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Sally”-Award: Jedem seine „Zeit”



Zunächst einmal: Die lang anhaltende positive Entwicklung der „Zeit“ im Gesamtverkauf ist durchaus eines „Sally”-Preises würdig. Und sicher hat der amtierende Chefredakteur Giovanni di Lorenzo seinen Anteil daran. Punkt.


"Sally"-Preisträger Giovanni di Lorenzo

Sally”-Preisträger und Bibel-Interpret Giovanni di Lorenzo


Betrachtet man das Auflagenwachstum in der Regentschaft di Lorenzos (August 2004 bis heute) jedoch nach Sparten, relativiert sich das Bild etwas: So ging vom IV. Quartal 2004 bis I. Quartal 2011 der Verkauf der Wochenzeitung im Einzelhandel um 14 Prozent auf 113.090 Exemplare zurück. Dafür schnellte die Schar der Abonnenten um 17 Prozent auf 322.899 hoch. Schließt man die Vorperiode des Chefredakteurs-Gespann Dr. Josef Joffe und Dr. Michael Naumann (2001 bis 2004) mit ein, ging es in den zurückliegenden zehn Jahren im Abo sogar um 31 Prozent aufwärts. Nur: Abo-Stücke genießen in der Branche wegen der prämienbedingten hohen „Costs per Client“ (Kosten für einen neu gewonnen Kunden) einen eher zweifelhaften Ruf (siehe Rede Peter Strahlendorf unten). Deutlich wuchsen unter di Lorenzo darüber hinaus die „Marketing“-Auflagen Bordexemplare (+13 %) und Sonstiger Verkauf (+41 %), so dass sich im Gesamtverkauf ein Plus von neun Prozent errechnen lässt.

Doch auf der „Sally“-Preisverleihung am 16. Juni ging es ja ohnehin um mehr als „nur“ um die Würdigung des Auflagenplus. Di Lorenzo wurde insbesondere für seinen Vortrag auf der Jahrestagung des Verbandes Deutscher Bahnhofsbuchhändler 2010 in Berlin ausgezeichnet. Denn darin habe er sich nach Ansicht der AMV-Jury und des Laudators Dr. Bernd Buchholz (Vorstandsvorsitzender von Gruner + Jahr) klar für Pressevielfalt und das bestehende Pressevertriebssystem ausgesprochen und sich damit „engagiert der Sache des AMV angenommen“ (Jury-Begründung). Buchholz wörtlich: „Wenn ein Chefredakteur wie Giovanni di Lorenzo auf der Jahrestagung des Verbandes Deutscher Bahnhofsbuchhändler ein wirklich bemerkenswertes Referat über die Bedeutung der Pressevielfalt für Meinungsvielfalt und Demokratie in Deutschland sehr eindrucksvoll in einen Kontext zur journalistischen Arbeit stellt und das unter das programmatische Motto setzt ‚Warum es sich lohnt, auf Qualität zu setzen’, dann haben wir es hier wirklich mit jemandem zu tun, der sich anders mit Vertriebsfragen auseinandergesetzt hat als – ich sage mal – 98 Prozent seiner Chefredakteurskollegen überall in Deutschland. Dieses lesenswerte Referat zeigt, dass er sich in die Reihe der ersten Journalisten und Blattmacher uneingeschränkt und öffentlich vernehmbar für die Sicherstellung der Pressevielfalt erklärt hat, weil er darüber nachgedacht und es laut ausgesprochen hat, welchen Sinn diese Pressevielfalt für ein demokratisches Gemeinwesen und für ein pluralistisch verfasstes demokratisches Gesamtsystem macht.“ Und auch AMV-Vorsitzender Hermann Schmidt lobte den Vortrag von di Lorenzo: „Es war die beste Rede, die ich je über den Wert unseres Pressevertriebssystems in Deutschland gehört habe.“

Kriterien AMV-Award (aus der Vereinssatzung):
Für besondere Verdienste verleiht der AMV einmal jährlich den AMV SALES AWARDSALLY“, die einer Persönlichkeit zuerkannt wird, die sich um den Verkauf von Presse, die Aufmerksamkeit für den Presseverkauf sowie den Erhalt der Pressevielfalt und damit der Pressefreiheit in besonderer Weise verdient gemacht hat.

Alles wunderbar. Nur: Wer sich – angeregt von der Hochschätzung aus berufenem Munde – die Rede von di Lorenzo noch einmal durchlesen will, der hat Pech gehabt, denn die ist nicht mehr zu kriegen – weder vom Büro di Lorenzos, noch vom Bahnhofsbuchhandel-Verband, noch vom AMV. Was genau hat di Lorenzo also zu Pressevielfalt und dem Pressevertriebssystem gesagt? Es geht im Kern um „zehn Gebote“, heißt es vage. Die habe di Lorenzo für die Medienbranche umformuliert. Und je nach Anlass und Veranstaltung stricke er für die Präsentation dieser Regeln eine passende Geschichte drum herum – so geschehen in einer Kirche, in Stuttgart und eben auf der Tagung in Berlin. Die Stuttgarter Rede war schließlich über Umwege zu beschaffen (siehe unten). Doch dann die Enttäuschung: Die „zehn Gebote“ sind, bis auf das 6., seit jeher Arbeitsgrundlage im Verlagsgeschäft, also nichts Neues. Und die Passagen zu „Pressevielfalt“, „Meinungsvielfalt“ und „Pressevertriebssystem“ in Deutschland sucht man vergeblich. Di Lorenzo verlor – zumindest im Ländle – kein einziges Wort darüber.

Ich bin nicht der, den Ihr meint“

Aber er muss etwas gesagt haben. Oder er lässt zumindest die Interpretationen von Buchholz und der Jury zu, sonst hätte er sich sicher davon distanziert. Das tat er nicht, er ließ sich ehren, merkte aber höflich und bescheiden in seiner Dankesrede an: „Ich denke bei solchen Veranstaltungen immer, das ist jemand anderes, der da gemeint ist. Und ich finde auch, dass ich das nicht verdient habe.“

Ob korrekt wiedergegeben oder ein bisschen zurecht gebogen – egal: Die „Zehn-Gebote-Rede“, in der es laut di Lorenzo um die „Chance und Bedeutung von Print“ angesichts der Bedrohung durch das Internet gegangen sei, ist es wert, noch einmal ins Gedächtnis gerufen zu werden. Und nicht zuletzt bot die Verleihung des AMV-Awards ja eine gute Gelegenheit, (weitere) wichtige Botschaften an die etwa 130 versammelten Gäste zu richten.

