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Hermann Schmidt: „Einigkeit unter den Verlagen ist jetzt sehr wichtig“



Seine Stimme hat Gewicht, seine Expertise ist gefragt – gerade in der heutigen Zeit, in der die Weichen gestellt werden für die Zukunft von Print, für das Grosso-System und für die Pressevielfalt. Deshalb ist zu hoffen, dass Hermann Schmidt (61), langjähriger Geschäftsführer Vertrieb im Jahreszeiten Verlag und Vorsitzender des AMV Arbeitskreises Mittelständischer Verlage, der Branche noch lange erhalten bleibt, auch wenn er sich am 31. August 2011 als Verlagsmanager verabschiedet. Im Gespräch mit Media Tribune blickt er auf sein bewegtes Berufsleben zurück, weist auf Gefahren hin, die im Zeitschriftenmarkt lauern, und sagt, auf was es heute ankommt.

Jahrestzeiten Verlag-Geschäftsführer Hermann Schmidt über Pressegrosso und Pressevielfalt

Hermann Schmidt

Media Tribune: Herr Schmidt, wenn Sie sich Ende August dieses Jahres in den Ruhestand begeben, waren Sie mehr als 14 Jahre Geschäftsführer im Jahreszeiten Verlag. Damit sind sie Rekordhalter – die Mitglieder der Verlegerfamilie Ganske mal ausgenommen. Hätten Sie es 1997 für möglich gehalten, dass Sie so lange im Unternehmen bleiben werden?
Schmidt: Genau genommen währt die Treue, die Verleger Thomas Ganske und ich uns gegenseitig halten, schon 22 Jahre. Denn ich bin bereits 1989 in die Gruppe eingetreten: als Marketingleiter und Prokurist des gewerkschaftlichen Buchklubs Büchergilde Gutenberg, an dem Ganske beteiligt war. Dass ich dann 1991 Geschäftsführer des LKD Leserkreis Daheim und 1997 zusätzlich Geschäftsführer des Jahreszeiten Verlags wurde, das hätte ich mir damals tatsächlich nicht träumen lassen. Meine Karriereplanung sah ja ganz anders aus.

„Ich wollte eigentlich zu Hoffmann und Campe“

Media Tribune: Wie?
Schmidt: Ich wollte eigentlich zu Ganskes Buchverlag Hoffmann und Campe, den ich als die beste Adresse für engagierte politische Bücher des linken Spektrums einstufte – stringenter noch als Kiepenheuer & Witsch und Fischer. Ich hatte darüber hinaus einen besonderen Bezug zu Hoffmann und Campe, weil die ‚Deutschstunde’ von Siegfried Lenz das Thema meiner Abschlussarbeit in der Buchhändler-Lehre war. Lenz ist ja seit vielen, vielen Jahren Autor des Verlages. Die Büchergilde sollte mir den Zugang zu HoCa öffnen.

Media Tribune: Sie sind gelernter Buchhändler? Wie kam es dazu?
Schmidt: Ursprünglich wollte ich nach der Realschule Sportreporter werden für Fußball und Radrennen. Doch ohne Abi und Studium sah mein Vater, der Arbeitsvermittler beim Arbeitsamt war, für mich keine Chancen. Er wollte, dass ich eine Lehre mache – und schlug Drucker oder Buchhändler vor. Ich wusste, dass die Schriftsteller Wolfgang Borchert und Heinrich Böll auch mal Buchhändler gewesen waren und entschied mich also dafür. In Marburg lernte ich den Beruf. Der Lohn war spärlich: 100 Mark monatlich im 1. Lehrjahr, 200 im 2. und 300 im 3. Um ihn aufzubessern, habe ich nebenbei für die Jugendseite der Wetzlarer Neuen Zeitung geschrieben und dafür – bei 12 Pfennig Zeilengeld – etwa 400 Mark im Monat hinzuverdient. Nach dem anschließenden Wehrdienst arbeitete ich dann als Abteilungsleiter bei Schrobsdorff Fachbuch in Düsseldorf. Ich war gerne Buchhändler. Doch von dem Gehalt kann man erst leben, wenn die Kinder erwachsen sind. Also orientierte ich mich um.

