Jahre STERN“ von Gruner + Jahr im August 1998 las. Daraufhin setzte er die „Stern“-Redaktion von seinem interessanten Fund in Kenntnis. Könenkamp wartet einige Wochen auf eine Antwort vom Baumwall und schrieb am 18. September 1998 erneut an die „Stern“-Redaktion. Dieser Brief im Wortlaut:

„Da von Ihrer Seite bisher mit keinem Wort auf die Existenz des Vorkriegs ‚Stern‘ eingegangen worden ist, sondern stets nur von H. Nannens Idee vor 50 Jahren gesprochen wird, möchte ich Ihre Selbstgewissheit mit beiliegender Titelkopie (April-Ausgabe 1939) etwas erschüttern. Es erscheint mir kaum vorstellbar, dass dem Journalisten H. Nannen die Existenz einer Illustrierten wie des alten ‚Stern‘ unbekannt gewesen sein soll. Die Ähnlichkeiten – äußerlich wie innerlich – sprechen für das Gegenteil.
Außerdem war der Herausgeber, Kurt Zentner, kein Unbekannter, eine Auflage von 750.000 Exemplaren (2. Quartal 1939) nicht unerheblich.
Da ‚Stern‘ Nr. 1 offensichtlich am 20. September 1938 mit Heft 1 erschienen ist, dürften Sie demnächst Ihr Sechzigjähriges begehen, auf jeden Fall sollten Sie Ihren Gründungsmythos vielleicht doch ein wenig relativieren.
(gez. Dr. Wolf Dieter Könenkamp)“

Die postwendende Antwort vom 21. September war ein ebenso knapper wie schmallippiger Dreizeiler: „Ihre Erinnerung trügt Sie nicht. Tatsächlich gab es schon einmal ein Kino- und Filmblättchen mit dem Namen STERN. Es erschien nur einige Jahre im Ullstein-Verlag und hat mit dem Nachkriegs-STERN nichts zu tun.“

Dieser Bescheid stellte dem Museumsdirektor angesichts der ihm vorliegenden historischen Fakten nicht zufrieden, wie ein weiteres insistierendes Schreiben an den „Stern“ vom 23. September 1998 zeigt:

„Offensichtlich haben Sie meinen Brief nicht besonders gründlich gelesen. Es ging nicht um meine ‚Erinnerung‘, es ging auch nicht darum, dass Sie mir einen ohnehin evidenten Sachverhalt noch einmal bestätigen.
Es geht allein darum, dass der (heutige) ‚Stern‘ sich selbst als eine genuine Kreation von H. Nannen darstellt, obwohl er das nachweislich nicht ist. Selbst wenn Sie den alten ‚Stern‘ zum ‚Filmblättchen‘ abwerten (schauen Sie doch einmal in die ersten Jahrgänge des ‚Stern‘!), so hat er immerhin auf H. Nannen so anregend gewirkt, dass dieser Name und zentrales grafisches Motiv gleich noch einmal verwendet hat – insofern hat der Nachkriegs-Stern mit seinem Vorbild unbestreitbar eine ganze Menge zu tun.
Diesen nicht gerade unbedeutenden Sachverhalt haben Sie aber Ihren Lesern verschwiegen. Ich halte das für unlauter und deshalb Ihre Antwort für äußerst unbefriedigend.“

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„Stern“-Logos: 1938 (links) und heute

Eigentlich hätten spätestens jetzt – einige Wochen nach dem medienwirksamen „Stern“-50-Jahre-Jubiläum – beim damaligen „Stern“-Chefredakteur Dr. Werner Funk und seiner Redaktionsspitze die Alarmglocken schrillen müssen, um diesen Fakten in eigener Sache und Vergangenheit einmal umfassend nachzugehen.

Nichts aber passierte. Es wäre damals für die in der Zeitschriftenszene als vorbildlich geltenden Recherche-Möglichkeiten der „Stern“-Redaktion ein Leichtes gewesen, anhand anderer historischer Quellen sowie der Aussagen der damals noch lebenden Zeitzeugen im direkten und mittelbaren Umfeld des am 13. Oktober 1996 verstorbenen Sir Henri die Gründungsgeschichte des „Stern“ von 1948 zu relativieren oder teilweise neu zu schreiben.