Vorsicht vor Medienexperten

So ließ es sich di Lorenzo nicht nehmen, in Erinnerung an die Totenglocken, die „jeder – auch wirklich jeder – Medienexperte vor zehn Jahren“ (Di Lorenzo) der „Zeit“ geläutet habe, mit der Zunft der Branchen-Berichterstatter abzurechnen: „Meine Damen und Herren, hören Sie, wenn Sie etwas über Zeitungen und Zeitschriften erfahren wollen, auf Ihren Mann, auf Ihre Frau, auf Ihre Kinder, die Oma, den Nachbarn oder den Hund, aber hören Sie bitte nie auf Medienexperten!“ riet er.

Nicht alles Pornos

Auf der anderen Seite lobte er den Zeitverlag („Er nimmt Rücksicht auf verdammt wunderliche Redakteure, aber auch auf Grenzen der Vermarktung, die wir einhalten müssen und auch wollen.“) und vor allem den Vorsitzenden der Geschäftsführung, Dr. Rainer Esser, dem laut di Lorenzo „mindestens – wirklich mindestens – die Hälfte dieses Preises gebührt!“. Auch dankte er dem „Zeit“-Vertriebschef Jürgen Jakobs für dessen „hervorragende Vertriebsarbeit“.

Und angesichts der vielbesungenen Medien-Krise betonte di Lorenzo: „Es gibt eine ganze Reihe großer bedeutender Blätter, die trotz sinkender Auflagen glänzende Gewinne einfahren. Es ist ein bisschen merkwürdig, dass darüber nie gesprochen wird. Es ist so, als ob man mit Pornos sein Geld verdienen würde! Aber es sind veritable und gute Blätter mit sehr anständigen zweistelligen Renditen.“ Di Lorenzo: „Der Kampf um Aufmerksamkeit lohnt sich jede Woche wieder aufs Neue.“ Sein Appell an die Medienmacher: „Lassen Sie uns das wertschätzen, was wir haben, dann können wir auch kleinere und größere Krisen meistern.“

Bestehendes wertschätzen

Damit sprach er dem AMV-Vorsitzenden Hermann Schmidt, der im Hauptberuf Geschäftsführer Vertrieb des Hamburger Jahreszeiten Verlags sowie Geschäftsführer des Nationalvertriebs PSG Premium Sales Germany ist, aus der Seele. Seit vielen Jahren plädiert Schmidt dafür, Bestehendes wertzuschätzen, vor allem das bestehende Pressevertriebssystem. Er ist sich sicher: „Das einzigartige Vertriebssystem in Deutschland mit den Vertriebssparten Grosso, Bahnhofsbuchhandel, Lesezirkel und Werbender Buch- und Zeitschriftenhandel sorgt für die Überall-Erhältlichkeit aller Pressepublikationen in allen Teilen Deutschlands.“ In seiner „Sally“-Eröffnungsrede warnte er deshalb: „Wenn das gegenwärtige neutrale Vertriebssystem fällt, wenn es eine nationale Presse- und Vertriebsorganisation unter dem Einfluss nur eines einzigen großen Verlages geben sollte, dann würde sich die Vielfalt und damit die Faszination unseres Presseangebotes in Deutschland wahrscheinlich entscheidend verändern. Der Vertrieb könnte beeinflusst, ja der Vertrieb könnte nach meiner Auffassung manipuliert werden. Und der Vertrieb der meisten Zeitschriften, insbesondere der Titel mit kleineren Verkaufsauflagen, würde nach meiner Einschätzung wesentlich teurer werden.“


AMV-Gründer und -Vorsitzender Hermann Schmidt lobt Springer-Chef Mathias Döpfner

AMV-Gründer und -Vorsitzender Hermann Schmidt lobt Springer-Chef Mathias Döpfner


Im jetzigen Vertriebssystem in Deutschland habe laut Schmidt jede Zeitung, jede Zeitschrift, jede Neugründung eines Printobjektes die Chance, im Vertrieb in unserem Lande dabei zu sein. „Eine Eintrittsgebühr dafür gibt es in unserem Lande nicht. Von unseren europäischen Nachbarländern werden wir um unser vorbildliches Vertriebssystem, die Vielfalt und die Qualität unserer Presse beneidet. Wir vom AMV haben uns deshalb ganz besonders darüber gefreut, dass der Axel Springer Verlag, und dort allen voran Mathias Döpfner, sich in einem gemeinsamen Kommuniqué mit dem Bundesverband Pressegrosso ausdrücklich zur Gemeinsamen Erklärung, zur Neutralität des Pressevertriebs und zur Pressefreiheit bekannt hat“, so Schmidt.

Strahlendorf: Auswüchse bei den Abo-Prämien

Mahnende Worte fand auch Peter Strahlendorf, Verleger des Hamburger Presse Fachverlages („dnv“, „new business“). Er sehe das Systemessential Preisbindung in Gefahr – durch Auswüchse bei den Abo-Prämien und durch „Gespräche, die ein Großverlag in Hamburg in direkter Form mit dem Handel führt.“ Strahlendorf: „Wenn es sichtbar wird für Verbraucherschützer und für die Politik, dass allzu große WKZs, also Werbekostenzuschüsse, an den Handel bezahlt werden, dann ist es bald vorbei mit der Preisbindung. Denn dann gibt es seitens der Politik und der anderen ordnungspolitischen Instanzen nur noch wenig positive Argumente, an der Preisbindung festzuhalten.“


Peter Strahlendorf

Verleger Peter Strahlendorf warnt vor Auswüchsen in der Preispolitik (Fotograf: Tobias Oechsler)