Hermann Schmidt schreibt für die Wetzlarer Neue Zeitung

Erste Fingerübungen bei der Wetzlarer

Media Tribune: Über welche Themen haben Sie für die Wetzlarer Neue Zeitung geschrieben?
Schmidt: Vor allem über Politik. Ich war als Berufsschüler Vorsitzender des AUSS (Aktionszentrum unabhängiger sozialistischer Schüler; Anm. d. Red.) in Hessen, das allerdings landesweit nur 32 Mitglieder hatte. Außerdem bin ich mit 16 in die SPD eingetreten, zehn Jahre später aber wieder ausgetreten, weil ich eine damalige Personal-Entscheidung der Partei in Berlin für unfair gehalten hatte.

15 Jahre Diesterweg

Media Tribune: Wie ging es nach Schrobsdorff weiter?
Schmidt: Mit 24 Jahren, 1974, wechselte ich zum Schulbuchverlag Diesterweg und wurde dort Geschäftsleiter der Niederlassung in Berlin, später Marketingleiter in Frankfurt. Ich blieb insgesamt 15 Jahre bei Diesterweg. Der Job war sehr interessant. Auch deshalb, weil er eine politische Komponente hatte. Denn zu meinen Aufgaben gehörte es unter anderem, mit den Oberschulräten und zuständigen Behörden der einzelnen Bundesländer zu verhandeln, um Schulbuch-Genehmigungen zu erhalten, wenn diese aus irgendwelchen Gründen verweigert worden waren. Dabei habe ich gelernt: Man sollte nie von der Parteizugehörigkeit einer Person auf deren Charakter schließen: Denn auch unter den Konservativen gibt es durchaus fortschrittlich denkende, sozial eingestellte Menschen. Und vor Blödmännern und Karrieristen ist auch die SPD nicht gefeit.

Hermann Schmidt war 15 Jahre bei Diesterweg Schulbuch

Prägende Jahre: Diesterweg Schulbuch

Media Tribune: Nach 15 Jahren hatten Sie aber dann doch genug davon. Warum?
Schmidt: Ich wollte nicht bis zu meinem Lebensende der ‚Schulbuch-Hermann’ sein, auch wenn mir der Absprung sehr, sehr schwer fiel: Als ich am 9. September 1989, ich erinnere mich an das Datum ganz genau, dem Verleger Dietrich Herbst, zu dem sich über die Jahre eine sehr enge Beziehung, man kann sagen: eine Vater-Sohn-Beziehung, entwickelt hatte, meine Kündigung überbrachte, war das einer der schrecklichsten Tage in meinem Leben. Wir haben dann zehn Jahre nicht mehr miteinander gesprochen. Erst seit gut drei Jahren verstehen und treffen wir uns wieder. Darüber bin ich sehr froh.

Die Büchergilde hat in der Ex-DDR „richtig gutes Geld verdient“ 

Media Tribune: Exakt einen Monat nach Ihrem Wechsel zu Ganske fiel die Berliner Mauer. Begann dann der Run auf die neuen Bundesländer?
Schmidt: Ja. Wir begannen sofort, unser Filialnetz aufzubauen. Es gab mit den Bertelsmann Buchclubs und anderen aber eine übermächtige Konkurrenz. Um die Größenverhältnisse zu verdeutlichen: Bertelsmann kam mit seinem riesigen Apparat schnell auf 300.000 Mitglieder, die Büchergilde gerade mal auf 3.000. Trotzdem: Der Bertelsmann Club hat damals wohl viel Geld in der ehemaligen DDR verloren. Wir haben mit den 3.000 Mitgliedern dagegen richtig gutes Geld verdient. Das Leseinteresse der Intellektuellen an guter Literatur in der damaligen DDR war sehr groß, und vor der Wende war dort nicht jedes gute Buch erhältlich.

