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Die Zukunft der Presse zwischen Wurst und Käse



2020 ist das alte Pressevertriebssystem Vergangenheit. Der Löwenanteil des Absatzes läuft über den direkt belieferten Lebensmitteleinzelhandel. Die Absatzsteuerung wird durch die Zentralen des Handelspartners vorgenommen. Der Dialog mit dem Verlag ist digitalisiert – bis auf eine Ausnahme: das Jahresgespräch!

Er hätte sich einen anderen Tag für das Jahresgespräch bei EDEWE, dem großen Lebensmitteleinzelhändler, gewünscht. Heute ist es sehr warm, und er ist erst als Fünfter an der Reihe, muss sich also noch gedulden in dem schlecht gelüfteten Warte-Raum. Vor ihm kommt der schwitzende Vertreter eines westfälischen Wurstfabrikanten dran, nach ihm – etwas bleich – der Kollege vom holländischen Käse.

Als Vertriebschef des Zeitschriftenverlages Mediastolz hat er immer noch Probleme, sich auf die neue Art des Jahresgespräches einzustellen. Obwohl Mediastolz mit etwa zwei Milliarden Euro Gesamtumsatz zu den ganz großen Playern im Verlagsgeschäft zählt und gerade im deutschen Einzelhandelsabsatz eine führende Rolle spielt, hat er immer so ein Gefühl der Unterlegenheit im Gespräch mit dem Einkaufschef der EDEWE. Klar, EDEWE spielt mit 50 Milliarden Euro Umsatz in einer anderen Liga als Mediastolz, aber das ist noch lange kein Grund, seine Macht derartig auszuspielen, wie es der Einkaufschef von EDEWE gern tut.

Ach, was waren das für Zeiten als das alteingesessene Grossosystem noch existierte. Die Gespräche mit den Presse-Großhändlern liefen auf Augenhöhe, wobei die Vertriebsleiter der Verlage sich immer etwas wichtiger fühlen durften. Sicher, es ging auch damals hart zur Sache, aber eben irgendwie gemütlicher. Die Verlage waren in den Zeiten der anhaltenden Anzeigenflaute unzufrieden mit den Grosso-Spannen im Vertriebsgeschäft und drehten immer weiter an der Schraube – Margen-Kürzungen gab es in immer schnellerer Abfolge. Rationalisierungen in den Grossobetrieben wurden angemahnt, ebenso Zusammenschlüsse von Grosso-Betrieben. Die agilen Verlagsmanager der verschiedenen Medienhäuser meinten, das tradierte Grossosystem habe Speck angesetzt, von dem man sich fortan eine Scheibe abschneiden wolle.

Da kamen dann die süßen Lockrufe der großen Lebensmitteleinzelhändler gerade recht. Diese Unternehmen waren ohnehin „not amused“ ob der erodierenden Einzelhandels-Spannen und dem seit Jahren rückläufigen Geschäft mit Presseprodukten. Sie monierten Fehlkommissionierung, mangelhafte Bearbeitung der Spät-Remission und generell einen zu laschen Umgang mit dem Regelwerk des KVM (Koordiniertes Vertiebsmarketing), um den Druck zu erhöhen. „Das können wir besser”, posaunten sie. „Lasst uns doch durch eine Direktbelieferung an die Einzelhandels-Zentralen die Handelsstufe Grosso einfach einsparen.” Die anfänglichen Bedenken der Verlage waren rasch verflogen, nachdem die Einzelhändler ihre Angebote vorgelegt, die Controller in den Medienunternehmen die Szenarien nachgerechnet und einige Wettbewerber sich bereits umgestellt hatten.

Das ist schon einige Jahre her, und nun sitzt er hier schon eineinhalb Stunden – seit halb 8 Uhr. Der Wurstvertreter kommt schließlich ziemlich entnervt aus dem Zimmer des Einkaufschefs. Er wird nun hineingerufen.

Die Begrüßung ist knapp aber freundlich, der Einkäufer kommt schnell zur Sache:

Sie kommen von ...?“

Mediastolz Verlag, einem der größten ...“

Ah ja, um welche Zeitungen handelt es sich?“

Zeitschriften! Wir ...“

Ah, hier habe ich das auf dem Schirm. Ich sehe fünf wöchentliche Zeitungen. Die sind ganz ordentlich. Wir haben allerdings viel zuviel Remission. Das ändern wir. Wir nehmen künftig eine Liefermenge, die einen Ausverkauf nach drei Tagen ermöglicht. So sparen wir das Handling, und Sie die Druckkosten! Die neuen Abnahme-Mengen spuckt unser Rechner gleich aus und gehen Ihnen noch heute zu.“

Wir könnten vielleicht auch ...“

Da sehe ich ja noch eine monatlich erscheinende Zeitung ...“

... Zeitschrift! Die hat einen hohen Copy-Preis, also eine hohe Marge für Sie.“

Moonaatlich!!! Das ist eine Regalschnecke. Was wir brauchen sind Schnelldreher. Die können ruhig billig sein, aber schnell rein-raus, verstehen Sie?“

Vielleicht können wir bei der hohen Marge das Angebot regional ..., also dort wo Besserverdienende wohnen ...“

Das ist mit zu großem Aufwand verbunden. Wo kämen wir da hin, wenn wir in der Zentrale jetzt individuell regionalisieren müßten.“

Wir könnten Sie unterstützen ...“

In unsere Zentrale lassen wir niemanden hinein, aber ich kann da vielleicht etwas für Sie tun. Voraussetzung wäre natürlich „blinde Remission“, also Vertrauen gegen Vertrauen, sowie eine aufwandsgerechte Spanne, etwa 4 Prozent mehr als bisher. Abgemacht?!“

... Dann möchte ich Ihnen noch eine Nullnummer ...“

Nullnummer? Etwa kostenlos?“

Nein, nein, eine neue Entwicklung, eine Zeitschrift für ganz ...“

Noch ‘ne Zeitung?“

Zeitschrift! Eine ganz starke Performance ...“

Nein, also wirklich ... Sie wissen doch, dass wir keinen Platz mehr im Regal haben!
Wir müßten eine andere Zeitung rausschmeißen. Aber dann müssen Sie den entgangenen Umsatz kompensieren und darüber hinaus eine Mindestlaufzeit garantieren, falls Ihr Projekt floppt. Hinzu kommen Handling- und Logistikaufwand ... Wir haben 15.000 Märkte in Deutschland ... Und dann noch unsere Eigenleistung ...“

Er spürt, wie sich der Einkaufschef zusehends in Rage redet, und er überlegt, mit welchem Angebot er ihn wieder etwas beruhigen könnte. Da hört er plötzlich einen schrillen, unangenehmen Signalton unmittelbar neben seinem Kopf. Er schreckt hoch, stellt den Wecker ab, ist in Schweiß gebadet und kommt langsam zu sich: Es ist das Jahr 2012, und heute hat er einen Termin mit einem Grossisten – Gott sei Dank!

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  • Gast

    Respekt und ein Schmunzeln hier und da konnte ich mir nicht verkneifen!!!!

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