Verbraucherschützer könnten zudem an den „psychologischen Preisen“ Anstoß nehmen, die immer noch weit verbreitet seien. Beispiele: 59 Cent oder 6,99 Euro, die suggerierten, man zahle nur 50 Cent oder sechs Euro. „Man sollte auch auf diese Dinge achten, denn in Brüssel fallen auch solche Sachen auf einen außergewöhnlich fruchtbaren Boden. Und wenn da mal so eine Spore keimt, dann ist sie ganz, ganz schwer wieder aus der Welt zu schaffen. Ich kann das so locker sagen, weil ich über den Markenverband, für den ich hin und wieder auch die Freude habe, da zu sein, deutlich spüre, was Preispolitik heißt oder was Brüssel heißt.“

Die größte Gefahr gehe laut Strahlendorf im Moment allerdings „von dieser unsäglichen juristischen Auseinandersetzung aus, die der Bauer Verlag vom Zaun bricht.“ Und er appellierte „an alle diejenigen, die eine Chance haben, dort für Einsehen, für Verständnis werben zu können, dies auch zu tun.“

Mafiöse Verhandlungspartner in der Werbewirtschaft

Zudem plädierte Strahlendorf für eine offensiv-mutige Preispolitik, die Auflagenverluste locker überkompensieren könne, und für „mehr Innovationen“, wie sie bei der „Zeit“ mit den vielen Zusatzprodukten zu beobachten seien.

Auch Strahlendorf würdigte Zeit-Chef Esser, „der dafür Sorge getragen hat, das sich der Verkaufspreis der ‚Zeit’ von einst fünf Mark vor zehn Jahren auf heute vier Euro verwandelt hat.“ (Was im Vergleich zu vielen Publikumszeitschriften aber eher moderat ist; Anm. d. Red.). Das sichere die wirtschaftliche Zukunft. „Auf die Werbeerlöse werden Sie sich nämlich nicht so verlassen können. Da stehen Ihnen Verhandlungspartner gegenüber, die in ihrer Vorgehensweise durchaus mafiöse Züge an den Tag legen“, so Strahlendorf.

G+J-Chef Buchholz würdigt den AMV

Wie weit der Vertrieb noch von Mafia-Strukturen entfernt ist, blieb am Abend offen. Laudator Buchholz zog es vor, lieber Positives zu betonen, wie die Erfindung des AMVs: „Vor zwölf Jahren hat ein beherzter und außerordentlich engagierter Vertriebsmann namens Hermann Schmidt diesen Arbeitskreis Mittelständischer Verlage mit aus der Taufe gehoben, ich glaube, man kann sagen, eigentlich hat er ihn begründet“, erinnerte er. „Es ging und geht ihm dabei bis heute – wie der Name schon sagt – um die Wahrung der vertrieblichen Interessen der kleineren und mittleren Verlage, die – machen wir uns da durchaus nichts vor – manchmal von denen der Großverlage abweichen.“ Das sei auch nichts Schlimmes. Buchholz: „Ich kenne viele – vielleicht gehöre ich auch selber zu Teilen dazu –, die für ihre Zeitungen und Zeitschriften eben nicht darauf erpicht sind, dass man das Verkaufsstellennetz von 120.000 auf 150.000 Verkaufsstellen erweitern müsste. Für die die Erschließung von Discountern vielleicht weniger wichtig ist als eine qualitativ hochwertige Warenpräsentation. Und die bei Verhandlungen um Handelsspannen – sagen wir es doch ganz deutlich – auch nicht nur das vom Tische der großen Herren Fallende abbekommen, sondern angemessen Berücksichtigung finden wollen.“


G+J-Chef Dr. Bernd Buchholz auf der Sally-Verleihung

G+J-Chef Dr. Bernd Buchholz kritisiert die Kachelmann-Berichterstattung in der „Zeit” (Foto: Tobias Oechsler)


Immer habe laut Buchholz der AMV das deutlich gemacht, „was eigentlich die Verantwortung auch jedes großen Verlegers in Deutschland sein müsse: im Interesse der Meinungsvielfalt, der gelebten Pluralität eines demokratischen Gemeinwesens, die Verfügbarkeit und Erwerbbarkeit aller Presseprodukte, seien sie auch noch so klein, wirtschaftlich angemessen zu ermöglichen und zu gewährleisten. Ich kann von dieser Stelle aus nur erneut sagen, dass auch die großen Verlage in ihrer großen Mehrheit, wie alle anderen auch, uneingeschränkt zu diesem Vertriebs- und Pressesystem in Deutschland stehen und unabhängig davon, wie Gerichte im Laufe des Jahres entscheiden werden, wir alles dafür tun werden, dass ein solches System erhalten bleibt“, so Buchholz.

Menschen mit Bildungshunger

Auch werde „Journalismus guter Qualität“ weiterhin seine Zukunft haben. Ein Beispiel dafür sei die „Zeit“, die laut Buchholz zu den besten Printpublikationen Europas und sogar weltweit zähle. Ihr Erfolg zeige allen, dass journalistische Inhalte und die Beherrschung des journalistischen Handwerks gerade in Zeiten der Informationsüberflutung durchaus gewinnen könnten und gewännen – auch im ökonomischen Sinne. „Ob gedruckt oder digital – Qualitätsjournalismus hat einen gesellschaftlichen und monetären Wert“, so Buchholz. Voraussetzung dafür sei journalistische Unabhängigkeit, „die man auch nur haben kann, wenn man persönliche Unabhängigkeit liebt. Und journalistische Unabhängigkeit setzt wirtschaftliche Unabhängigkeit voraus.“ Als Basis des ökonomischen Erfolgs habe das Vertriebsgeschäft in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung hinzugewonnen, ebenso die Entwicklung treffsicherer Markenableger, die zur Kernmarke passen und beim Publikum ankommen müssten. Buchholz: „Wir haben in Deutschland aus meiner Sicht genügend Menschen mit entsprechendem Bildungs- und Wissenshunger, die Qualitätsmedien immer schätzen. Und, so hoffe ich und so meine ich aber auch, wir haben auch genügend Verleger und Blattmacher, die mit Leidenschaft ihre Publikationen – Print wie Online – fortentwickeln und in die Qualität und das Marketing investieren.“