Hermann Schmidts Einstieg bei Ganske: Büchergilde Gutenberg

Sollte Zugang zu HoCa öffnen: Büchergilde Gutenberg

Media Tribune: Beim Leserkreis Daheim lief die Expansion in die ehemalige DDR nicht so erfolgreich. Als Sie 1991 zum Lesezirkel LKD wechselten, machten Sie erst einmal einige Filialen, die nach der Wende dort gegründet wurden, dicht, nicht wahr?
Schmidt: Das stimmt. Das Lesezirkel-System griff im Osten nicht so wie erwartet. Es war dort nicht gelernt. Die Großverlage verteilten kostenlos Zeitschriften im großen Stil. Aber auch generell ging es im LKD erst einmal eher um Restrukturierung als um Ausbau: Als ich kam, arbeiteten von insgesamt 700 Beschäftigten 59 Personen in der Zentrale des Leserkreis Daheim. Nach einem Jahr waren es dort nur noch 29. Die Personalreduzierung war nicht zu vermeiden, denn die Struktur war unzeitgemäß. Neben dem Filialbetrieb, der in der Hauptsache die Kunden belieferte, wurde vor meiner Zeit eine eigene Verkaufsorganisation gegründet und unterhalten. Angesichts des kontinuierlichen Abonnenten-Schwunds waren zwei separate Geschäftsbereiche aber unnötig. Also habe ich sie zusammengelegt und damit unsere Effizienz gesteigert.

Erfolgs-Devise beim Leserkreis Daheim: „Kundenstand stabil halten!“ 

Media Tribune: Was war der Grund für den Abonnenten-Schwund?
Schmidt: Der Abo-Schwund begann Anfang der sechziger Jahre, und zwar mit dem Siegeszug des Fernsehens. Insbesondere Privatpersonen – weniger die Kunden der öffentlichen Auslagen in Arztpraxen, bei Friseuren etc. – wanderten zu den bewegten Bildern ab. Verstärkt wurde der Trend dann noch durch die Platzierung privater TV-Kanäle neben dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

hermann Schmidt beim Leserkreis Daheim

Kunden im Fokus beim Leserkreis Daheim

Media Tribune: Wie ließ sich die Negativ-Entwicklung stoppen?
Schmidt: Wie schon bei der Büchergilde habe ich beim Leserkreis angefangen, mich ganz persönlich intensiv mit den Abonnenten zu beschäftigen, um herauszufinden, wie das Abo-Geschäft im Lesezirkel funktioniert. Ich habe zum Beispiel viele derjenigen, die ihr Abo kündigen wollten, einfach angerufen, sie nach den Gründen gefragt und mich mit ihnen unterhalten. Meistens konnte ich die Kündigung dadurch abwenden. Außerdem gab es intern Berechnungen, wonach man ohnehin nur eine bestimmte Menge an Neukunden pro Jahr zu vertretbaren Generierungskosten gewinnen kann. Wer mehr akquirieren will – was beispielsweise durch Fernsehwerbung gelingen konnte –, zahlt in der Regel drauf. Das refinanzierte sich einfach nicht. Es war also wesentlich wirtschaftlicher, das Geld für Maßnahmen zu nutzen, die zum Ziel hatten, Abonnenten zu halten, anstatt mit der Brechstange neue zu gewinnen. Ich habe deshalb die Kundenbindung stärker in den Fokus gerückt und das Prämiensystem des Vertriebs danach ausgerichtet: Einen Bonus gab es für alle Filialleiter, die es schafften, ihren Kundenstand stabil zu halten. Ich denke, das war es, was den Leserkreis entscheidend wieder nach vorne brachte.

