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„Henri Nannen Preis“: Snowden über alles



Der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Joseph Snowden (30; u.a CIA, NSA, DIA) dominierte die diesjährige Galaveranstaltung anlässlich der Verleihung des „Henri Nannen Preises“, der am 16. Mai 2014 in Hamburg zum 10. Mal vom Verlagshaus Gruner + Jahr und dessen Flaggschiff „Stern“ für journalistische Glanzleistungen in verschiedenen Kategorien vergeben wurde.
Mit der Weitergabe von Geheimdienstdokumenten an die Dokumentarfilmerin und „The Guardian“-Reporterin Laura Poitras (52; u.a. „My Country, My Country“) und den Journalisten Glenn Greenwald (47; u. a „The Guardian“) sowie an die Chefredaktionen der beiden Tageszeitungen „Washington Post“ und „The Guardian“, die seit Anfang Juni 2013 mit immer wieder neuen Enthüllungen darüber berichteten, löste Snowden eine Überwachungs- und Spionageaffäre aus. Seine top secret-Dateien gaben Einblicke in das Ausmaß der globalen Praktiken von Geheimdiensten – überwiegend der Vereinigten Staaten und Großbritannien – und entfachten weltweit Diskussionen darüber, wo Grenzen zu ziehen seien und welche Konsequenzen deren Überschreitung haben solle.
Im April 2014 erhielten die „Washington Post“ und die US-Ausgabe des „The Guardian“ für ihre journalistische Arbeit in dieser sogenannten NSA-Affäre von der New Yorker Columbia Universität den international renommierten „Pulitzerpreis“ in der Hauptkategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“. Whistleblower Snowden, der sich auf der Flucht befindet und seit Ende Juni in Russland festsitzt, beglückwünschte die mit dem Thema befassten Reporter. Sie und deren Kollegen hätten trotz außerordentlicher Einschüchterungen, wie die erzwungene Zerstörung journalistischen Materials sowie eine unangemessene Anwendung der Terrorismusgesetze, mutig weitergearbeitet, hieß es in einer von der Stiftung für Pressefreiheit verbreiteten Erklärung. Die Auszeichnung sei laut Snowden eine Genugtuung für „jeden, der glaubt, dass der Öffentlichkeit eine Rolle in der Regierung zukommt“.
Kurzum: Die NSA-Affäre war für die Medien auf der ganzen Welt der Scoop des Jahres 2013. Und zwei US-Amerikaner, die zurzeit in Berlin leben, machten es möglich, dass auch der „Henri Nannen Preis“ ein Stückchen dieses Nimbus’ für sich einfangen konnte: Für ihren besonderen Einsatz für die Pressfreiheit erhielt Laura Poitras den Branchen-Oscar. „Sie war maßgeblich an der Erstveröffentlichung der NSA-Dokumente beteiligt“, heißt es in der Begründung. Und wie schon zur Pulitzer-Zeremonie in New York gratulierte Edward Snowden persönlich – per Videobotschaft – und bedankte sich bei ihr für ihre „riskante und gefährliche Arbeit“.
Der zweite US-Amerikaner ist Jacob „Jake“ Appelbaum (31), ein Internetaktivist, Spezialist für Computersicherheit und Autor („Cypherpunks“), der seit einem Jahr in der Hauptstadt Deutschlands sein Domizil hat. Appelbaum unterstützt die Enthüllungsplattform „Wikileaks“. 2010 vertrat er den Gründer des Projekts, Julian Assange (43), der in der Londoner Vertretung Ecuadors Unterschlupf gefunden hat, auf einer Hackerkonferenz. Für Snowden nahm er im August 2013 einen Whistleblower-Preis entgegen. Einige Monate zuvor, im Mai 2013, hatte sich Laura Poitras bei Appelbaum gemeldet. Sie bat ihn, ihr bevorstehendes Interview mit Snowden technisch vorzubereiten.
Appelbaum war es, der in Snowdens Datensatz den Akteneintrag entdeckte, dass der US-Geheimdienst NSA das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hat. Am liebsten hätte er ihr das persönlich erzählt, sagte Appelbaum der Zeitschrift „Cicero“. „Ich wollte ihren Blick sehen und ihr stellvertretend für viele Amerikaner sagen, dass ich mich für unseren außer Kontrolle geratenen Überwachungsstaat schäme.“ Doch der „Spiegel“, für den Appelbaum als freier Mitarbeiter tätig ist, habe ihn nicht gelassen. Das Magazin habe die Geschichte gewichtiger machen wollen. Mit der Veröffentlichung des Funds von Appelbaum brachte der „Spiegel“ die Bundesregierung in Zugzwang, Washington zur Rede zu stellen. So wurde daraus eine Weltnachricht, ein Skandal, der seitdem Handygate genannt wird und seit Anfang April 2014 im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags bearbeitet wird.
Für die entsprechenden Beiträge „Kanzler-Handy im US-Visier?“ vom 23. Oktober 2013 auf „Spiegel Online“ und „Der unheimliche Freund“ vom 28. Oktober 2013 im gedruckten „Spiegel“ erhielten außer Jacob Appelbaum und Laura Poitras auch die Co-Autoren Nikolaus Blome, Hubert Gude, Ralf Neukirch, René Pfister, Marcel Rosenbach, Jörg Schindler, Gregor Peter Schmitz und Holger Stark den „Henri Nannen Preis“ für die beste investigative Leistung.
Randbemerkung: „Spiegel Online“ war die einzige Web-Publikation, die ausgezeichnet wurde. Ohnehin war Online-Journalismus beim „Henri Nannen Preis“ kaum vertreten. Angesichts der Entwicklung des Mediennutzungsverhaltens mit klarem Trend zum Digitalen und den Ankündigungen der Verlage, Online und Print gleichwertig zu sehen und verschmelzen zu wollen, verwundert das schon. Unter den 88 Texten, die von der 25-köpfigen Vorjury des „Henri Nannen Preises“ (darunter Olaf Kanter, stellvertretender Ressortleiter Politik von „Spiegel Online“, als einziger Onliner) ausgewählt wurden, waren lediglich drei aus dem Netz. Und in der 15-köpfigen Hauptjury saßen nur zwei Online-Journalisten: Stefan Plöchinger, Chefredakteur „sueddeutsche.de“, und – mit Abstrichen – Wolfgang Büchner, der sich als Chefredakteur vor allem um den „Spiegel“ kümmert, aber in gleicher Position auch für „Spiegel Online“ zuständig ist. Wenn Internet die Zukunft ist, dann liegt diese nach den Maßstäben des „Henri Nannen Preises“ offensichtlich noch in sehr weiter Ferne.

Update:
Kurz nach der Preisverleihung distanzierten sich die beiden Gewinner Jacob Appelbaum und Laura Poitras von der Auszeichnung und begründeten das mit der Vergangenheit des Namensgebers Henri Nannen. Der 1996 verstorbene Gründer und langjährige Chefredakteur des „Stern“ hatte im Zweiten Weltkrieg in einer Propagandakompanie gedient (siehe dazu Media Tribune vom 29. Januar 2014). Die Ankündigung der beiden US-Journalisten, die verliehene Büste mit dem Antlitz Nannens einschmelzen zu lassen und das Preisgeld zu spenden, hat kontroverse Reaktionen hervorgerufen.

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