Glaubwürdige Gelassenheit“

Die Leidenschaft für hervorragende Qualität erkläre das Phänomen „Zeit“ allerdings nicht allein. „Seit mehreren Jahren werden in unserer Marktforschung zwei Attribute auf eine ganz besondere Art und Weise der ‚Zeit’ zugeordnet“, so Buchholz. „Die ‚Zeit’ steht heute nach unserer Forschung für so etwas wie ‚gelassene Glaubwürdigkeit’ oder, um die Worte umzudrehen, ‚glaubwürdige Gelassenheit’.“ Und danach gebe es offenbar eine Sehnsucht. „In einem angebrochenen Jahrtausend, das immer schneller Hypes und Moden gleich zu Megatrends erklärt, jede Gefahr zur existentiellen Bedrohung stilisiert und mit seiner Schnelllebigkeit immer wieder sofort eine neue Sau durchs Dorf treibt, da bietet ein Medium, das Glaubwürdigkeit oder glaubwürdige Gelassenheit ausstrahlt, ein wirklich orientierungsgebendes Gegengewicht, einen Ankerpunkt, der zwar die Entwicklungen beschreibt, aber unaufgeregt bleibt und so den Menschen Einordungs-Möglichkeiten überhaupt erst verschafft.“

Der Mann ist einfach cool!“

Buchholz räumte aber ein, dass das der „Zeit“ auch nicht immer gelinge. „In Mediengeschichten über Wettermoderatoren“, so Buchholz, habe man den Pfad der Tugend verlassen und die „gelassene Distanzebene“ aufgegeben. Dennoch passe die Charakterisierung „glaubwürdige Gelassenheit“ zur Wochenzeitung. „Und ich meine, dafür genau steht auch ihr journalistischer Kopf Giovanni di Lorenzo ganz besonders“, der mit seiner zurückhaltenden, ruhigen Art Kompetenz ausstrahle. Buchholz: „Meine Söhne übrigens, denen ich den Gedanken heute Morgen gesagt habe, die übersetzen ‚glaubwürdige Gelassenheit’ mit dem Wort ‚cool’. ‚Der Mann ist einfach cool!’. Und wenn ich ihn um etwas beneide (...), dann ist es in der Tat diese Gelassenheit, die mich in den Augen meiner Söhne eben auch cool und nicht peinlich machen würde.“

Rede von Giovanni di Lorenzo in Stuttgart (7. April 2011)

Warum es sich lohnt, auf Qualität zu setzen. Zehn Gebote für den Journalismus“

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, dass ich heute Mittag bei Ihnen sein darf, auch wenn ich gestehen muss, dass ich ein bisschen verunsichert bin. Immerhin ist Baden-Württemberg gerade so etwas wie die Keimzelle eines Umsturzes, von Stuttgart aus haben die „Wutbürger“ die Republik erobert, und jetzt bekommen Sie sogar einen grünen Ministerpräsidenten! Man fragt sich, ob hier nun ein neuer Wind weht, ob man seine liebgewonnenen Vorurteile grundlegend überdenken muss. Bei der ZEIT haben wir uns letzte Woche jedenfalls dafür entschieden, den braven Herrn Kretschmann als Hulk-grünen Supermann auf unsere Titelseite zu hieven, dazu die Schlagzeile: „Alles grün, oder was?“

Zeiten des Wandels sind immer auch Zeiten der Selbstverständigung, das gilt für die Politik ebenso wie für die Wirtschaft. In der Medienbranche erleben wir seit einigen Jahren einigen gewaltigen Wandel: Das Internet hat nicht nur das Angebot, sondern auch die Nachfrage verändert – und nun kommen die digitalen Empfangsgeräte hinzu. Das vergangene Jahr wird wohl als „Tablet Year“ in die PR-Geschichte eingehen, und ich muss gestehen: Auch bei der ZEIT versprechen wir uns viel vom iPad und seinen Verwandten. Aber die mobilen Zauberkisten werfen eben dieselbe Glaubensfrage auf wie das Internet vor einigen Jahren: Ob und wie die Verlage mit ihnen Geld verdienen können, ist ungewiss.

Giovanni di Lorenzo

Giovanni di Lorenzo

Wir alle glauben daran, wir hoffen darauf – aber ich muss doch sagen, dass mein Glaube an das iPad mit einer Portion Skepsis vermischt ist. Und zwar ganz einfach deshalb, weil nahezu keine Prognose, die in den vergangenen zehn Jahren von so genannten Branchenexperten verbreitet wurde, sich bewahrheitet hat.

Wie oft hat man uns bei der ZEIT das Totenglöckchen geläutet! Wie oft mussten wir uns anhören, für eine Wochenzeitung mit langen Texten gebe es keinen Platz mehr auf dem Markt! Und wie oft mussten wir die Predigten über das große, allmächtige Internet über uns ergehen lassen! Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland und anderswo längst als gewiss gilt, dass Print ausstirbt. Oft geht es in den Debatten nur noch um die Frage, wann das Internet die Zeitung, wann Kindle und iPad das Buch endgültig besiegt haben werden. Kurz gesagt: Das Image der Holzmedien ist das einer aussterbenden Art, und mancher Journalist, mancher Verleger war in den vergangenen Jahren nur mit Mühe davon abzubringen, aus Angst vor dem Tod Selbstmord zu begehen.

Natürlich sind solche Untergangs-Szenarien immer eng mit wirtschaftlichen Interessen verknüpft. Sie sind aber auch Ausdruck eines Kulturkampfes zwischen Online und Print, zwischen digitalen und analogen Medien, der derzeit überall in der Gesellschaft ausgetragen wird. Wenn ich das richtig sehe, stehen sich dabei zwei Hardcore-Flügel gegenüber: Auf der einen Seite die Online-Ideologen, die sich eine kämpferisch revolutionäre Botschaft auf die Fahnen geschrieben haben. Sie wollen die dünkelhaften Papier-Aristokraten hinwegfegen, ihr Credo lautet: Die Masse ist klüger als der Einzelne! Die Botschaft der Print-Jünger auf der anderen Seite nimmt sich demgegenüber zwar konservativ aus, ist in ihrem elitären Impetus aber nicht weniger radikal: Wir müssen die Werte der analogen Welt vor der digitalen Verflachung und dem Pöbel der User retten, sagen sie, nichts geht über schöpferische Individualität und Tiefsinn!