„Lesezirkel- und Abo-Auflage sind gleichwertig“ 

Media Tribune: Das wichtigste Argument gegenüber den Lesezirkel-Abonnenten ist der Preisvorteil: Wer aktuelle Zeitschriften bezieht, erhält gegenüber dem Kauf am Kiosk einen Rabatt von durchschnittlich 50 Prozent. Diese attraktive Ersparnis ist möglich, weil die Verlage ihre Titel dem Lesezirkel sehr, sehr günstig überlassen. Der vom Auflagen-TÜV IVW geforderte Mindestpreis liegt gerade mal bei einem Cent. Dem Vernehmen nach bezahlen die Verlage die Lesezirkel-Unternehmen häufig sogar dafür, dass ihre Titel in die Lesemappe kommen – etwa wenn ‚Verteil-Aktionen’ geplant sind. Droht hier – angesichts der wirtschaftlich angespannten Lage, in der sich viele Verlage heute befinden – ein Umdenken, so dass es die Lesezirkel-Anbieter künftig schwerer haben werden?
Schmidt: Zunächst einmal: Zeitschriften, die im Lesezirkel vom Kunden abonniert werden, und solche, die vom Lesezirkel unverlangt an Kunden verteilt werden, sollten wir getrennt betrachten. Der Lesezirkel verdankt die günstigen Konditionen, die die Verlage ihm einräumen, seiner Reichweiten-Wirkung. Davon profitieren die Titel in vielerlei Hinsicht, und deshalb erwarte ich hier auch keine großen Veränderungen. Die Lesezirkel-Auflage ist für mich überdies gleichwertig mit der Abo-Auflage. Denn Fakt ist: Für einen großen Teil der Abo-Auflage gilt, dass das einzelne Abonnement wegen der Kündigungsmentalität der Kunden, der geringen Haltbarkeit und der Höhe der Prämien wirtschaftlich für den Verlag teurer als ein Lesezirkel-Stück ist.

Hermann Schmidt Vertriebschef im Jahreszeiten Verlag

14 Jahre Jahreszeiten Verlag

Media Tribune: 1997 wurden Sie zusätzlich zu Ihrer Position als Geschäftsführer des Leserkreis Daheim Vertriebsgeschäftsführer des Jahreszeiten Verlages. Eine ungewöhnliche Konstellation, oder?
Schmidt: Das war nur vorübergehend der Fall. Als nach überschaubarer Zeit mein Nachfolger Jan Höppner in die LKD-Geschäftsführung berufen wurde, war ich im operativen Geschäft des Leserkreises nicht mehr tätig. Ursprünglich hätte ich sehr gerne beide Funktionen in alleiniger Zuständigkeit übernommen. Als Thomas Ganske mich zum ersten Mal fragte, ob ich Geschäftsführer Vertrieb des Jalag werden wolle, habe ich gesagt: ‚Nur, wenn ich LKD-Geschäftsführer bleiben darf.’ Denn der Lesezirkel war mir mittlerweile ans Herz gewachsen. Auch räumte mir der Verleger alle Freiheiten ein, die dafür nötig waren. Und ich hatte ein erfahrenes Team – mit Eberhard Hüffner, der die Filialen führte, Dierck Harksen, dem kaufmännischen Leiter, und anderen. Wir veranstalteten im LKD beispielsweise tolle Feste, etwa für die besten Messe-Verkäufer, und hatten jede Menge Spaß. Es herrschte eine klasse Stimmung, intern und auch im Austausch mit den Geschäftspartnern auf Verlagsseite. Das alles wollte ich nicht aufgeben. Aber Thomas Ganske wusste lange vor mir, dass man auf Dauer nicht beiden Jobs gerecht werden kann.

Jahreszeiten Verlag: Mitspielen im Konzert der Großen

Media Tribune: Zumal Sie als Vertriebsgeschäftsführer des Jalag auch immer mehr in Gremienarbeit eingebunden waren, um auf Verbandsveranstaltungen, in Arbeitskreisen und Projektgruppen mit Leidenschaft und Engagement die Interessen des Verlages durchzusetzen. Etwa die Hälfte Ihrer Arbeitszeit verwendeten Sie darauf, wie Sie 2004 selbst mal in einem Interview sagten. Warum war Ihnen das so wichtig?
Schmidt: Gerade in konjunkturschwachen Zeiten, in der die großen Verlage, allen voran Springer und Bauer, ihre Marktstärke noch vehementer als sonst auszunutzen versuchen, ist es für Mittelständler wie den Jahreszeiten Verlag von essentieller Bedeutung, sich in den relevanten Entscheider-Zirkeln Gehör zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass die Verhandlungen, in denen es vertrieblich beispielsweise um Rabatte, Konditionen, Discounterbelieferung, Sofort- und Frühremission oder die Qualifizierung des bestehenden Verkaufsstellennetzes geht, fair verlaufen und in der Verbandsarbeit berücksichtigt werden.

