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Pressevertrieb: 60 Jahre Grosso im Brennpunkt



2010 feiert der Bundesverband Presse-Grosso 60-jähriges Bestehen. Die Tradition des Großhandels mit Zeitungen und Zeitschriften hat aber eine noch längere Tradition. Hier ein Überblick über einige Ereignisse und Entwicklungen, die für die heutige Branchenstruktur des Pressevertriebs prägend waren:

20er und 30er Jahre - Grundsteinlegung für Grossisten in Deutschland

Bereits in den Jahren 1927/28 setzte der Berliner Ullstein Verlag den Grundstein für das Grosso und wählte deutschlandweit 100 Großhändler aus, die ein bestimmtes Gebiet mit seinen Zeitschriften versorgen sollten. Der Verlag achtete darauf, dass kein anderer Großhändler in diesem Gebiet seine Titel vertrieb. Konkurrenzverlage wie Selle-Eysler oder die Frankfurter Societätsdruckerei beschäftigten bald ebenfalls Grossisten, allerdings nur solche, die nicht an Ullstein gebunden waren. Die Konditionen waren ähnlich: Vertriebsgebiet und ausgelieferte Titel wurden vom Verlag festgelegt, der Großhändler versorgte dieses Gebiet mit den jeweiligen Verlagserzeugnissen allein. Da diese objektbezogene Alleinauslieferung allerdings oftmals wirtschaftlich nicht tragbar war, bildeten sich  zunehmend Gebiete mit nur einem Grossisten.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gerieten auch die Großhändler für Zeitungen und Zeitschriften sowie deren Verband unter die Kontrolle der Reichspressekammer.

Hör Zu - Die Zeitschrift im Vertrieb von Axel Springer prägt den Pressegrosso

Die 40er und 50er Jahre für das Pressegrosso

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war dadurch geprägt, dass der Einzelhandel beim Vertrieb von Zeitungen und Zeitschriften zunehmend wichtiger wurde, vor allem durch immer mehr Verkaufsstellen im ländlichen Raum. Eine Vorreiter-Rolle spielte hier der Verlag Axel Springer, der systematisch neue Verkaufsplätze für Bild und Hör Zu erschloss (später auch den Sonntagsvertrieb mit Bild am Sonntag und Welt am Sonntag entwickelte, ebenfalls  über Tankstellen und – seit den 80er Jahren – über Bäckereien). Dadurch wurde allerdings auch der Handel mit Presse immer unübersichtlicher, denn viele verschiedene Grossisten – es waren damals zwischen 400 und 500! – konkurrierten miteinander um die Einzelhändler. Grenzen für die Presse-Vertriebsgebiete gab es bis in die 50er Jahre nicht.

Die Medienhäuser mussten die vielen Grosso-Betriebe nicht nur mühsam einzeln beliefern und abrechnen, sie hatten auch so gut wie keine Instrumente, um die zum Teil extrem hohen Remissionsquoten auszusteuern, denn die Einzelhändler gaben unverkaufte Zeitungen und Zeitschriften einfach irgendeinem der Grossisten mit, von dem sie beliefert wurden. Daher setzten die führenden Verlage, beginnend in den 50er Jahren, einen länger dauernden Marktbereinigungsprozess in Gang: Die leistungs- und zahlungsfähigsten Grossisten – im ersten Schritt: 150 – wurden mit Alleinbelieferungsrechten für ihre Objekte und bestimmte Gebiete ausgestattet, was bis heute im Pressevertrieb nachwirkt (die Zahl der Betriebe ist mittlerweile in den alten Bundesländern auf 57 gesunken). Generell beliefert in den Vertriebsgebieten nur ein Vollsortiments-Grossist die Einzelhändler.