Ich persönlich glaube nun, dass diese scharfe Polarisierung etwas weltfremd ist, und zwar ganz einfach deshalb, weil die Entwicklung des Internets nicht rückgängig zu machen ist. Und weil eine Regulierung nur an einzelnen Symptomen, nicht aber an dem Phänomen selbst etwas ändern könnte. Mir wäre es daher lieber, wenn man die Konfliktlinie nicht zwischen Print und Online, Intellektuellen und Pöbel, Demokraten und Anti-Demokraten zöge. Es wäre auch vermessen und falsch, wenn man behauptete, dass es in der digitalen Welt überhaupt keinen seriösen, kritischen Journalismus gäbe. Wir sollten also nicht pauschal zwischen Print und Online unterscheiden, sondern hier wie dort einfach zwischen gutem und schlechtem Journalismus, nützlichen und schädlichen Texten.

Wenn wir über das Internet und das iPad sprechen, geht es also gar nicht um eine Revolution, sondern um Veränderungen im Rahmen des Bestehenden. So wie wohl auch in Baden-Württemberg keine echte Revolution bevorsteht, wenn Grüne und Rote die Regierung übernehmen. Ich möchte deshalb heute Abend ein Bekenntnis ablegen, das Sie vielleicht überraschen wird: Ich glaube an das Internet, das große, weltweite. Ich weiß, dass zwei Drittel aller Zeitungsleser inzwischen online gehen. Ich weiß, dass immer mehr Werbe-Erlöse ins Internet fließen. Ich glaube also, dass Zeitungs- und Verlagsmenschen – ebenso wie Unternehmer aus anderen Branchen – alles tun müssen, um Online und Digitalisierung zu stärken.

Was das alles aber für die Zukunft der Zeitung bedeutet – das weiß ich leider nicht. Deshalb bleibt mir auch hier wieder nur ein persönliches Credo: Ich glaube nämlich, anders als viele Propheten, auch an die Zukunft der Printmedien. An die Zukunft von Zeitungen wie SZ, FAZ und ZEIT; von Zeitschriften wie Spiegel, Stern, Brigitte und Geo; von Sachbüchern und gedruckter Belletristik. Und ich bin überzeugt davon, dass es für uns alle ein dramatischer Verlust wäre, wenn nur eine dieser Gattungen ein existenzielles Problem bekäme.

Meine Damen und Herren, die Medienbranche befindet sich im beschleunigten Wandel, und Prognosen sind bekanntlich immer unsicher. Deshalb wage ich mich jetzt auf vermintes Gelände vor; was ich tun werde, ist vielleicht ein wahnwitziges Unterfangen: Ich will Ihnen nämlich nichts Geringeres verkünden als die zehn Gebote für die Zukunft der Printmedien, darunter mache ich es nicht.

Erstes Gebot: Du sollst den Namen deines Kernmediums nicht verunglimpfen.

Jeder Unternehmer weiß, dass man seine eigenen Produkte nicht schlechtreden darf. In der Medienbranche ist das leider keine Selbstverständlichkeit: Wenn Journalisten selbst in der Zeitung die Zeitung schlechtschreiben und Verleger nur noch das allmächtige Internet preisen, dann wundere ich mich über diese Lust am eigenen Untergang. Das Wort „Zeitungssterben“ ist mittlerweile ja in aller Munde, sogar über staatliche Rettungsschirme für Qualitätszeitungen wurde ernsthaft diskutiert! Ich habe diese Horrorszenarien immer verabscheut. Man darf dem Leser nicht den Eindruck vermitteln, die Zukunft läge ganz woanders – jedenfalls nicht bei dem Medium, das er gerade in den Händen hält und für das er Geld bezahlen muss. Dann sagt der Leser: Ich kündige mein Zeitungsabo – und gehe eben auch nur noch online.

Wenn wir hochwertige Produkte haben, dann müssen wir sie hegen und pflegen, wir müssen für sie kämpfen, statt den Eindruck zu erwecken, als wären sie austauschbar. Und es gibt in Deutschland doch gute Produkte! Und gute Argumente gegen die Propheten der digitalen Revolution! Selbst der Internet-Pionier Jaron Lanier, der einst den Begriff von der „virtuellen Realität“ prägte und eine schöne neue Digitalwelt prophezeite, warnt angesichts der realen Daten aus dem Netz seit einigen Jahren vor einer Überhöhung dieses Mediums: Die Träume von der offenen Kultur im Internet seien geplatzt, die weltweite Vernetzung von Intelligenz produziere nicht Über-Intelligenz, sondern Banalität.

Und Frank Schirrmacher, der Herausgeber der FAZ, der sich wirklich hervorragend mit dem Internet auskennt, wirft in seinem Buch „Payback“ die Frage auf, wie die neuen Informationstechnologien unser Denken verändern – und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen können.

Wenn man diese Fragen ernst nimmt, dann ist es eben gar nicht unbedingt ein Nachteil, dass manche Zeitungsartikel nicht so schnell zu schreiben, nicht so schnell zu produzieren sind wie Blogs und Tweeds! Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe den Eindruck, dass sich die Leute gerade in Zeiten der Krise nach Orientierung, Halt und Beständigkeit sehen. Sie wollen Texte, die die tägliche Nachrichtenflut eindämmen, indem sie Hintergründe und Analysen liefern. Um es mit einem Bild zu sagen: Die Bücher und Zeitungen der Zukunft sind nicht der Fluss, sie sind das Ufer.

Ich glaube, dass das die Chance von Qualitätsmedien ist: Sie müssen Ankerplätze sein im täglichen Strom der Informationen. Bei der ZEIT versuchen wir Woche für Woche, so ein Ankerplatz zu sein, und so ist es uns gelungen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erfolgreich zu sein: Ich weiß, es ist kaum zu glauben, aber die letzten fünf Jahre waren die bislang besten Geschäftsjahre in der Geschichte der ZEIT. Wir konnten unsere Reichweite um 60 Prozent erhöhen und haben im Krisenjahr 2009 eine Rekordauflage von mehr als 500.000 verkauften Exemplaren erreicht. Ende des vergangenen Jahres konnten wir einen weiteren Rekord verzeichnen: Niemals zuvor wurden in einem vierten Quartal mehr ZEIT-Exemplare verkauft als 2010, niemals hatten wir eine höhere Rendite. Ich erzähle Ihnen das alles nicht, weil ich angeben will, sondern weil es in Krisenzeiten vielleicht ein Zeichen der Hoffnung sein kann – nicht nur für Zeitungsverlage, sondern auch für Unternehmer aus anderen Branchen.