Hermann Schmidt gründet den AMV Arbeitskreis mittelständischer Verlage

Gemeinsam stark: AMV Arbeitskreis Mittelständischer Verlage

Media Tribune: Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang der AMV Arbeitskreis Mittelständischer Verlage, den Sie 1999 gründeten und dessen Vorsitzender Sie sind. Was war das Ziel?
Schmidt: Ziel des AMV war und ist es, die Interessen der hier vertretenen Nationalvertriebe und Verlage soweit es geht zu bündeln, nicht zuletzt um beispielsweise in anderen Gremien, etwa dem Arbeitskreis Pressemarkt Vertrieb, kurz PMV, des VDZ Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger die Vielfalt des Presseangebotes zu erhalten. Nur so gelingt es, ein Gegengewicht zu den großen Verlagen zu schaffen, die sich ebenfalls vorher abstimmen.

Hermann Schmidt: Meistbeschäftigter Gremienvertreter der Branche 

Media Tribune: Was im PMV beschlossen wird hat Gewicht und wird im nächst höheren Gremium, dem VDZ Vorstand Publikumszeitschriften, in dem Sie ebenfalls Sitz und Stimme haben, meist nur noch durchgewinkt. Sie gehörten zu den meistbeschäftigten Gremien-Vertretern der Pressebranche: Die PMV Projektgruppen Abo-Marketing und Lesezirkel wurden auf Ihre Initiative hin gegründet. Neben Ihrer Sprecherrolle für Abo-Marketing waren Sie bis zuletzt auch Mitglied der entsprechenden Gremien für den filialisierten Einzelhandel, das Gattungsmarketing, das Bündnis für Marktpflege, und zuvor gehörten Sie den Projektgruppen Bahnhofsbuchhandel und WBZ an.
Darüber hinaus vertraten Sie Ihr Haus in den Gesellschafterversammlungen der Verlagsgrossisten. Das waren also insgesamt ein gutes Dutzend Gremien und mehr als 50 Sitzungen im Jahr. Hinzu kommen die Hauptversammlungen von WBZ, Bahnhofsbuchhandel, Grosso und Lesezirkel. Wer übernimmt denn all diese Aufgaben, wenn Sie sich im August vom Jahreszeiten Verlag sowie den Vertriebsfirmen PSG Premium Sales Germany und PSG Abo, die ja aus dem Vertriebsbereich des Jalag hervorgegangen sind, verabschieden?
Schmidt: Niemand ist unersetzbar. Wer Freude an der Gremienarbeit hat, muss sich davor nicht fürchten. Schwieriger ist die Koordination und Organisation der Vielzahl von Terminen. Das hat meine Mitarbeiterin Claudia Menche stets mit Bravour erledigt, und dafür danke ich ihr sehr. Meine Nachfolgerin in der Geschäftsführung der Premium Sales, Gertrud Schäfer, wird einen wesentlichen Teil der PMV Aufgaben übernehmen. Zwei oder drei Funktionen gehen an Kollegen im Jahreszeiten Verlag. Allen Beteiligten wünsche ich in ihrer Arbeit viel Glück und Erfolg.

Hermann Schmidt im VDZ Verband Deutscher Zeitschriftenverleger

Herr der Gremien: Hermann Schmidt auf einer VDZ-Veranstaltung

Media Tribune: Waren die Zeiten vor zehn, 15 Jahren entspannter als heute?
Schmidt: Auf jeden Fall. Der Umgang zwischen den Geschäftspartnern war wesentlich lockerer. Wir verhandelten hart, aber fair. Wir trafen uns regelmäßig, unterhielten uns über Gott und die Welt, vor allem aber über das Geschäft – gern bei einem Glas Bier oder zwei. Wir stritten uns heftig, einigten uns dann aber immer. Man schätzte sich, lernte voneinander, freute sich über den gemeinsamen Erfolg.

„Im Osten Deutschlands mit etablierten Titeln aus dem Westen zu punkten ist extrem schwer“ 

Media Tribune: Partnerschaftliche Face-to-face-Geschäfte waren früher wichtig. Was zählt heute?
Schmidt: Obwohl die Lage heute angespannter ist, glaube ich: Wenn man Erfolg im Verkauf von Zeitschriften und Zeitungen haben will, ist man nach wie vor gut beraten, mit den Handelspartnern partnerschaftlich und freundschaftlich umzugehen.

