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G+J-Boss Buchholz: „Ich schäme mich nicht für Print“



Angesichts dessen, dass Axel Springer Anfang März in Berlin stolz verkündete, mit 962 Millionen Euro in 2011 schon 30 Prozent des Umsatzes im Digitalgeschäft gemacht zu haben und Burda vor einigen Tagen in München noch einen draufsetzte und mit breiter Brust bekannt gab, sogar mittlerweile 43 Prozent der Erlöse (bzw. 937 Millionen Euro) aus dem Digitalen zu schöpfen, wirkt Gruner + Jahr wie der reinste Spielverderber.

Keine „artfremden Digitalaktivitäten“

Auf gerade mal zehn Prozent Umsatzanteil (ca. 230 Millionen Euro) kommt beim Hamburger Verlagshaus der Wachstumstreiber Digital. Doch Sorgen bereitet das dem Vorstandschef Dr. Bernd Buchholz nicht im Geringsten. „Wir haben eine andere Philosophie als Springer und Burda“, betonte er im Rahmen der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag, 29. März 2012, in der Hansestadt. Er glaube nach wie vor an Zeitungen und Zeitschriften. „Ich schäme mich nicht für hohe und wachsende Printumsätze“, so Buchholz süffisant. Den Digital-Hype der anderen mache er nicht mit. Für Gruner + Jahr bedeute Digitalisierung ausschließlich die Transformation des klassischen Verlagsgeschäftes. Buchholz sei es wichtig, sich bei der Zuwendung hin zum Digitalen nicht von den eigenen Kernkompetenzen – sprich: der Kreation und Aufbereitung hochwertiger Inhalte, deren Vermarktung und Vertrieb – zu verabschieden. Deshalb komme für Gruner + Jahr der Erwerb von „artfremden Digitalaktivitäten“, wie des Haustier-Zubehör-Händlers Zooplus.de durch Burda, nicht infrage. „Unsere Strategie ist es, die Inhalte-Kompetenz, die wir haben, zu erweitern und in die digitale Welt zu übertragen“, so Buchholz, und zwar mit journalistischen Digitalformaten und Websites, Apps oder eMagazines, themenbasierten Community-Sites, der Digital- und Mobile-Vermarktung sowie mit digitalen Vertriebsplattformen und spezifischen B2B-Produkten.

Plus-minus Null im Digitalen weltweit

Er räumte ein, dass die Ergebnissituation solcher Angebote im Vergleich etwa zu der einer E-Commerce-Plattform wie Holidaycheck.de (ebenfalls Burda) eher bescheiden ausfalle. Dennoch sei man damit in Deutschland (u.a. mit chefkoch.de) und in Frankreich schon profitabel und mache global gesehen etwa ein Plus-Minus-Null-Geschäft, also unterm Strich zumindest keinen Verlust. Von der durchschnittlichen Marge von 16 Prozent, die Springer nach eigenen Angaben mit seinen digitalen Aktivitäten durchschnittlich erreicht, ist Gruner demnach trotzdem noch weit entfernt.

„Professional Publishing“ liegt auf Eis

Aber woher sollen dann die großen Wachstumsimpulse kommen, die nachhaltig nicht nur Umsatz, sondern auch Gewinn in die G+J-Kasse sprudeln lassen, damit das Medienunternehmen gegenüber den Mitbewerbern nicht ins Hintertreffen gerät?

Vor drei Jahren wurde doch der Einstieg ins Business mit digitaler Fachinformation („Professional Publishing“) angekündigt. Damit sollte in absehbarer Zeit ein höherer dreistelliger Millionen-Umsatz generiert werden. Ob daraus wirklich etwas wird, ist jedoch fraglich. Denn mit dem Führungswechsel bei der Mutter Bertelsmann (hält 74,9 Prozent an Gruner) wurden jetzt die Weichen neu gestellt. Dem Vernehmen nach stand Buchholz vor einigen Wochen sogar tatsächlich kurz vor einer richtungsweisenden Akquisition. Doch der neue Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende und G+J-Aufsichtsratschef Thomas Rabe bremste das Vorhaben in letzter Minute noch aus.