Meine Damen und Herren, warum sollten wir unsere Stärken kampflos preisgeben und uns einer fragwürdigen Internet-Ideologie verschreiben? Print macht nach wie vor einen Großteil des Umsatzes der Verlagshäuser aus, bringt vielerorts immer noch anständige Renditen und bildet das Fundament für alles, was die Reputation eines Verlages ausmacht. Ich mache nicht mit, wenn gute Produkte schlecht geredet werden.

Zweites Gebot: Achte darauf, dass du mit der Aufwertung von Online und E-Book nicht deine Preise verdirbst.

Ich weiß wohl, dass es für Zeitungsverleger und Chefredakteure heute ebenso eine Sünde wäre, die Online-Redaktion zu vernachlässigen. Denn die Leser gehen dann trotzdem online, nur nicht unter der eigenen Marke. Umso genauer müssen wir darauf achten, dass Online nicht wie die Print-Ausgabe am Bildschirm aussieht, sondern wie etwas, das weit darüber hinausgeht. Wir müssen Unterschiede kultivieren und nicht versuchen, uns gegenseitig nachzuahmen.

Die Forderung, dass es keine Open-Content-Politik geben dürfe, hört sich zwar an wie eine Binsenweisheit, aber wir Zeitungsleute haben in den ersten Jahren des Internets eben genau diesen Fehler gemacht und fast alles gratis ins Netz gestellt. So entstand der Eindruck, Online biete die Möglichkeit, kostenlos in den Genuss der gesamten Print-Marke zu kommen.

Keine Frage: Die Digitalisierung und das iPad bieten den Verlagen große Möglichkeiten: Das gesamte Layout kann auf das Gerät übertragen werden, so dass sich der Lesekomfort kaum noch von der Papierausgabe unterscheidet. Bei der ZEIT tun wir daher alles, um digital gut aufgestellt zu sein: Seit September bietet ZEIT-Online drei neue Apps für iPhone und iPad an. Diese Apps kosten Geld, und das muss auch so sein: Das iPad bietet uns die große Chance, Qualitätsjournalismus auch in den digitalen Medien zu monetarisieren und einen Return zu erzielen. Ich bin da wirklich komplett unideologisch: Selbst wenn ich mir ausmale, dass im Jahr 2020 die Hälfte unserer heutigen Leser nicht mehr die gedruckte Ausgabe kaufen, sondern die ZEIT auf digitalen Geräten lesen, ist mir um den Qualitätsjournalismus nicht bange – immer vorausgesetzt, dass es uns bis dahin gelungen ist, auch mit unseren digitalen Angeboten Geld zu verdienen.

Verstehen Sie mich also bitte nicht falsch: Mir geht es nicht darum, womit Verleger ihr Geld verdienen. Mir geht es um etwas Grundlegendes: Unabhängiger und unangepasster Journalismus kostet einen Haufen Geld, ebenso wie andere aufwendig konstruierte und produzierte Produkte viel Geld kosten. Und wenn dieses Geld nicht mehr fließt, dann sind Qualitätsprodukte nicht mehr zu retten.

Drittes Gebot: Du sollst das Potenzial deiner Leser nutzen, ohne es zu überschätzen.

Es gibt heute ein großes Bedürfnis nach Kommunikation und Interaktion, und deshalb müssen Journalisten und Verleger auch die technischen Möglichkeiten, die ihnen das Internet bietet, auf jeden Fall nutzen. Wenn man sich all die Blogs, Foren-Beiträge, Leser-Kommentare und E-Mails durchliest, dann muss man sich klarmachen, dass diese Zuschriften nicht unbedingt repräsentativ sind für die Gesamtheit der Leser und User. Natürlich gibt es auch vorbildliche Beispiele, Laniers pauschale Verurteilung des „digitalen Mobs“ wird dem Phänomen nicht gerecht. Ein Großteil der elektronischen Zuschriften trägt jedoch nur wenig zum Erkenntnisgewinn bei. Oft lernt man in solchen Beiträgen nur, wie groß die Vielfalt der Schimpfwörter, Rüpeleien und sonstigen Schmähungen ist.

Aber ich weiß wohl, dass sich die Beziehung zwischen Leser und Journalist durch das Internet verändert. „Frag nicht, was du für deinen Leser tun kannst, sondern, was der Leser für dich tun kann“ – das sagte nicht John F. Kennedy, sondern mein Kollege Michael Ebert, Co-Chefredakteur von NEON. Der Journalismus braucht nicht nur „Sendungsbewusstsein“, sondern auch „Empfangsbewusstsein“.

Bei der ZEIT haben wir letztes Jahr zu Ostern eine neue Seite eingeführt, die „ZEIT der Leser“. Es ist der Versuch, das enorme Kapital unserer Leser zu heben und damit auch anzuerkennen, dass sehr viel interessanter Content von den Nutzern geschaffen wird. Die neue Seite ist ein Forum für alle Leser, die kreativ sein oder einfach nur ihren Ärger los werden wollen. Und die Resonanz ist enorm! Mit den Bildern und Texten, die uns erreicht haben, hätten wir eine ganze Zeitung füllen können.

Journalisten und Verleger müssen ihre Leser besser kennenlernen, vielleicht so gar lernen, sie überhaupt
wahrzunehmen. Eins ist dabei aber unerlässlich: Niemals dürfen wir die Grenze zwischen Profis und Laien, zwischen Autoren und Lesern verwischen. Womit wir auch schon beim nächsten Gebot wären:

Viertes Gebot: Du sollst mit deinen Lesern kommunizieren, ohne dich mit ihnen gemein zu machen.