Media Tribune: Grund für die angespannte Lage sind neben Anzeigeneinbrüchen, unter denen die Verlage seit Anfang des neuen Jahrtausends massiv leiden, die stark gesunkenen Auflagen bei großen etablierten Titeln. Auch die Investitionen der Zeitschriftenverlage in die neuen Bundesländer konnten diese Talfahrt nicht stoppen. Sie haben sich unterm Strich nicht ausgezahlt. Was lief schief?
Schmidt: Zu den neuen Bundesländern: Dort herrscht ein völlig anderer Zeitschriftenmarkt als im Westen der Republik. Schauen Sie sich doch mal einen Kiosk in einem kleinen Städtchen in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen an. Das Sortiment ist ein ganz anderes als in den ‚alten’ Bundesländern. Da finden sich zum einen Übernahmen von Titeln, die es früher in der DDR gab – Beispiel: ‚Guter Rat’. Zum anderen sieht man erfolgreiche Neugründungen, die inhaltlich auf die Bewohner der ehemaligen DDR zugeschnitten sind, Beispiel: ‚SuperIllu’. Hier mit etablierten Titeln aus dem Westen zu punkten, ist extrem schwer. Jedenfalls verkaufen wir in Österreich unsere Premium-Titel wie ‚Architektur & Wohnen’ oder ‚Der Feinschmecker’ weitaus besser als in Ostdeutschland.

Eine Fülle neuer Titel verursachte Erdrutsche im Einzelverkauf der Klassiker 

Media Tribune: Sind inzwischen nicht doch Veränderungen erkennbar? Es soll mittlerweile sogar eine Wanderungswelle von West nach Ost geben.
Schmidt: Nein. Im Verkauf spürbar ist diese bislang nicht. Leider gibt es bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen über die Ursachen für die unterschiedlichen Lesegewohnheiten in Ost und West. Und somit wissen wir auch nicht, inwieweit die seinerzeit beabsichtigte Aufteilung der neuen Bundesländer unter den ‚Big Four’, sprich Springer, Bauer, Gruner + Jahr und Burda, und deren erste Schritte in der Strukturierung des Pressemarktes im Osten Einfluss auf die Marktgestaltung und die Sortimente genommen haben. Mittelständische Verleger wie Thomas Ganske haben eine noch einseitigere Vorgehensweise damals gottseidank verhindert.

Hermann Schmidt kritisiert Regalverstopfung

Wenig Platz im Presseregal

Media Tribune: Was ist der Grund für den bundesweit dramatischen Auflageneinbruch der etablierten Titel? Eine Halbierung des Einzelverkaufs in den vergangenen 15 Jahren ist keine Seltenheit …
Schmidt: Für viele Titel und insbesondere die Klassiker gilt, dass es einen rasanten Rückgang im Einzelverkauf gegeben hat. Im Abo war der Verlust bei uns nicht so stark. Die Lesezirkel-Auflage ist bekanntermaßen grundsätzlich stabil, auch sie zählt zur ‚harten’ Währung. Der Einbruch im Einzelverkauf ist darauf zurückzuführen, dass in der Zeit, in der ich in der Ganske Verlagsgruppe bin, also in den zurückliegenden 22 Jahren, eine Fülle von Zeitschriften hinzugekommen ist. Es gab früher im monatlichen Bereich eigentlich vor allen anderen die ‚Petra’ und vielleicht noch zwei, drei Mitbewerber. Heute haben wir etwa 20 Konkurrenztitel und das Pocket-Format. Im Yellow-Markt hatte man früher fünf bis acht Titel, jetzt gibt es mehr als 40. Und natürlich spielen auch das Internet und das veränderte Medienverhalten eine Rolle. Die Folge: Die Gesamtauflage verteilt sich heute auf wesentlich mehr Titel als früher, und einige Zielgruppen nutzen Printprodukte unregelmäßiger.