2. Akt: Nils Minkmar 2000 in der „Zeit“ – „Stern im Schatten des Sterns“

Es dauerte zwei weitere Jahre, bis der dem „Stern“ offensichtlich unangenehme Archivfund im Dithmarscher Landesmuseum doch die große Medienbühne erreichte. Auch hier spielte der Zufall die entscheidende Rolle: Als „Zeit“-Mitarbeiter in Dithmarschen für einen historischen Beitrag über die Schlacht bei Hemmingstedt recherchierten, erwähnte der Meldorfer Museumsdirektor Könenkamp dem Redakteur Nils Minkmar gegenüber beiläufig auch die alten „Stern“-Ausgaben in seinem Archiv. Dieser forschte genauer nach und veröffentlichte am 20. April 2000 in der „Zeit“ seinen Beitrag unter der spektakulären Headline „Stern im Schatten des Sterns“.

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Plakat zum Relaunch des „Stern“ 2013

Minkmar ist übrigens heute Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und war bis 2013 Mitglied der Hauptjury des alljährlich ausgelobten „Henri Nannen Preises“. Eine gewisse Ironie in dieser Geschichte. Er hätte dem heutigen „Stern“-Chefredakteur Dominik Wichmann von seinen damaligen Erkenntnissen in der „Zeit“ vor gut 13 Jahren berichten können. In diesem Zusammenhang hätte die Aussage „Sorry Henri Nannen, es musste sein“, wie es vor einem Jahr zum Wichmann-Relaunch des „Stern“ plakativ am Baumwall hieß, besser gepasst.

Die „Zeit“ recherchierte damals: Der Chefredakteur des Vorkriegs-„Stern“, erschienen im Deutschen Verlag, dem Nachfolger des unter den Nazis 1934 „arisierten“ Ullstein-Verlages in Berlin, Dr. Kurt Zentner, soll nach dem Krieg kurze Zeit auch redaktioneller Mitarbeiter des neuen „Stern“ unter Henri Nannen gewesen sein:

„Kurt Zentner und Henri Nannen, daran erinnert sich Zentners Sohn Christian, kannten sich gut. Kurt Zentner war nach dem Krieg unter anderem Chefredakteur der Münchner Illustrierten, schrieb Sachbücher und arbeitete für Fernsehdokumentationen.“

Kannten sich: Henri Nannen (links) und Dr. Kurt Zentner, Hauptschriftleiter des alten „Stern“ und später zeitweise auch für den neuen „Stern“ tätig

Kannten sich: Henri Nannen (links) und Dr. Kurt Zentner, Hauptschriftleiter des alten „Stern“ und später zeitweise auch für den neuen „Stern“ tätig

Nannen und Zentner könnten sich bereits während des Zweiten Weltkrieges gekannt haben: Beide waren in der Wehrmacht Angehörige einer Propaganda-Kompanie. Nannen gehörte der „SS-Standarte Kurt Eggers“ in der „Untereinheit Südstern“ an, die bis 1945 u.a. in Italien aktiv war und an Nazi-Flugblättern und „Kampfproganda“ mitwirkte, wie der Nannen-Biograf Hermann Schreiber in seinem Buch „Henri Nannen – Drei Leben“ (C. Bertelsmann, 1999) in vielen Details jener Jahre beschrieb. Allerdings war Nannen in dieser Funktion nie regulärer Angehöriger der Waffen-SS und kann auch nicht mit Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht werden.

Minkmar 2000 in der „Zeit“ weiter: „…Dass Nannen den (Vorkriegs-) Stern kannte, daran besteht kaum ein Zweifel. Und dass damals kräftig abgekupfert wurde, ist auch bekannt: Schon das erste Heft von ‚Zick Zack‘ (dem ‚Stern‘-Vorläufer) bestand, so erzählte es Redakteur Günther Dahl Hermann Schreiber, aus ‚lauter geklauten Beiträgen aus alten deutschen und neueren ausländischen Zeitschriften‘. Und welche alte deutsche Zeitschrift wäre besser dazu geeignet, den Stern zu machen, als der Stern?“

Seit April 2000 schlummert der Artikel im online verfügbaren „Zeit“-Archiv und ist für jedermann zugänglich unter http://www.zeit.de/2000/17/200017.m-stern_vor_dem_.xml. Er ist also keineswegs ein Geheimnis von wenigen historisch ambitionierten Medienjournalisten. Aber kein Medium hat je dieses Thema wieder aufgegriffen.