Ihre Kunden verlangen von Ihnen völlig zu Recht Fachkompetenz und professionelles Knowhow – und ich glaube, dass es auch hier eine Parallele zur Zeitungsbranche gibt: Auch die Autorität und Glaubwürdigkeit von Journalisten hängt davon ab, ob sie dem Leser das Gefühl vermitteln können: Die wissen mehr als ich und sind mindestens genauso gebildet und anspruchsvoll. Wenn dem Leser dagegen der Verdacht kommt: Die da schreiben, sind Laien wie ich und wollen nur alles besser wissen, dann wird er sich schnell abwenden. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie die ZEIT, bei der früher die schöne Regel galt: Baue in jeden Leitartikel ein Wort ein, das der Leser auf jeden Fall im Lexikon nachschlagen muss, sonst hat er nicht das Gefühl, etwas Wertvolles zu lesen!

Inzwischen redigiere ich solche Wörter immer raus. Es geht nicht um intellektuellen Dünkel, sondern darum, bestimmte Qualitätsstandards einzuhalten. Wenn Medien auch künftig ihre Aufgabe als vierte Gewalt, als Ratgeber oder auch als Hort der Kultur wahrnehmen wollen, dann bestimmt nicht dadurch, dass sie Wissensvermittlung und Meinungsbildung an ihre User delegieren. Für professionelle Journalisten müssen vielmehr klare berufliche Standards gelten: Sie müssen sorgfältig recherchieren, ihre Quellen nennen, falsifizierbare Thesen liefern und ein gewisses sprachliches Niveau erreichen.

Fünftes Gebot: Du sollst Deine Leser ernst nehmen.

Natürlich ist die größere Volatilität in der Mediennutzung, sind die Möglichkeiten, schneller und nahezu grenzenlos zu interagieren, zunächst einmal ein Fortschritt. Sie erlauben uns – jedenfalls oft – einen unverstellten Blick auf unsere Leser und Kunden. Die größte Krankheit der Print-Branche ist ihre Selbstbezogenheit! Dennoch sei jeder gewarnt, der das Internet jetzt uneingeschränkt als Demokratisierungsmedium ausruft. Denn gerade in der Web-Community greift mittlerweile eine elitäre Selbstbezogenheit um sich. Sie verfällt in ihren eigenen Jargon und lässt eine Geringschätzung gegenüber allen erkennen, die nicht dazugehören – vor allem gegenüber den Printmedien und deren Lesern. Ich sage das gerade auch mit Blick auf ein Phänomen, das sich vor allem bei vielen Regionalzeitungen in Deutschland beobachten lässt. Ich hatte ja selbst viele Jahre lang die Ehre, eine Regionalzeitung zu leiten, der ich nach wie vor als Herausgeber von Herzen verbunden bin. Doch gerade wenn man Regionalzeitungen schätzt, schmerzt einen die Beobachtung besonders, dass viele von ihnen einander immer mehr zum Verwechseln ähneln. Sie haben angeblich »kostenintensive« Ressorts wie Außenpolitik, Innenpolitik, Kultur und Reportage reduziert. In einem Teil unserer Zeitungen steht einfach nicht mehr so viel drin, was sich wirklich zu lesen lohnte – und ich halte das für eine gefährliche Entwicklung.

Es sind nicht etwa betriebswirtschaftliche Details, die mich dabei in erster Linie beschäftigen; es geht mir um etwas anderes:

Wir erleben seit einigen Jahren einen beunruhigenden Vertrauensverlust gegenüber allen Institutionen. Staat, Kirchen und Verbände werden immer weniger geachtet. Meine Sorge ist, dass dieses Misstrauen auch auf die Verlage übergreift, die doch eigentlich Anwälte des Bürgers und auch Bildungsinstanzen sein sollten. Wer seine Leser aber nicht mehr als Bürger oder Bildungshungrige betrachtet, sondern als Kunden und Verbraucher, der darf sich am Ende nicht wundern, wenn Zeitungen und Zeitschriften ihr Gesicht verlieren. Anders gesagt: Wer seine Leser nicht ernst nimmt und für dumm verkaufen will, droht sie ans Internet zu verlieren. Wir müssen uns deshalb fragen, ob wir die Qualität, die es in unserer Branche gibt, auch selbst noch zu schätzen wissen. Ist unsere Berichterstattung kritisch genug, genau genug, antikonformistisch genug? Ich glaube, dass das nach wie vor die entscheidenden Fragen sind.

Sechstes Gebot: Du sollst die Zeit des Umbruchs nutzen, um möglichst viele Formate und Themen auszuprobieren.

Wer versucht, das Internet zu kopieren, der hat schon verloren. Der alte Werbeslogan „Don’t imitate. Innovate!“ gilt für die Printbranche mehr denn je. Wir haben bei der ZEIT letztes Jahr nicht nur die neue Leserseite eingeführt, von der ich bereits sprach, sondern auch zwei neue Ressorts: das eine heißt „Glauben und Zweifeln“ und ist eine Antwort auf das große Interesse an religiösen und ethischen Fragen. Vermutlich bewegt die Menschen heute nichts mehr als die Frage, nach welchen Werten sich Familie und Gesellschaft richten wollen. Das zweite neue Ressorts heißt „Geschichte“ und soll dem starken Bedürfnis nach historischer Reflektion Rechnung tragen.

Neue Formate, neue Themen und Serien kann man im Blatt oder in einem Verlagssortiment selbst ausprobieren, und zwar ausdrücklich auch auf die Gefahr hin, dass etwas mal nicht funktioniert und man es nach einer Probezeit wieder einstellen muss. Heute, in Zeiten nie dagewesenen Umbruchs, ist es jedenfalls an der Zeit, etwas Neues zu wagen, statt in Angststarre zu verfallen. Ich nenne diese Strategie, in Anlehnung an den Militärjargon, „flexible response“.

Siebtes Gebot: Du sollst flexibel sein, aber dich nicht irre machen lassen.

Vielleicht kennen Sie das auch: Immer wenn die Zahlen schlecht sind, wenn die Auflage sinkt und die Werbe-Erlöse einbrechen, schlägt die Stunde jener Schlaumeier, die noch nie eine originelle Idee riskiert haben. Dann kommen zum Beispiel welche und sagen: Die Zeitungen boulevardesker werden! Oder andere, die behaupten: Wenn wir alles so wie früher machen würden, dann hätten wir keine Probleme! Einwände sind natürlich zwecklos. Denn es gilt: Sind die Zeiten schlecht, haben alle recht. Die Besonnenen haben dann alle Mühe, das einmal als richtig Erkannte zu verteidigen, damit es nicht kopflos und überstürzt zur Disposition gestellt wird. Denn solche Sprunghaftigkeit verwässert die Marke und vergrault am Ende jene, die man gerade für sich gewonnen hat.