Bertelsmann befinde sich nun erst einmal in einem „Strategie-Definitionsprozess“, erklärte Buchholz auf der Bilanz-PK. Wenn der abgeschlossen sei, vielleicht Ende des Jahres, könnte es mit „Professional Publishing“ weitergehen. Schließlich habe auch Bertelsmann das Potenzial dieses interessanten Geschäftsfeldes erkannt. Allerdings muss das nicht unbedingt gut sein für G+J: Im Geschäft mit digitalen Fachinformationen spielen neben der Aufbereitung von Inhalten auch IT, Datenbanken-Handling und Kunden-Managementsysteme eine wesentliche Rolle. Deshalb mutmaßen Bertelsmann-Manager, dass „Professional Publishing“ – sollte es hier wirklich eine Investition geben – gar nicht bei Gruner + Jahr angesiedelt sein würde, sondern beim Spezialisten für IT-Services und Customer-Care-Geschäfte Arvato oder einem anderen Bertelsmann-Unternehmensbereich.

Auf Print geeicht

Gruner + Jahr – „eine Cash-Cow, die gemolken wird, solange es geht“, ist in Horizont.net zu lesen. Auszuschließen ist das nicht. Vielleicht bleibt Buchholz deshalb gar keine andere Wahl, als an Print zu glauben. Er kann wahrscheinlich nicht so frei entscheiden, einfach mal ganz neue Wege zu gehen, wie es Springer-Chef Dr. Mathias Döpfner und Burda-CEO Dr. Paul-Bernhard Kallen vergönnt ist.

Rekordergebnis in Deutschland

Vor diesem Hintergrund schlägt sich Buchholz aber überaus wacker: In Deutschland, wo 44 Prozent der G+J-Umsätze auflaufen, habe G+J nun schon im 2. Jahr in Folge ein Rekordergebnis erzielt, gab Buchholz freudestrahlend bekannt. Die Anzeigen- und Vertriebserlöse hätten leicht um 1,7 Prozent zugelegt. Im Ausland hat der Verlag neben China auch Indien in seinen Fokus gerückt und sich dort vor Kurzem mehrheitlich an einem der führenden Digitalvermarkter, Networkplay Media, beteiligt. Sorgenkind ist nach wie vor Spanien mit einem rückläufigen Ergebnis.

Insgesamt erreichte Gruner + Jahr im zurückliegenden Geschäftsjahr einen Umsatz von 2,29 Milliarden Euro. Das sind zwar eigentlich 320 Millionen Euro oder 10,2 Prozent weniger als 2010. Allerdings stand im Vorjahr noch die mittlerweile verkaufte Beteiligung an der Druckerei Prinovis in den Büchern. Bereinigt um solcherlei „nicht fortgeführte Aktivitäten“ lässt sich für 2011 ein Umsatzplus von 1,3 Prozent errechnen. Der operative Gewinn (Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Sondereinflüssen: Operating EBIT) sank von 260 auf 233 Millionen Euro. Grund für den Rückgang seien vor allem Papierpreissteigerungen, Investitionen in die digitale Strategie, die Einführung neuer Titel im In- und Ausland sowie ein schwaches Geschäft in Südeuropa. Die Umsatzrendite gemessen am Operating EBIT ging leicht zurück von 11,5 Prozent auf 10,2 Prozent.

Das EBIT erreichte 202 Millionen Euro (2010: 243), beeinträchtigt insbesondere durch eine Sonderabschreibung von 22 Millionen Euro auf das Anlagevermögen von Brown Printing in den USA. Es blieb ein Jahresüberschuss auf Vorjahresniveau von 160 Millionen Euro.

Für 2012 geht G+J von einer „weitgehend stabilen Umsatz- und Ergebnisentwicklung“ aus. Der Verlag beschäftigte zum Jahresende 11.822 Mitarbeiter (2010: 11.637).

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  • PW

    Man kann und soll sich gar nicht für Print schämen. Verlangt doch auch keiner. Papier ist gleich Papier. Das eine glänzt vielleicht mehr, das andere knistert mehr. Aber im Wesentlichen gehts doch gar nicht mehr um die Frage Print oder nicht Print. Es geht darum, auf welchem Wege die Menschen heute und besonders morgen auf die Inhalte zugreifen wollen, die sie schätzen. Und das entscheiden nicht die Verlage sondern die Konsumenten. Sie haben Präferenzen für bestimmte Medienmarken. Aber die wollen sie auf allen möglichen Wegen nutzen. Und dabei spielt Digital und Mobil eben eine immer wichtigere Rolle. Ob man das nun will oder nicht als Verlagsmanager … 

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