3. Akt: Auf Wikipedia stehen zwei unterschiedliche STERN-Beiträge

Und in Wikipedia gibt’s gleich zwei „Stern“-Beiträge: zum einen den für die „nationalsozialistische Zeitschrift“, herausgegeben von Dr. Kurt Zentner, zu finden unter http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Stern_(Zeitschrift,_1938/39). Dort heißt es u.a. zur strittigen Verwandtschaft mit dem „Stern“ Henri Nannens:

Ein Titelblatt des ersten, bereits 1938 gegründeten „Stern“: Hitler im Kreis der Künstler

Ein Titelblatt des ersten, bereits 1938 gegründeten „Stern“: Hitler im Kreis der Künstler

„Zwischen dem Stern von 1938/39 und der 1948 gegründeten Zeitschrift ähnlichen Namens bestehen Zusammenhänge, obwohl der neue stern an keiner Stelle auf diesen Teil der eigenen Historie eingeht. Das Logo der alten Zeitschrift zeigt einen siebenzackigen Stern in von Ausgabe zu Ausgabe wechselnden Farben, während das Logo der Nachkriegszeitschrift stern einen sechszackigen weißen Stern auf rotem Grund aufweist. Die Themensetzung beider Publikationen ähnelt sich bis in die Gestaltung der Titelseiten mit hochwertigen Fotografien weiblicher Models hinein. Der Verleger und Gründer des Nachkriegs-stern Henri Nannen wollte nichts von der gleichnamigen Vorkriegs-Publikation gewusst haben…“

Der zweite Wikipedia-Beitrag zum „Stern“ von Henri Nannen steht darunter, wenn man die Google-Suche benutzt: http://de.wikipedia.org/wiki/Stern_(Zeitschrift). Hier heißt es zur Seelenverwandtschaft mit dem Vorkriegs-„Stern“ u.a.:

„…Nach Auffassung von Historikern, die zur Gründungsgeschichte des Stern publizieren, hatte die Zeitschrift in seiner Aufmachung das 1938/1939 in hoher Auflage erschienene, von Kurt Zentner konzipierte Glanz- und Glamourblatt Der Stern zum Vorbild. So betont Nils Minkmar, dass das berühmte Cover der ersten Nachkriegsausgabe mit Hildegard Knef wie ein Duplikat des alten Stern Nr. 25 vom Juni 1939 mit Brigitte Horney wirkt und verweist, wie auch ein Bericht der Süddeutschen Zeitung darauf, dass Zentner zeitweise für Nannens Stern gearbeitet hat. Für den Historiker Habbo Knoch [machte] dieser erste ‚Stern‘ die Mischung aus Stil und Kultur, Stars und Sex bereits vor“.

„Stern“-Horney-Titel Nr. 25/1939 (links) und STERN-Knef-Titel 1/1948

„Stern“-Horney-Titel Nr. 25/1939 (links) und STERN-Knef-Titel 1/1948

„Media Tribune“ liegt dieser „Stern“-Horney-Titel Nr. 25/1939 vor, ebenso ein Reprint der Erstausgabe des Nannen-„Stern“ zehn Jahre später mit Cover-Girl Hildegard Knef, der 1998 anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Stern“ gedruckt wurde (siehe Abbildungen rechts).

