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Mit den Presse-Fachgeschäften stirbt die Pressevielfalt



Sie teilen fast 50 Prozent des gesamten Presse-Umsatzes im Einzelhandel unter sich auf und gelten als tragende Säule des Vertriebssystems: die Presse-Fachgeschäfte, im Branchenjargon auch „Geschäftsart 01“ genannt. Diese Säule zeigt allerdings immer mehr Risse und droht schon bald zusammenzubrechen: Im Millennium-Jahr 2000 gab es etwa 17.500 solcher Geschäfte. Das entsprach ca. 15 Prozent aller Verkaufsstellen. Mittlerweile liegt die Zahl laut Einzelhandelsstrukturanalyse 2009 (EHASTRA) nur noch bei etwa 14.500. Der Anteil am Versorgungsnetz ist auf zwölf Prozent gesunken. Etwa jeder fünfte Shop ist verschwunden. Ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht. Auf der anderen Seite ist in diesem Zeitraum die Zahl aller Verkaufstellen von rund 118.000 auf 123.000 gestiegen. Vor allem liegt das an dem Zuwachs bei den Discountern, von denen mittlerweile 12.412 Lesestoff anbieten (Anteil an Presse-Verkaufsstellen: zehn Prozent).

Ubiquität für ein Großteil der Zeitschriften nicht mehr gewährleistet

Welche Konsequenzen diese Verlagerung unter den Geschäftsarten auf die Pressevielfalt hat, machen folgende Messwerte deutlich: Die durchschnittliche Sortimentsbreite ist im Laufe der zurückliegenden zehn Jahre von 216 auf 187 Titel zurückgegangen. Die boomenden Discounter (plus 32 Prozent im Vergleich 2009 zu 2008) legen etwa 88 Zeitungen und Zeitschriften aus, die erodierenden Presse-Fachgeschäfte hingegen rund 450. Auch die viel gepriesene Überall-Erhältlichkeit von Presse in Deutschland rückt angesichts dessen in ein anderes Licht: Dank des Ausbaus des Verkaufsstellennetzes im Pressegrosso gibt es zwar zum Beispiel Springers Bild nun auch im hintersten Winkel der Republik. Fakt ist allerdings auch, dass gleichzeitig „die Ubiquität für einen Großteil der Zeitschriften nicht mehr gewährleistet ist“, wie es Lars-Henning Patzke, Geschäftsführer der DPV-Units Network und Worldwide, in einem dnv-Interview formulierte.

Nun könnte man entgegenhalten, dass dafür die Sortimentsbreite in anderen Geschäftsarten, etwa den Verbrauchermärkten und Tankstellen, stetig zunimmt. Doch dass diese Anbieter das Verschwinden der Presse-Fachgeschäfte in puncto Angebotsmenge, -breite und -tiefe irgendwann kompensieren können, darf bezweifelt werden. Jedenfalls deuten die Zahlen bislang nicht darauf hin.

Verdrängen statt verlegen

Vielleicht ist das aber auch gar nicht gewollt, munkeln Marktkenner. Denn ein kleines Sortiment, etwa beim Discounter, Drogerie- oder Supermarkt, kommt den großen Verlagen mit ihren hochauflagigen schnelldrehenden Titeln, wie Bild und Bauers Weeklies, gewissermaßen entgegen. Massenware mit geringem Copypreis passt gut in das Laden-Konzept dieser Händlerkategorie. Deshalb dürfte hierfür Regalplatz garantiert sein. Die Leidtragenden wären Titel, die sich an interessierte „Minderheiten“ richten, aufgrund ihrer niedrigen Frequenz nicht dazu beitragen, den Kunden-Traffic zu pushen und dazu noch recht teuer sind. Sprich: Viele mittelständische Verlage würden ausgebremst und müssten mangels Platz „draußen bleiben“. Wenn also „verdrängen statt verlegen“ die Devise der großen Player lauten sollte, wie es SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz vor einigen Tagen sagte, dann könnte der Exodus der Presse-Fachgeschäfte sogar Kalkül sein.

Jedes Jahr 2.000 Euro Verlust

Soll die Pressevielfalt erhalten bleiben, wäre es jetzt wohl höchste Zeit, etwas zu unternehmen. Denn der Geschäftsart 01 steht das Wasser bis zum Hals, wie eine eben veröffentlichte Studie der British American Tobacco (BAT) und des Bundesverbandes des Tabakwaren Einzelhandels (BTWE) zeigt: Der durchschnittliche Jahresumsatz dieser Geschäfte, die neben Presse meist auch Tabakwaren und Lotto anbieten, liegt danach bei 655.000 Euro. Presse hat daran einen Anteil von 14 Prozent oder 93.000 Euro (Tabak 67, Lotto-Provision fünf und Sonstiges 14 Prozent). Vor fünf Jahren machte Presse noch 19 Prozent aus. Der Rohertrag (Umsatz minus Wareneinsatz), der zurzeit bei etwa 20 Prozent des Umsatzes liegt, beträgt 134.000 Euro (allein Presse: 24.000 Euro). Davon müssen laut BAT-Erhebung bezahlt werden: Personalkosten: 45.000, Unternehmerlohn: 39.000, Miete: 22.000 und Sonstiges (z. B. Steuern, Versicherungen, Abschreibungen): 30.000 Euro. Bleibt weniger als nichts, genauer: ein Verlust von 2.000 Euro pro Jahr.

Dazu passt eine Studie der Unternehmensberatung Heckner aus dem Jahr 2008. Sie hat ermittelt, dass der Umsatz pro Quadratmeter im Presse-Fachgeschäft nicht unter 11.800 Euro (Rohertrag: 2.300) fallen dürfe, um genügend wirtschaftlichen Spielraum zu haben. Tatsächlich würden durchschnittlich aber nur 10.600 Euro pro Quadratmeter (Rohertrag: 2.080) erzielt.

