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Nannen-Preisträger Davies: „Noch haben wir Journalisten die Möglichkeit, uns gegen Machtmissbrauch zu erheben“



Um Mut, Macht und Medien ging es bei der diesjährigen Verleihung des Henri Nannen Preises am Freitagabend in Hamburg. Es ging auch um den ewigen Streit zwischen Boulevardjournalismus und sogenannten seriösen Medien, zwischen Meinungsbildung und Stimmungsmache, zwischen Qualitätstiteln und „Drecks- und Lügenblättern”, wie es Hans Leyendecker im Gespräch mit „Media Tribune” formulierte. Der Redakteur der „Süddeutschen Zeitung” sollte zusammen mit seinen Kollegen Klaus Ott und Nicolas Richter den Nannen Preis in der Kategorie Investigation erhalten. Allerdings hatte die Jury entschieden, dass die „SZ”-Crew sich den 1. Preis mit „Bild” (Autoren: Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns) zu teilen habe. Leyendecker lehnte deshalb dankend ab. Die Jury-Mitglieder Helmut Markwort (Gründer und Herausgeber von „Focus”) und Ines Pohl (Chefredakteurin der „taz”) betonten, dass man es sich nicht leicht gemacht hatte. Und Andreas Wolfers, Chef der Henri-Nannen-Journalistenschule, stellte eine Debatte in Aussicht.

Darauf darf man gespannt sein. Denn längst sind die Grenzen zwischen den Genres verwischt. Alle sogenannten Qualitätsmedien sind bunter geworden: Mal widmet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung” der neuen Nase der spanischen Kronprinzessin profunde Analysen, mal zitiert die „SZ” ein englisches Boulevardblatt, das über eine angebliche Affäre zwischen TV-Moderatorin Sandra Maischberger und Ex-Kanzler Gerhard Schröder berichtet hatte. Das Nachrichtenmagazin Focus, einst angetreten gegen das Flaggschiff des Qualitätsjournalismus, den „Spiegel”, holt sich mit „Bild”-Vize Jörg Quoos jetzt einen gestandenen Boulevard-Journalisten an die Spitze. Wo liegen tatsächlich noch die Trennlinien? Was heißt „Qualität”, was heißt „seriös” oder „investigativ”?

Eine Antwort darauf klang während der Veranstaltung bereits an: bei der Verleihung des Henri Nannen Preises für einen besonderen Einsatz für die Pressefreiheit an den britischen Journalisten Nick Davies. Der Redakteur der Tageszeitung „The Guardian” hatte mit seinen noch immer nicht abgeschlossenen Recherchen den „News International phone-hacking scandal“ ausgelöst: Er deckte auf, dass Reporter der zum Murdoch-Imperium gehörenden Zeitung „News of the World” illegale Abhör- und Bestechungsmethoden nutzten, um an Informationen zu kommen. Sah es in den Jahren von 2005-2007 so aus, als würden vor allem Prominente und Politiker abgehört, stellte sich durch Recherchen von Davies im Jahr 2011 heraus, dass auch Privatpersonen abgehört wurden, darunter Soldatenwitwen und die Mailbox eines 13jährigen Mordopfers. Als daraufhin Proteste aus der Bevölkerung einsetzten und Boykotte der Werbekunden gegen Murdochs News Corporation drohten, entschied Murdoch, die seit 168 Jahren erscheinende Boulevardzeitung „News of the World” einzustellen. Der Skandal hat sich mittlerweile auch auf die Britische Regierung ausgeweitet und seine Kreise bis nach Amerika, dem Hauptsitz der News Corporation, gezogen. Der Zeitungsskandal ist der größte der englischen Nachkriegsgeschichte und löste eine weltweite Debatte über die Macht und Moral der Medien aus.

Eine freie und unabhängige Berichterstattung gibt es nur, wenn sich die Presse selber nicht angreifbar macht”, sagte „Stern”-Chefredakteur Andreas Petzold in seiner Laudatio für Nick Davies. „Wir können nicht über den Schmutz der anderen schreiben, wenn wir selber Dreck am Stecken haben. Wir können nicht dubiose Machenschaften anprangern, wenn wir sie selber anwenden. Dann sind wir nicht frei, dann sind wir nicht unabhängig. Dann gefährden wir den ohnehin nicht sehr ausgeprägten Respekt für den Journalismus. Es zerfällt dann auch das Bewusstsein dafür, dass Pressefreiheit und Demokratie eben ohne einander nicht können.” Petzold räumte allerdings ein, dass auch seriöse Journalisten gegen Regeln verstießen: „Journalistische Mittel können manchmal die Grenze des Legalen verletzen, aber sie müssen immer legitim sein”, erklärte er. „Doch wenn die Mailbox eines ermordeten Teenagers abgehört wird, dann dient das keiner Information, dann ist das schiere kriminelle Difamationslust.” Diese Affäre müsse laut Petzold auch uns hier in Deutschland daran erinnern, dass die Grenzen der Informationsbeschaffung immer wieder ins Bewusstsein gehörten. „Wir haben die Macht, die Mächtigen zu kontrollieren, indem wir über sie berichten. Aber auch die Macht der Medien bedarf der Kontrolle – am besten durch die Medien selbst. Denn wir machen das nicht für uns. Wir machen das alles für die Menschen da draußen, die ein Recht haben auf unabhängige Informationen und Berichterstattung.”

Macht” war auch der Schlüsselbegriff in der Dankesrede von Davies. „Es war mir ein bisschen unbehaglich, Artikel über andere Journalisten zu schreiben”, sagte er. „Es fiel mir nicht immer leicht. Aber es geht ja hier um wesentlich mehr als nur um Journalisten. Nur zum Teil ist es eine Geschichte über Zeitungen, die glaubten, dass der Journalismus einzig und allein dem Zweck zu dienen habe, damit Geld zu machen. Deshalb hielten sie es für vertretbar, gegen moralische Regeln zu verstoßen, das Strafgesetz zu brechen, in die Privatsphäre von Menschen einzudringen, Unwahrheiten zu konstruieren, diese dann einfach als Tatsachen auszugeben und das Leben anderer zu zerstören, solange sich dadurch die Zeitungen gut verkaufen ließen.”

Was die Geschichte letztlich ausmache sei aber etwas ganz anderes. Davies: „Es geht hier um Macht. Es geht um Folgendes: Während die Zeitungen solche Dinge taten, sprich: das Gesetz brachen, sahen ihnen die Polizei, die Regierung und unser ganzer Presseregulierungsapparat dabei zu und sagten: ‚Wir werden auf keinen Fall an die Verantwortlichen herantreten und irgendetwas gegen sie unternehmen, denn sie haben zu viel Macht.’ Es geht in der Geschichte also darum, dieses ganze System aufzudecken.”

Abschließend appellierte Davies an alle anwesenden Journalisten, und zwar ganz egal, welchem Genre sie sich zugehörig fühlen, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen: „Wenn die Geschichte es wert ist, gewürdigt zu werden und die ganze Veranstaltung hier überhaupt Sinn macht, dann nur deshalb, weil wir als Journalisten, weil wir alle hier noch die Möglichkeit haben, uns zu erheben gegen den Missbrauch von Macht. Das zeichnet Journalismus aus, das macht ihn wertvoll.”

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