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„Brigitte“-Gruppe: Die Weichen werden neu gestellt – erstmals bei G+J ohne „ausschließlich schreibende Redakteure“



031114_Brigitte-post„Zukunftsfähig“, so der O-Ton, sollen die Titel der „Brigitte“-Gruppe werden: „BRIGITTE, BRIGITTE WOMAN, BRIGITTE MOM werden in den Zeitschriftenredaktionen zukünftig keine ausschließlich schreibenden Redakteure mehr beschäftigen.“ Diesen werde man „betriebsbedingt kündigen“. An ihre Stelle tritt ein „agiles, kreatives und flexibles Kompetenzteam“, das von „außen Vielfalt und Potenzial“ von freien Journalisten holt. Dadurch – so die Erwartung der Verantwortlichen – werde „Raum für Innovationen geschaffen, mit einer großen journalistischen Vielfalt und Kreativität.“

Das ist eine völlig neue Sprache bei Gruner + Jahr – dem einstigen Big Player unter den Medienkonzernen Europas, der zu allen Zeiten seiner 50-jährigen Geschichte stets betonte, dass „das Herz des Verlages in den Redaktionen schlägt“. Vor diesem Hintergrund lässt sich das jetzige Vorgehen als „Operation am offenen Herzen“ beschreiben und als einen tiefen Einschnitt in die knapp 130 Jahre lange Tradition der Frauenzeitschrift.

140426_Brigitte_Jubilaeum_TitelDenn die Wurzeln der „Brigitte“ gehen weiter zurück als bis zur Gründung von G+J am 30. Juni 1965. Vor wenigen Monaten, im April, wurde stolz der 60. Jahrestag der Umbenennung des Titels „Das Blatt der Hausfrau“ aus dem Ullstein-Verlag in „Brigitte“ gefeiert. Elf Chefredakteurinnen und Chefredakteure standen seitdem an der Spitze. Die Ahnentafel des Magazins reicht allerdings sogar bis zum Start von „Dieses Blatt gehört der Hausfrau“ anno 1886 zurück.

Nur wenige Zeitschriften verfügen heute über eine solche imposante und wechselvolle Historie (siehe „Media Tribune“ vom 29. April 2014).

Bertelsmann-Chef bekennt sich zum Journalismus

G+J-Stammtitel wie „Brigitte“ waren zu allen Zeiten von einem klaren Qualitätsverständnis der redaktionellen Arbeit seiner Journalisten durchdrungen. Es ist die Grundlage für den Aufstieg und Erfolg von G+J. Mit diesem Selbstbewusstsein öffnete das „Brigitte“-Team noch im Juni dieses Jahres anlässlich des Jubiläums die Türen der Redaktion am Verlagssitz Hamburger Baumwall und (froh-)lockte per Pressemitteilung: „Interessierte können bei BRIGITTE BACKSTAGE einen Blick in die Redaktionsräume und über die Schultern der Redakteurinnen und Redakteure werfen – persönliche Begegnungen inklusive.“ Diese Zeiten – nur wenige Monate her – sind offensichtlich vorbei.

Bertelsmann-Vorstandschef Dr. Thomas Rabe

Bertelsmann-Vorstandschef Dr. Thomas Rabe

Trotz allem wird aber auch Kontinuität beschworen: Als Anfang Oktober die vollständige Übernahme von G+J durch den Mehrheitseigner Bertelsmann gemeldet wurde, wertete Bertelsmann-Chef Dr. Thomas Rabe (49) dies als „klares Bekenntnis zum Journalismus“. Und Dr. Winfried Steeger (64), Geschäftsführer der Jahr Holding, die ihren 25,1-Prozent-Anteil an G+J versilberte, gab ergänzend zu Protokoll, dass der Verlag nicht zuletzt dank seines „Qualitätsjournalismus“ über „alle Voraussetzungen“ verfüge, um die Zukunft erfolgreich zu meistern.

Jetzt kommt „Vielfalt und Potenzial von außen rein“ –
von freien Journalistinnen und Journalisten

Der Begriff „Qualitätsjournalismus“, von Medienbeobachtern bereits zum Branchen-Unwort des Jahrzehnts auserkoren, ist allerdings genauso aussagekräftig wie Parteislogans vor der Bundestagswahl und bedarf einer Definition. An dieser versucht sich der eingangs erwähnte Sprechzettel. Hier der O-Ton: „Qualität heißt für BRIGITTE weiterhin: hohes journalistisches Niveau, genaue Recherche, hervorragende Texte, relevante Themen, Eigen-Produktionen – dafür steht BRIGITTE nach wie vor. Qualität heißt aber auch, moderne Strukturen zu schaffen!“ – und Letztere kommen eben ohne „ausschließlich schreibende Redakteure“ aus. Stattdessen wird nun auf freie Journalistinnen und Journalisten gesetzt. Sie werden nach Bedarf von „Kompetenzteams“ beauftragt und sollen Schwung in die angeblich marode Bude bringen. Moderne Modulbauweise statt modernde Markenarchitektur?

Angesichts der volatilen Printmärkte ist das ein hoch riskantes Konzept. Denn Fakt ist: Trotz sinkender Auflagen im Segment ist die „Brigitte“ nach wie vor Deutschlands Frauenzeitschrift Nummer eins, ein großer Erfolg angesichts der fortschreitenden Segmentierung ihres Marktes und eines immer kürzeren Lebenszyklus der neu eingeführten Wettbewerbs-Titel. „Brigitte“ war bisher ein „Leuchtturm und Fels in der Brandung“, dank eines journalistisch geprägten Fundamentes, das sich in fast 130 Jahren gefestigt hat.

„Es wird gebeten, Verwechselungen mit anderen Zeitschriften zu vermeiden“

Von 1985 bis 2001

Von 1985 bis 2001 „Brigitte“-Chefredakteurin: Anne Volk

Leider aber kommt bei Gruner + Jahr dieses Bewusstsein für die Wurzeln zunehmend aus der Optik und Mode. So empfiehlt sich aus aktuellem Anlass, nur zehn Jahre zurückzublicken. Zum 50. „Brigitte“-Jubiläum im Mai 2004 wurde Anne Volk (Jahrgang 1944), die prägende Chefredakteurin der moderneren „Brigitte“ von 1985 bis 2001, befragt, inwieweit sich der Markt der Frauenzeitschriften gewandelt habe, und welche Herausforderungen sie sehe.

Die Antwort: „Ich habe mit Vergnügen gelesen, dass im Jahr 1900 bereits 142 Frauenzeitschriften existierten und fünf Jahre später schon 163. Also selbst dieser ewig zitierte übersättigte Markt der Frauenzeitschriften ist nicht neu. Genauso wenig wie das Buhlen um die Leserin. In der ältesten, erhaltenen Werbebeilage von 1891 findet sich dieser Hinweis: ‚Es wird gebeten, auf den Titel zu achten und Verwechselungen mit anderen Zeitschriften zu vermeiden.‘ Zugegeben – der Kampf ist entschieden härter geworden. Aber die Herausforderung bleibt stets dieselbe: nicht mit Gimmicks, Beigaben oder Preissenkungen kurzfristig bestechen, sondern mit Qualität, Kompetenz, Engagement und Überraschung die Leserin überzeugen.“

Autoren: Kurt Otto / Jens J. Meyer

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