60er Jahre und 70er Jahre des Medienvertriebs

Ende der 60er Jahre bestand der Bauer Verlag in einigen Vertriebsgebieten darauf, durch Grossisten ausgeliefert zu werden, die keine Springer-Blätter im Angebot hatten, vor allem, um im Programmzeitschriftensegment gegen die Hör Zu nicht ins Hintertreffen zu geraten. Bis Mitte der 70er kehrte man – auch aus wirtschaftlichen Gründen – im Wesentlichen dann aber wieder zur Alleinauslieferung zurück. Zwischen 1970 und 1974 sank in den alten Bundesländern die Zahl der Grossobetriebe von mehr als 100 auf 80, entweder weil Nachfolger fehlten oder die notwendige technische Modernisierung für kleine Betriebe zu teuer war. In dieser Fusionswelle brachten die Großverlage Gruner + Jahr, Springer, Bauer und Burda in den Vertriebsräumen Hamburg, Berlin, Saarbrücken und München Grossobetriebe an sich, was zur heftigen Diskussion über die Neutralität des Grosso führte. Aus Saarbrücken und München zogen sich die Verlage später wieder zurück. In Hamburg und Berlin blieb das Verlagsgrosso bis heute erhalten. Hier liefern in einem vorgegebenen Gebiet jeweils zwei im Verlagsbesitz befindliche Grosso-Unternehmen die Einzelhändler mit Objekttrennung (Parallel-Grosso: betrieben von Gruner + Jahr, Springer und Bauer).

Grosso in den 80er und 90er Jahren

In der ehemaligen DDR war die Post der Monopolist für den Vertrieb von Presse. Seit dem November 1989 versuchten westdeutsche Verlage, den sich abzeichnenden neuen Markt zu erschließen und führten darum Gespräche mit der DDR-Führung und der DDR-Post. Nach gescheiterten Geheimverhandlungen begannen Springer, Bauer, Burda sowie Gruner + Jahr ihre Titel selbst auszuliefern und beteiligten sich an neu gegründeten ostdeutschen Grosso-Firmen. Die Presse-Grossisten in der BRD sahen erhebliche Gefahren für die Neutralität des Grosso. Im November 1990 kam unter der Regie des Bundeskartellamtes ein Kompromiss zustande, nach dem in den fünf neuen Bundesländern ein Mischsystem etabliert wurde. Von den 19 Pressegrossisten, die ein Verteilungsgebiet erhielten, sollten zehn Grossounternehmen verlagsunabhängig sein, an den anderen neun blieben die Verlage beteiligt. Bei diesem Kompromiss handelt es sich allerdings um die Duldung durch das Bundeskartellamt. Es gibt dafür bis heute keine endgültige rechtliche Zustimmung.

Pressegrosso heute: Vertriebsneutralität & Selbstverpflichtung der Verlage

Pressevertrieb - Die Nullerjahre bis heute

In den Auseinandersetzungen um die gewünschte gesetzliche Sicherung der Vertriebsneutralität konnten sich Verlage, Presse-Grosso und deren Verbände 2004 auf Initiative und Drängen des seinerzeitigen Bundesministers für Wirtschaft und Arbeit, Wolfgang Clement, sowie der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Staatsministerin Dr. Christina Weiss, auf eine „Gemeinsame Erklärung“ im Sinne einer Selbstverpflichtung verständigen, die ein leistungsfähiges Sortiments-Grosso erhält, das Neutralität im Vertrieb, den Marktzutritt für alle Zeitungen und Zeitschriften und damit die Pressevielfalt im Einzelhandel weiterhin garantiert. An diese „Gemeinsame Erklärung“ fühlen sich nach wie vor alle Verlage gebunden – einzige Ausnahme ist Bauer, wie in den laufenden gerichtlichen Verfahren zwischen Bauer und Grossisten deutlich wurde.

Das Presse-Grosso ist heute mit einem Marktanteil von 54 Prozent der bedeutendste Vertriebspartner der Verlage, gefolgt vom verlagseigenen Abonnement, Werbenden Buch- und Zeitschriftenhandel WBZ, dem Bahnhofsbuchhandel und dem Lesezirkel.

Die Einzelhandelsbetriebe, die Presseobjekte verkaufen, werden vom Presse-Grosso beliefert und bekommen von diesem ihr Sortiment zusammengestellt. Grundlage sind die System-Essentials: Preisbindung, Dispositionsrecht, Remissionsrecht, Alleinauslieferung, Verwendungsbindung und die Neutralitätsverpflichtung. Für den Verlag ergeben sich aus dem speziellen Vertriebsweg über Grosso- und Einzelhandel wesentliche Vorteile: Nur der Gebiets-Grossist ist aufgrund seiner profunden Marktkenntnis in der Lage, die Einzelhändler mit einem nachfragegerechten Pressesortiment flächendeckend zu beliefern. Hierdurch wird Überallerhältlichkeit und schnelle Nachlieferung sichergestellt. Darüber herrscht weitgehend Branchenkonsens: Der Warenbezug aus einer Hand bietet Verlagen, Einzelhandel und Leser die größten Vorteile.

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