4. Akt: Die Kurzversion der Gründungsgeschichte von Henri Nannen

Bis heute äußerte sich die „Stern“-Redaktion angesichts der bekannten historischen Fakten zum Vorkriegs-Vorläufer gleichen Namens öffentlich nicht. Man versuchte über viele Jahre, diese Geschichte im kleinen Kreis lieber diskret unterm Deckel zu halten und blieb auch zum 60. „Stern“-Geburtstag im August 2008 bei der von Nannen kolportierten Gründungsgeschichte des „Stern“, die sich seither in vielen anderen Quellen auf breiter Front in den Archiven dominant durchgesetzt hat. Und diese liest sich in einer Kurzversion in etwa so:

Henri Nannen brachte am 1. August 1948 die erste Ausgabe des „Stern“ in Hannover auf den Markt. Der „Stern“ erhielt die Zulassungs-Nummer 109 der britischen Militärregierung. Herausgeber und Chefredakteur der ersten Stunde war Gerd Klaas. Der „Stern“ hatte einen Vorläufer in dem Jugendmagazin namens „Zick-Zack“, erschienen in einem Pyrmonter Verlag. In den schweren Nachkriegszeiten wollte Nannen den Menschen einen „Stern der Hoffnung“ zeigen. Stern – das war kurz, griffig und leuchtend. Den ursprünglichen Zusatz „Illustrierte Zeitschrift für junge Menschen“ ließ er ab Heft 6/1948 weg. Aus altem Papier schnitt die Ehefrau Ursula des „Stern“-Bildredakteurs Karl Beckmeier vor dem Start einen sechszackigen Stern, klebte ihn auf schwarze Pappe und pinselte mit weißer Farbe schwungvoll „Der Stern” hinzu.

Gruner+Jahr-Plakat von 1998: Späte Huldigung an Ursula Marquardt-Beckmeier, die das „Stern“-Logo schuf


Gruner+Jahr-Plakat von 1998: Späte Huldigung an Ursula Marquardt-Beckmeier, die das „Stern“-Logo schuf

Bei dieser Geschichte blieb es dann in einigen Variationen. Im Sommer 1998 ließ man beim „Stern“ aus Anlass des 50. Jubiläums eigens als Referenz für Ursula Beckmeier ein großformatiges Plakat drucken. Vor rotem Hintergrund leuchtete weiß das Logo der Illustrierten „Stern“, der Schriftzug „Für Ursula“ prangte groß am Kopf. In einer Fußzeile war zu lesen: „Die Malerin und Graphikerin Ursula Marquardt-Beckmeier hat 1948 das ursprüngliche STERN-Logo geschaffen.“

5. Akt: Wie mit „Zick-Zack“ die „Stern“-Stunde kam

Unter dem Titel „Wie mit ‚Zick-Zack‘ die ‚Stern‘-Stunde kam“, brachte die „Deister- und Weser-Zeitung“ am 8. Oktober 2013 in ihrer Lokal-Ausgabe für Bad Pyrmont einen Beitrag zur Vorgeschichte: „Es ist so gut wie unbekannt, dass bei der Gründung einer der erfolgreichsten Illustrierten der Welt Bad Pyrmont gewissermaßen Pate gestanden hat.“

Danach brachte die Zick-Zack-Verlag GmbH mit den Herausgebern Gerhard Ritter (Chefredakteur) und Franz Otterpohl die erste Ausgabe der „Zeitschrift für junge Menschen“ heraus. Diese war aber weit mehr als ein Jugendmagazin. Zunächst war der Titel „Ping-Pong“ geplant, der jedoch in Bayern bereits vorhanden war. Der Dritte im Bunde war Kurt Bacmeister, später Redakteur der „Stern“-Rätselecke. Kurz nach der Gründung zerstritten sich die Gründer unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse, was den zuständigen englischen Press Chief Deneke veranlasste, ihnen die Lizenz am 28. April 1948 zu entziehen und diese Henri Nannen aus Hannover zu erteilen. Damit kam „Zick-Zack“ an die Hannoversche Verlagsgesellschaft mbH, in der auch die „Abendpost“ des Lizenzträgers Nannen erschien. Ab 21. Mai 1948 kamen aber noch fünf Ausgaben der Zeitschrift in Bad Pyrmont unter seinem Namen heraus.