„Das deutsche Vertriebssystem ist das beste Vertriebssystem, das es gibt – europaweit und sicherlich auch darüber hinaus.“

Media Tribune: Die entstandene Fülle relativ austauschbarer Zeitschriften stößt selbst bei den Verlagen, die dafür verantwortlich sind, auf Kritik. Unser viel gelobtes Vertriebssystem, das jedem neuem Titel Platz im Regal garantiert, hat an dem Überangebot einen entscheidenden Anteil. Könnte man hier also von einer Kehrseite der Medaille, also einer Schwachstelle im System sprechen?
Schmidt: Wer Vielfalt will, muss auch die austauschbaren Zeitschriften im Regal ertragen. Sie müssen ja nicht in Vollsicht ausgelegt werden. Zeitschriften des Jahreszeiten Verlages sind Marken und somit nicht austauschbar. Beliebigkeit mag eher für weite Teile der Yellows gelten, die nun derzeit um bessere Plätze im Regal rangeln, um den Sinkflug einzelner Titel dieses Genres zu stoppen.
Ich bin davon überzeugt, dass das deutsche Vertriebssystem das beste Vertriebssystem ist, das es gibt – europaweit und sicherlich auch darüber hinaus. Wir werden von anderen Ländern darum beneidet. Jeder neue Titel hat eine Chance. Ich kann nicht finden, dass rückläufige Entwicklungen im Printbereich in irgendeiner Weise auf Mängel der Vertriebsorganisation zurückzuführen sind. Was sich allerdings tatsächlich optimieren ließe, ist die Wirtschaftlichkeit im Handel, vor allem im Einzelhandel.

Vorbild Skandinavien in der Regal-Debatte: Yellows nach hinten – höherpreisige Titel nach vorn 

Media Tribune: Wie meinen Sie das?
Schmidt: Man sollte erfolgreiche Qualitäts-Zeitschriften mit anspruchsvollen Copypreisen, die ein großes Potenzial dafür haben, den Ertrag des Händlers zu steigern, stärker in den Vordergrund rücken: Anstatt 40 Yellow-Titel, die zwischen 40 Cent und 1,50 Euro kosten, die alle gleich aussehen und sich inhaltlich kaum voneinander unterscheiden, im Regal nebeneinander zu legen, muss der Einzelhändler mit entsprechenden Zielgruppen – insbesondere auch im Lebensmitteleinzelhandel und in den Vollsortimenten – die höherpreisigen Zeitungen und Zeitschriften attraktiv platzieren. In Skandinavien wird das so gehandhabt.

Hermann Schmidt sieht Grosso-Fusionen nicht als Lösung

Grosso-Karte: Wie viele von den 70 bleiben übrig?

Media Tribune: Wie geht es generell weiter im deutschen Pressevertrieb?
Schmidt: Einigkeit unter den Verlagen ist jetzt sehr wichtig: Die Verlage sollten nicht Einzelaktionen starten, um fehlendes verkäuferisches und betriebswirtschaftliches Know-how, das es in Teilen des Einzelhandels leider gibt, für ihre Individualinteressen auszunutzen. Damit stiften sie eher Verwirrung, anstatt zu informieren. Sie sollten sich zusammentun und sich in enger Zusammenarbeit mit dem Grosso dafür einsetzen, dass die Einzelhändler entsprechend fortgebildet werden, um den Verkauf zielgruppengerecht zu optimieren. Davon würden alle – Verlage, Grossisten, Einzelhändler und Kunden – profitieren. Um solche umfassenden Schulungen und Know-how-Transfers haben sich die Verlage seit vielen Jahren viel zu wenig gekümmert. Es wurde in den letzten Jahren, seit der PMV-Sprecher Hartmut Bühne in den Ruhestand gegangen ist, eigentlich primär über die Höhe der Rabatte diskutiert, nicht darüber, wie man gemeinsam mit Grosso und Einzelhandel über mehr Verkäufe redet.

