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Gruner + Jahr verzichtet 2014 erstmals seit 41 Jahren auf seine traditionelle Jahres-Pressekonferenz – Eine Rückblende auf 1973



Häufig wurde verlagsintern wie im Pressekorps beklagt, dass die Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr kurz nach der großen Berlin Konzern-Pressekonferenz ihrer Mutter noch einmal in Hamburg ihr Zahlenwerk und ihre Perspektiven präsentierte. Hinzu kam, dass bis zum vorzeitigen Abgang des Vorstandsvorsitzenden Dr. Bernd Buchholz (52) im August 2012 die G+J-Oberen auch in der Vorstandsriege von Bertelsmann vertreten waren und in der Berliner PK den Journalisten ebenso Rede und Antwort gaben. Das führte in der Regel vor allem in den letzten Jahren allerdings nur zu wenig handfesten News auf der Folge-Veranstaltung unmittelbar danach am Hamburger Baumwall.

GuJ_PM_Logo_07Daher macht die Erklärung der G+J-Unternehmenskommunikation durchaus Sinn, wenn es heißt: „Traditionen sind schön, aber manchmal tut man auch gut daran, liebgewonnene Gewohnheiten zu überdenken – und das haben wir getan. Konkret: Die traditionelle G+J-Jahrespressekonferenz Ende März ist gestrichen, dafür planen wir über das Jahr verteilt zwei bis drei Pressegespräche mit dem Vorstand zu jeweils aktuellen Themen rund um Gruner + Jahr. Selbstverständlich werden wir Sie rechtzeitig über die Termine informieren und freuen uns schon heute auf zahlreiche Teilnehmer und gute Gespräche.“

Allein der Hinweis auf „liebgewonnene Traditionen“ solcher Presse-Konferenzen reicht dann doch nicht ganz für den unternehmenspolitischen Hintergrund. Denn Gruner + Jahr legte als Druck- und Verlagshaus mit einer gewollten, nach außen erkennbaren Distanz auf der operativen Ebene zu seinen beiden Gesellschaftern Bertelsmann SE & Co. KGaA (74,9 %) und Familie Jahr (25,1 %) seit seiner Gründung 1965 stets Wert auf eine „eigenständige Berichterstattung“, ohne hierzu aus bilanzrechtlichen Gründen verpflichtet zu sein, wie es immer wieder in den Amtszeiten der bisherigen fünf Chairmen hieß.

Julia Jäkel kommt für Bernd Buchholz

Seit April 2013 G+J-Chefin: Julia Jäkel

Die aktuelle Chairwoman Julia Jäkel (42) gehört seit ihrem Amtsantritt im April 2013 nicht gleichzeitig dem Bertelsmann-Vorstand an. Das aber war bei ihren Vorgängern Buchholz, Dr. Bernd Kundrun (56), Gerd Schulte-Hillen (73) und Dr. Manfred Fischer (1933-2002) stets der Fall. Sie alle saßen jeweils im Bertelsmann-Vorstand wie auch dessen Bilanz-Besprechung stets mit auf dem Podium, häufig in einer Linksaußen-Position. Aus diesem Grund wirft „Media Tribune“ einen Blick zurück auf die erste G+J-Jahrespressekonferenz 1973, damals noch unter dem ersten G+J-Vorstandsvorsitzenden Ernst Naumann (1921-2004), der kurz danach von Manfred Fischer abgelöst wurde.

Dazu muss man wissen: 1971 hatten sich die G+J-Mitgründer John Jahr sen. (1900-1991) und Dr. Gerd Bucerius (1906-1995) aus der aktiven Geschäftsführung von G+J zurückgezogen, um einem angestellten versierten und verlagserfahrenen Topmanagement Raum zu geben für Expansion wie Konsolidierung des Verlages, der noch immer an den organisatorischen Folgen des Zusammenschlusses der Unternehmen der Gründer Jahr, Bucerius und Richard Gruner (1925-2010) im Jahr 1965 litt.