Laut Günter Dahl, einem „Zick-Zack“-Redakteur der ersten Stunde und später bei Nannen langjähriger Leiter des „Stern“-Medizin-Ressorts, trat Nannen als der „gut aussehende, große, schneidige Hund, dem ich alles verdanke“ in Offiziers-Reithosen und Stiefeln auf. Nannen kündigte die bestehenden Verträge und ließ das Inventar nach Hannover bringen. Von Günter Dahl ist der legendäre Satz übermittelt: „Manchmal möchte ich Henri Nannen erschlagen, um dann an der Leiche weinend zusammenzubrechen.“ Die Genehmigung des englischen Press Chief zur Namens- und Formatänderung von „Zick-Zack“ wurde am 6. Juli 1948 erteilt. In der letzten „Zick-Zack“-Ausgabe von Nannen hieß es:

So sah der Titel der Zeitschrift "Zick Zack" aus. Diese 3. Ausgabe erschien am 29. August 1947 und ist quasi der Vorlaüfer für den "stern"

So sah der Titel der Zeitschrift „Zick Zack“ aus. Diese 3. Ausgabe erschien am 29. August 1947 und ist quasi der Vorlaüfer für den „stern“

„Mitunter kann aus einem bloßen Zick-Zack ein richtiggehender Stern werden. Das ist eine Frage der Geschicklichkeit oder des Zufalls. Nun, lieber Leser, das Glück sollst Du haben: Vom nächsten Heft an heißt diese Zeitschrift nicht mehr Zick-Zack, sondern stern. Natürlich kann man einen Namen nicht ablegen wie einen alten Rock. Das Gesetz kennt zwei Gründe für eine Namensänderung: die Adoption oder die Heirat. In unserem Fall trifft beides zu. […] Der stern wünscht sich als Leser keineswegs den (noch immer nicht ganz ausgestorbenen) Jawohl-Sager und auch nicht den Wiederkäuer irgendeiner nach einem patentierten Rezept verabreichten geistigen Nahrung, sondern den kritischen, gerade durch unsere dunkle Zeit hellwach gewordenen jungen Menschen, der sich nicht gleich jede Jacke anzieht, auch wenn er keine mehr besitzt.“

6. Akt: Die Never-Ending-Story der „Stern“-Gründung wird weitergedreht

Damit ist die pointenreiche Geschichte aus der „Stern“-Vergangenheit keineswegs zu Ende. Ähnlich dem täglich grüßenden Murmeltier findet sie heute nach weiteren fünf Jahren als Never-Ending-Story der „Stern“-Gründung eine spektakulärere Fortsetzung: Eine ganze Seite im „FAZ“-Feuilleton vom 19. Dezember 2013 ist dem 100. Geburtstag von Henri Nannen gewidmet und trägt die Überschrift „Die braunen Wurzeln des ‚Stern'“.

Autor ist Tim Tolsdorff, der als Medienhistoriker 2013 intensiv an diesem Thema arbeitete. Seine Recherchen dürften im letzten Jahr der „Stern“-Redaktion kaum vorborgen geblieben sein. Das Ergebnis von Tolsdorff liest sich im „FAZ“-Vorspann:

„Vor hundert Jahren wurde Henri Nannen geboren. Seit 1948 baute der Journalist den ‚Stern‘ zur zeitweilig größten Illustrierten Europas auf, die er zum Mythos machte. Zu Anfang aber zeigte sie frappierende Ähnlichkeit mit einem bunten Medium gleichen Namens aus NS-Zeiten. Neue Quellen belegen aber auch den Einfluss von belasteten Presseleuten bei der Nachkriegswiederbelebung des Blattes – und beleuchten juristische Scharmützel um die Urheberschaft“.

In diesem FAZ-Vorabdruck gibt Tolsdorff Einblick in sein für Mai 2014 vom Kölner Verlag Herbert von Halem angekündigtes Buch „Von der Stern-Schnuppe zum Fix-Stern. Zwei deutsche Illustrierte und ihre gemeinsame Geschichte vor und nach 1945“. Eine Illustrierte der Nazizeit als Stern-Muster – hatte da nicht schon mal jemand drüber geschrieben? Richtig, eben jener Nils Minkmar vor 13 Jahren. Tolsdorff: „Mit den Ungereimtheiten bei der bislang verbreiteten Version der Stern-Gründung beschäftigte sich bislang lediglich ein populärwissenschaftlicher Beitrag des Journalisten Nils Minkmar“.