„Grosso-Fusionen sind nicht die Lösung“

Media Tribune: Als ein wesentlicher Hebel, um den Vertrieb für die Verlage wirtschaftlicher zu organisieren, wurden von den Medien Grosso-Fusionen ausgemacht. Verbessert es – wie ja auch spekuliert wird – die Vertriebsleistung, wenn zwei Grossisten, wie aktuell aus Köln und Wuppertal, sich zusammenschließen wollen?
Schmidt: Ich kann das nicht umfassend beurteilen. Vielleicht ist dadurch eine Rationalisierung in der Logistik möglich, die verbunden ist mit Einsparungen in den Bereichen Fuhrpark und Personal. Diese Einsparungen kämen dann gegebenenfalls auch den Verlagen in Form von geringeren Rabatten oder sonstigen Änderungen der Konditionen zugute. Ich denke aber, und das zeigen Untersuchungen, die wir zu diesem Thema durchgeführt haben, dass kleine Grosso-Einheiten mit überschaubaren Gebieten, in denen Grossisten die Einzelhändler, die regionale Infrastruktur, die Besonderheiten der Bevölkerung und der Nachfrage-Entwicklung etc. genau kennen, eine viel bessere Steuerungsmöglichkeit in Verkauf und Marketing haben, als riesige Zusammenschlüsse. Auf den ersten Blick sind die geforderten Fusionen eine Kostenoptimierung, was ja an sich nichts Schlechtes ist. Aber das ist mancherorts zu kurzfristig gedacht. In vielen Unternehmen der Pressebranche haben die Controller die Oberhand über die Verkäufer gewonnen. Das ist aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung nachvollziehbar, mittel- und langfristig ist es aber noch kein ganzheitliches Konzept für den Erfolg und den Bestand von Print.

Media Tribune: Wie beurteilen Sie den jetzigen Stand der juristischen Auseinandersetzungen um das System?
Schmidt: Ich möchte mich aus gegebenem Anlass dazu nur kurz äußern. Die Vertriebsorganisation in Deutschland ist ein schützenswertes filigranes Konstrukt. Veränderungen, die einem einzelnen Verlag kurzfristig finanzielle Vorteile versprechen, können es zum Einsturz bringen – mit verheerenden Folgen für die Pressevielfalt und Überall-Erhältlichkeit von Presse. Von allen Beteiligten müsste man erwarten dürfen, dass sie aus der Geschichte unseres Landes – und anderer Länder in Europa – gelernt haben, wohin es führen kann, wenn wenige, einzelne oder gar ein einziges Medien-Unternehmen ein Monopol haben. Zeitungen und Zeitschriften sind nicht beliebig austauschbar oder ersetzbar, wie Kosmetikartikel oder andere Waren. Es wäre nicht gut, wenn Herstellung und Vertrieb von einem einzelnen, marktmächtigen Unternehmen kontrolliert würden. Die Politiker aller demokratischen Parteien in Deutschland wissen das. Auf die Vielfalt und die daraus folgende Faszination unserer Zeitungen und Zeitschriften können wir stolz sein. Und ich bin sicher, dass es Mittel und Wege gibt, diesen Eckpfeiler unserer Demokratie zu bewahren.

Hermann Schmidt: Der Kampf geht weiter

Hermann Schmidt wünscht seinen Nachfolgern Mut und Erfolg

Media Tribune: Am 31.8.2011 gehen Sie in den Ruhestand. Werden Sie der Branche über diesen Zeitpunkt hinaus verbunden bleiben, und wenn ja, auf welche Weise?
Schmidt: Gerne hätte ich bis zu meinem 65. Geburtstag im Jahreszeiten Verlag gearbeitet. Allein aus gesundheitlichen Gründen ist mir das nicht möglich. Es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, und einige, wenige Freunde, denen ich über den Beruf hinaus verbunden bleiben werde. Den Kolleginnen und Kollegen in den Verlagen und im Pressehandel, die sich für die Freiheit der Presse, die Unabhängigkeit des Pressevertriebs und die Vielfalt des Angebots an Qualitätszeitschriften eingesetzt haben, wünsche ich viel Erfolg und vor allem Mut und Aufrichtigkeit in der Durchsetzung dieser Interessen gegen alle, die etwas anderes oder nur den eigenen Vorteil wollen. Den Politikern aus allen demokratischen Parteien, die sich für unsere gemeinsame Sache eingesetzt haben, danke ich. Der Kampf geht weiter („Der Kampf geht weiter“ ist auch Titel eines der Bücher von Hermann Schmidt über den Fußballclub St. Pauli; Anm. d. Red.).
Für mich ist es das Wichtigste, wieder gesund zu werden, und dann noch viel Zeit mit Lesen, Schreiben, Fußball und den Menschen, die ich mag, verbringen zu können.

Media Tribune: Wir wünschen es Ihnen. Vielen Dank für das Interview.

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