Erster Vorstandsvorsitzender von G+J: Ernst Naumann

Erster Vorstandsvorsitzender von G+J: Ernst Naumann

Am 5. Dezember 1972 wurde die Komplementär-GmbH Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und als solche in das Handelsregister beim Amtsgericht in Itzehoe eingetragen: In den ersten Vorstand wurden Ernst Naumann (Vorsitzender), John Jahr jr. (1933-2006), Henri Nannen (1913-1996), Rolf Poppe (1928-2007) und Adolf Theobald (Jahrgang 1930) berufen. Erklärt wurde diese Maßnahme mit dem Erfordernis, dem Druck – und Verlagshaus eine „gemäße Organisationsform zu geben, die nach dem Aktiengesetz eine Eigenständigkeit und Kontinuität in die Geschäftsführung bringt sowie die Möglichkeit eines leichteren Zugangs zum Kapitalmarkt eröffnet“. Das hat auch nach 42 Jahren offensichtlich nichts an Aktualität verloren.

Darüber hinaus gab es am 15. September 1973 für Medienjournalisten im Rahmen der „ersten G+J-Bilanz-Besprechung“ aber durchaus noch sehr viel weiteres Berichtswertes: Denn das Haus expandierte damals kräftig: Der Verlag erwarb z.B. am 1. März 1972 15 Prozent an der Vereinigten Motor-Verlage GmbH & Co. KG („Auto Motor und Sport“), die seit 2004 mehrheitlich zu G+J gehört. Die erste Ausgabe der Monatszeitschrift „Essen & Trinken“, von der damals 31-jährigen Chefredakteurin Angelika Jahr gegen viele Bedenken der Verlagsoberen entwickelt, sollte am 4. Oktober erscheinen und wurde binnen kurzer Zeit ein großer Erfolg. Im November fand der zweite Europawettbewerb von „Jugend forscht“ in Mainz statt. Gast dieser genialen Aktion von „Stern“-Chefredakteur Henri Nannen war kein Geringerer als der US-Astronaut Neil Armstrong (1930-2012), der einzelnen Teilnehmern ihre Preise überreichte.

Bereits Januar 1973 wurde im Vertrieb die Außendienst-Betreuung des „Spiegel“, an dem G+J seit 1971 beteiligt ist, übernommen. Am 14. Februar 1973 startete die Kinder-Zeitschrift „Sesamstraße“, ein Zeitschriftenerfolg der „Eltern“-Redaktion über Jahrzehnte. Auch das soll nicht unerwähnt bleiben: Der Orbis-Verlag, ein Joint Venture von G+J und Bertelsmann, veröffentlichte im Januar 1973 eine Reprint-Ausgabe des braunen „Völkischen Beobachters“ vom unseligen 30.1.1933, dem Tag der nationalsozialistischen Machtergreifung. Das wäre heute wohl undenkbar.

Im Herbst 1973 bezogen die Redaktionen einen Neubau an der Hamburger Außenalster, den Henri Nannen wegen seiner eigenwilligen Architektur zum „Affenfelsen“ erklärte. Die 1972er Bilanzzahlen von damals sind nicht zu vergessen: Der Umsatz lag bei 645 Millionen Mark (Vorjahr: 604 Millionen Mark) und der Gewinn bei rund 26 Millionen Mark, die Mitarbeiterzahl belief sich auf 6.491. Erst fünf Jahre später schlugen zusätzlich zum Inlandsgeschäft relevante Auslandsumsätze zu Buche.

Diese erste G+J-Bilanzbesprechung im „Herold-Haus“ an der Hamburger Ost-West-Straße fand noch in einem sehr bescheidenen Rahmen statt: Man traf sich im übersichtlichen Kreis bei Kaffee, Wasser und Keksen im Büro von Ernst Naumann. Eingeladen waren damals „Die Welt“, das „Handelsblatt“, „Werben & Verkaufen“ und „Der Kontakter“. Den ersten dürren Geschäftsbericht, mit Schreibmaschine gefertigt, gab es noch kostengünstig auf Umdruckpapier. Die „Welt“ berichtete unter der Headline: „Gruner + Jahr geht auf Expansion“. Ferner notierte sie: „Zu Mutmaßungen, dass John Jahr sen. seine Anteile ganz abgeben wolle, meinte Naumann, diese Frage sei gegenwärtig nicht akut“. Ob es dabei bleiben wird?