Wolfgang La Noutelle - Vorsitzender des Hamburger Lotto- und Toto-Verbandes

Wolfgang La Noutelle

So können wir nicht überleben“, sagt Wolfgang La Noutelle, Vorsitzender des Hamburger Lotto- und Toto-Verbandes und Fachhändler aus Wilhelmsburg (Sortiment: 1.200 Titel). Die Tabaksteuererhöhung 2004, die Rauchverbote und das neue Lotto-Vergütungssystem hätten ihm und seinen Kollegen in der Vergangenheit schwer zugesetzt. Doch auch der Geschäftsbereich Presse sei in den letzten zehn Jahren bei allen dramatisch eingebrochen: Bei ihm habe sich der Presse-Rohertrag gegenüber 1999 beispielsweise nahezu halbiert. Die Gründe aus seiner Sicht: Der Kunde kaufe die Tageszeitung zunehmend beim Bäcker, die Wochenmagazine vermehrt beim Supermarkt oder Discounter. Beide Titelgruppen seien aber sehr wichtig für eine hohe Kundenfrequenz in seinem Laden. Außerdem seien die Erlöse wegen einer Schwemme von billigen Me-too-Produkten in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich zurückgegangen. Für hochauflagige Titel (ab 200.000 Verkaufte) und solche, die wöchentlich oder öfter erscheinen, erhält der Einzelhandel (ohne Bahnhofsbuchhandel) eine Spanne von 18,31, für alle anderen 20,24 Prozent. „Seit geraumer Zeit werden Neuerscheinungen aber zunehmend nur noch mit 18,31 Prozent Netto-Spanne ausgestattet”, beschwert sich La Noutelle. Und auch Copypreis-Steigerungen nutzten Verlage gern, um die Margen zu kappen.

Spannen-Erosion im Einzelhandel

Wenn die Verlage es mit der Pressevielfalt wirklich ernst meinen, dann sollten sie den Händlern ab einer bestimmten Sortimentsbreite einen Bonus einräumen oder sich darüber Gedanken machen, wie wir ansonsten wieder mehr geld in die Kasse kriegen.” Darüber hinaus fordere er Chancengleichheit. La Noutelle: „Es liegt die Vermutung nahe, dass Werbung treibende Einzelhändler, etwa die Discounter, von einigen Verlagen, deren Titel sie verkaufen, Sonderrabatte für Anzeigenseiten erhalten.” Außerdem beklagt La Noutelle, dass die Remissionsquote bundesweit extrem schwanke. Im Durchschnitt liegt sie laut EHASTRA wertmäßig bei knapp 47 Prozent. Er hingegen habe eine Quote von weit mehr als 60 Prozent, was für ihn einen nicht unerheblichen Mehraufwand bedeute. Für diesen hohen Überschuss gebe es seiner Meinung nach zwei Ursachen. Erstens: das Doppel-Grosso in Hamburg. Und zweitens, dass die beiden Großhändler, PVN und Buch & Presse, nicht verlagsunabhängig sind, sondern den Medienhäusern Bauer bzw. Springer gehören. „Ich bezweifle, dass sie wirklich alles tun, um die Liefermengen optimal dahingehend auszusteuern, dass auch im Einzelhandel größtmögliche Effizienz gesichert ist. Um den Wettbewerber auszuboten oder um Verlagsinteressen zu verfolgen, tritt dieses Ziel offensichtlich manchmal in den Hintergrund“, sagt La Noutelle.

Nicht jeder Titel kommt ins Regal

Deshalb überlegt er sich seit einiger Zeit auch sehr genau, welche der vom Grosso angelieferten Titel er letztlich ins Regal aufnimmt - und das ganz unabhängig davon, welcher Verlag dahintersteckt. So hatte beispielsweise der mittlerweile eingestellte Burda-Hybridtitel Chatter (ein wöchentliches Promi-Klatschblatt zwischen Zeitung und Zeitschrift für 50 Cent) bei ihm keine Chance. „Neun Cent Rohertrag pro Heft rechnen sich für mich nicht“, so La Noutelle. „Die Kunden, die Chatter erreichen will, lesen sonst Magazine wie In und Intouch für je 1,80 Euro oder OK für 1,90. Sie werden stattdessen zum Billigtitel greifen und nicht zusätzlich Chatter kaufen. Damit mache ich mir nur noch mehr meines Geschäftes kaputt.“

Media Tribune hat nachgerechnet: OK (Klambt) verkauft im EH laut IVW 127.000 Exemplare, davon werden ca. 114.300 über das Grosso ausgeliefert. Bei einer EH-Spanne von 34 Cent bleiben dem vom Grosso belieferten Einzelhandel also 38.862 Euro pro Ausgabe in der Kasse. Die Presse-Fachgeschäfte haben daran einen Anteil von 50 Prozent – macht 19.431 Euro. Bei 14.658 Läden sind das pro Outlet wöchentlich 1,30 Euro. Für In (Gruner+Jahr/Klambt) ergibt sich nach gleicher Rechnung ein Wert von 1,70 und für Intouch (Bauer) von 2,50 Euro. Der Titel Chatter, der mit einer gedruckten Auflage von 1,3 Millionen in den Markt ging und 500.000 Verkaufte garantierte, blieb – selbst wenn er die Vorgabe erreicht hätte – gemäß der eben genannten Parameter mit 1,20 Euro pro Ausgabe tatsächlich unter den Werten der anderen – trotz der immens hohen Auflage.

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