Tolsdorff vertritt in der vorweihnachtlichen „FAZ“ eine ähnliche Auffassung wie Nils Minkmar in der „Zeit“ vom 20. April 2000: Danach ist die Erfindung der Illustrierten Stern durch Henri Nannen im Sommer 1948 „einer der bestimmenden Gründungsmythen in der bundesrepublikanischen Pressegeschichte“. Tolsdorff legt aufgrund seiner neuen Quellen offen, „dass Nannen zu großen Teilen das Konzept einer Illustrierten übernahm, die bis Ende 1939 in Berlin als erfolgreiches Produkt der NS-Propaganda erschien“, so eine Kernthese seines Buches, das einige weitere neue Erkenntnisse zur Genese des „Stern“ verspricht.

Enkelin Stefanie Nannen (Foto: Michael Rauhe) beschreibt ihren Großvater

Enkelin Stefanie Nannen (Foto: Michael Rauhe) beschreibt ihren Großvater

Die Journalistin Stephanie Nannen, Enkeltochter von Henri, hat aus Anlass des 100. Geburtstages ihres Großvaters bereits im Herbst 2013 ein Buch veröffentlicht, erschienen im C. Bertelsmann-Verlag unter dem Titel „Henri Nannen – Ein Stern und sein Kosmos“. Auch sie befasst sich in einem Kapitel mit dem Thema des „Stern vor dem Stern“. Sie schreibt u.a. mit Hinweis auf ihre Gespräche mit Opa Henri:

„Ob mein Großvater von Anfang an die Zeitschrift ‚Stern‘ aus den Dreißigerjahren vor Augen gehabt hat und sich wegen der Titelrechte nicht ganz sicher darüber war, wie weit man den Bezug offiziell benennen sollte, oder ob es so war, wie er es mir erzählte, nämlich dass ihm erst bei der zweiten Ausgabe wieder eingefallen ist, dass es den ‚Stern‘ ja schon einmal gegeben hatte und er sich dann Sorgen wegen der Titelrechte machte, weiß ich nicht.“ Kompliment an die Enkelin, sie in ihrem Buch keinen Bogen um den Vorkriegs-„Stern“ macht und den Versuch unternimmt, den Zentner-„Stern“ nicht zu verschweigen, sondern ihn historisch im Umfeld der ersten Nachkriegsjahre angemessen kommentiert.

Epilog: Die Moral von der Geschichte eines Gründungsmythos

„Media Tribune“ geht es beim Versuch einer präziseren historischen Einordnung des Stellenwertes des Vorkriegs-„Stern“ keineswegs darum, leichtfertig daran mitzuwirken, die grandiose Lebensleistung des „Stern“-Gründers, -Chefredakteurs und -Herausgebers über Jahrzehnte – für Gruner + Jahr und den deutschen Qualitätsjournalismus – in irgendeiner Form zu schmälern. Nein, Henri Nannen ist und bleibt einer der ganz Großen in der Zeitschriftengeschichte des 20. Jahrhunderts. Wenngleich Henri Nannen zeitlebens nie Interesse daran hatte, sein Leben autobiografisch geradlinig und ohne Schlangenlinien nachzuzeichnen. Er war der talentierte und phantasievolle Erzähler von Geschichten und Anekdoten in eigener Sache, die von ihm, je nach Anlass und Zusammenhang, geschmeidig etwas zurechtgebogen wurden.

Der „Stern“-Autor Claus Lutterbeck brachte das auf „stern.de“ zum 100. Geburtstag von Henri Nannen auf den Punkt:

„Dies ist der Versuch, einen Mann zu beschreiben, der nicht nur geflimmert, sondern sogar gefunkelt hat. Und das kann natürlich nur so geschehen, wie Nannen selbst das Leben und seine Akteure immer gesehen hat: als ‚packendes Welttheater‘ voll unglaublicher Anekdoten und Sagen, Fakten und Märchen, Geschichten und Dönekes. Man muss sie nur ausgraben. Diese Geschichten sind meist deswegen so farbig, weil er selbst sie so oft erzählt, ausgeschmückt und hinterher nur halbherzig dementiert hat. Das macht die Suche nach Wahrheit kompliziert.“

Vermutlich hätte Nannen in diesem Sinn zu seinen Lebzeiten alles unternommen, eine historisch einigermaßen korrekte und stimmige Darstellung der Bedeutung des Vorkriegs-„Stern“ für seinen Kosmos zu verhindern.