Ohne Liz laeuft nix

Schrieb 1973 für den Branchendienst „W&V“: Medienexperte Jens. J. Meyer

Der damalige Medienredakteur von „Werben & Verkaufen“, Jens J. Meyer (Jahrgang 1946), schaute in seinem Artikel den G+J-Oberen sehr genau auf die Finger in seiner umfänglichen journalistischen Aufbereitung des ersten G+J-Geschäftsberichtes: Die Vorstandsherren mussten sich von ihm eine gravierende Differenz im G+J-Zahlenwerk vorrechnen lassen. In „W&V“ las man am 21. September 1973 hierzu: „Während ‚Capital‘, die traditionell im September die Umsatzzahlen der ‚300 Größten‘ veröffentlicht, in ihrer neuesten Ausgabe für Gruner + Jahr (108. Platz) den gleichen Konzernumsatz ausgibt wie der G+J-Geschäftsbericht, wurde der Umsatz für 1971 vor einem Jahr noch mit 675,1 Mio Mark angegeben. Das ist immerhin eine Differenz von mehr als 70 Millionen, die auch nicht, wie es Ernst Naumann und Dr. Manfred Fischer versucht haben, mit den ‚Dienstleistungs-Umsätzen‘ für den Vertrieb der ‚Zeit‘ zu erklären sind.“

Auch die Frage, „wer Nachfolger von Henri Nannen sein wird“, wurde 1973 gestellt, und das zehn Jahre vor dessen Rückzug vom „Stern“. O-Ton von damals: „Naumann war froh, antworten zu können, dass sich dieses Problem zur Stunde überhaupt nicht stellt: ‚Wir müssten eine Lebensversicherung mit dem lieben Gott abschließen‘“. Das will der Leser doch wissen.

Wir lernen daraus: Für die Transparenz von Medienunternehmen machen deren Bilanz-Pressekonferenzen zu allen Zeiten durchaus Sinn, wenn die Journalisten sachkundig, beharrlich und unerschrocken bei den Verantwortlichen nachbohren und Verlage über Neues berichten können und wollen. Ob nun 1973 oder 2014.

Seit 2012 Bertelsmann-Vorstandschef: Dr. Thomas Rabe

Seit 2012 Bertelsmann-Vorstandschef: Dr. Thomas Rabe

Zurück in die Gegenwart: Was wird Ober-Bertelsmann Dr. Thomas Rabe (48) bei seiner Bilanz-Pressekonferenz am 26. März 2014 in der Berliner Kommandantur über die G+J-Zahlen in der Tendenz wohl berichten? Das dürfte im Ergebnis eher durchwachsen sein. Aufgrund des weitgehenden Rückzuges aus dem Segment der Wirtschaftspresse mit der Einstellung der „Financial Times Deutschland“ und dem Verkauf von „Impulse“ und „Börse Online“ (s.a. „Media Tribune“ vom 7.12.2012) sowie den anhaltend stagnierenden und rückläufigen Marktumsätzen, insbesondere der Flaggschiffe wie „Stern“ und „Brigitte“, ebenso der uneinheitlichen Entwicklung in den verbliebenen Auslandsmärkten wie Frankreich, Österreich, Spanien und China, dürfte der Umsatz in der Größenordnung insgesamt um ca. 100 Millionen Euro auf ca. 2,1 Milliarden Euro abschmelzen (siehe FAZ vom 19.3.2014). Das müsste zwangsläufig auch auf das operative Ergebnis durchschlagen, das bereits in 2012 um 65 Millionen Euro auf 168 Millionen Euro einbrach. Das rückläufige Ergebnis erklärt sich natürlich nicht nur mit der Stagnation in den klassischen Geschäften, sondern auch mit dem Ausbau der digitalen Aktivitäten auf der „transformation road“. Alles in allem dürfte der Nettogewinn auf unter 100 Millionen Euro taxiert werden. Das bedeutet für die Perspektiven von G+J in den nächsten Jahren im Gegensatz zu 1973: Eine nachhaltige, in den Bilanz-Kennziffern wirksame Expansion ist für die Journalisten noch nicht in Sicht.

(Autor: Kurt Otto)

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