Es geht uns heute allein um die Tatsache, dass die „Stern“-Redaktion vor 15 Jahren taube Ohren hatte, als sie 1998 – zwei Jahre nach dem Tod von Henri Nannen – vom damaligen Direktor des Dithmarscher Landesmuseums mehrfach fundierte Hinweise und Belege auf den Vorkriegs-„Stern“ von Kurt Zentner erhielt, dann aber doch nichts konkret unternahm, um nach Nannens Tod den Gründungsmythos des „Stern“ historisch zurechtzurücken, was damals auf eine verständnisvolle Medienresonanz gestoßen wäre. Dieses Versäumnis rächt sich heute angesichts der bevorstehenden Tolsdorff-Veröffentlichung über die vermeintlichen „braunen Wurzeln“ des „Stern“.

Dieser Beitrag soll auch als eine späte Reverenz für den ehemaligen Museumsdirektor Wolf-Dieter Könenkamp in Meldorf verstanden werden. Über ihn hieß es in der Überschrift eines Artikels in den „Husumer Nachrichten“ vom 13. Mai 2000: „Ein Dithmarscher bringt die Verleger-Legende Henri Nannen ins Wanken.“ Diese Headline liest sich angesichts der dargestellten Zusammenhänge für den „Stern“ wie eine Ohrfeige.

Verlage wie Gruner + Jahr und andere Medienhäuser können aus dieser medienhistorischen Episode ablesen, dass es sich durchaus unangenehm rächen kann, wenn man keine Antennen hat für eine historisch einigermaßen korrekte Darstellung der Geschichte und Wurzeln seiner Titel. Und wenn man offensichtlich wenig geneigt und bereit ist, vorausschauend für diesen Anspruch etwas an Zeit, Aufwand und historischer Expertise zu investieren; vor allem, wenn es um jene dunklen Jahre geht.

Medien brauchen keine Säulenheiligen, sie benötigen ein sehr viel stärkeres Gefühl für ihre Wurzeln. Sie sollten sich als Teil ihrer gelebten Unternehmenskultur stets kritisch hinterfragen: Wo kommen wir her? Was sind unsere Wurzeln? Das mag banal klingen, es gerät aber leicht in Vergessenheit.

Dem Axel Springer-Verlag ist es in diesem Sinne 2012 gelungen, die Wurzeln des Unternehmens in der heutige Zeit mit neuen Akzenten zu verankern. Gesellschafter, Vorstand und Presseabteilung hatten damals den 100. Geburtstag von Axel Springer zum Anlass genommen, sich in breiter Front und mit allen Stilmitteln der Kommunikation mit der Persönlichkeit des Verlegers auseinanderzusetzen. Auch kritisch und despektierlich, ohne hohle Festreden mit Zuckerguss. Sie hatten dabei das Risiko auf sich genommen, Springer historisch neu zu sehen, mit allen seinen Stärken, aber auch seinen vom Verlag bislang verschwiegenen Schwächen.

Ebenso hat das Haus Bertelsmann vor 15 Jahren für eine angemessene Einordnung seiner Historie in den Nazi-Jahren gesorgt und damit für die deutsche Medienwirtschaft ein vorbildliches Zeichen gesetzt. Der damalige Vorstandsvorsitzende Dr. Thomas Middelhoff berief 1999 – also etwa zum gleichen Zeitpunkt der Könenkamp-Entdeckung zum „Stern“ – eine international anerkannte Historiker-Kommission ein, zur „Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich“. Da ging es zwar um andere, sehr viel größere und gravierendere Dimensionen von Verquickungen von Bertelsmann und der Eigentümerfamilie Mohn mit dem Nazi-Regime. Gleichwohl bewies Bertelsmann mit diesem durchaus schmerzlichen Prozess der Historiker-Recherchen über mehrere Jahre, dass es sich letztlich auszahlt, im Unternehmen selbst die eigenen historischen Wahrheiten nach neuen Erkenntnissen aufzuarbeiten.

Auch und vor allem, wenn es schmerzen sollte.

(Autoren: Kurt Otto / Jens. J. Meyer)

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