Achtes Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten.

Sie haben richtig gehört: In diesem Fall gilt das biblische achte Gebot wortwörtlich auch für Verleger und Journalisten. Denn das wichtigste Kapital eines jeden Mediums heißt: Glaubwürdigkeit. Noch gehört ein Satz wie »Das habe ich in der Zeitung gelesen« zur Alltagssprache, noch hat der Brockhaus einen besseren Namen als Wikipedia, und noch haben Bücher eine größere Autorität als Blogs.

Leider kommt es einem aber manchmal so vor, als würden wir Print-Menschen alles daransetzen, um diesen Vertrauensvorschuss zu verspielen. Zum Beispiel dann, wenn Journalisten Meldungen aufbauschen, die niemanden schlauer machen, sondern die Menschen verwirren – ich erinnere nur an die Berichterstattung über die Schweinegrippe. Oder wenn manche Kollegen die Intimsphäre von Politikern und Prominenten schamlos missachten. Zudem sind Journalisten versucht, gewisse Stimmungen zu bedienen, um einen billigen Effekt zu erzielen. Oft sind es dann dieselben, die anschließend in Leitartikeln über Politikverdrossenheit klagen.

Nie gab es in Deutschland mehr Medien als heute, nie waren sie freier. Und doch haben sie einen fatalen Hang, sich an die Spitze der Nörgler und Herumhacker zu stellen, weil sie sich davon noch am ehesten das Interesse ihrer Leser und Zuschauer für Politik versprechen, die ansonsten der Parteipolitik müde sind. Außerdem frönen sie einer paradoxen Leidenschaft zum Gleichklang: Gerade Journalisten neigen dazu, zu jedem Trend gleich den Gegentrend auszurufen, zu jeder These die Antithese.

Das, was gestern als richtig galt, soll heute plötzlich falsch sein. Wankelmütigkeit und Fehleranfälligkeit irritieren die Menschen, und sie führt dazu, dass Zeitungen an Autorität einbüßen. Deshalb sage ich: Printmedien müssen heute mehr denn je Orientierungsmedien sein. Die Welt ist nicht nur atemraubend schnell geworden ist, sondern auch – trotz aller vermeintlichen Transparenz – undurchschaubar. Von der Schnelligkeit profitieren die elektronischen Medien, die in Blitzgeschwindigkeit über den Terroranschlag in Afghanistan, den Tsunami in Japan oder den Stand der Kämpfe in Libyen berichten können. Von der Komplexität aber profitiert die Printbranche – wenn sie verantwortungsbewusst mit ihr umgeht.

Neuntes Gebot: Du sollst dich auf die Stärken besinnen, die dir gegeben sind.

Ich informiere mich regelmäßig darüber, wie oft die Artikel aus der Print-Ausgabe der ZEIT, die wir auch online gestellt haben, angeklickt werden. Wenn ein Artikel ganz besonders gut abschneidet, erreicht er ein paar tausend Klicks. Dabei wissen wir noch nichts darüber, ob ein Klick auch bedeutet, dass der Artikel bis zum Schluss gelesen wird.

Nehmen wir zum Vergleich einen durchschnittlichen Leitartikel der ZEIT. Vor nicht allzu langer Zeit wurden diese ausführlichen Meinungsbeiträge auf der ersten Seite der gedruckten Ausgabe gerne als »Grabplatten« verspottet. Aber diese Grabplatten erreichen im Schnitt immerhin eine durchschnittliche Lesequote von 30 bis 60 Prozent, und das bei einer Auflage von rund 500.000 Exemplaren und knapp zwei Millionen Lesern. Wohlgemerkt: Das bedeutet, dass zumindest jeder dritte Leser diese Artikel von der ersten bis zur letzten Zeile durchliest.

Diese Stärke von Print wird heute viel zu wenig herausgestellt: die Fähigkeit, den öffentlichen Diskurs zu organisieren. Jürgen Habermas hat das einmal so formuliert: »Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus, den uns das Internet beschert, wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt. In diesem Medium verlieren die Beiträge von Intellektuellen die Kraft, einen Fokus zu bilden.« Zeitungen bringen so im besten Falle Autoren heraus und lösen Debatten aus, die über den Tag hinaus Relevanz haben. Sie tragen damit auch zur normativen Selbstverständigung einer Gesellschaft bei – anders als das Internet, dieser Fluss ohne Ufer.

Zehntes Gebot: Du sollst ruhig um neue Leser werben, aber niemals die Stammleser vernachlässigen.

Zum Glück gibt es sie ja noch, die Stammleser. Diejenigen, die regelmäßig Bücher kaufen und sie sich sogar ins Wohnzimmerregal stellen. Und diejenigen, die eine Zeitung abonniert haben. Diese Stammleser dürfen wir nicht dadurch vergraulen, dass wir einem diffusen „Zeitgeist“ hinterherlaufen.

Knappere Texte, kürzere Sätze, weniger Politik – diesen Imperativen vieler so genannter Medienexperten haben wir uns bei der ZEIT stets verweigert. Und die Auflage, aber auch die Umfrageergebnisse geben uns recht: Unsere Leser wünschen sich keine kürzeren Artikel, sie legen vor allem Wert auf Tiefe und Qualität.

Eine zweites Vorurteil besagt, dass junge Leute heute nicht mehr lesen und sich nur noch für die Zahl ihrer Facebook-Freunde interessierten. Auch das ist mir viel zu pauschal, und bei der ZEIT machen wir tatsächlich eine ganz andere Erfahrung: Die meisten unserer Neuabonnenten kommen aus der Gruppe der Zwanzig- bis Dreißigjährigen. Das ist doch ein sehr ermutigendes Signal! Dabei stimmt es natürlich, dass junge Menschen heute generell weniger Bücher und Zeitungen lesen als früher. Deshalb müssen wir uns auf diejenigen konzentrieren, die noch lesen, und nicht denen hinterherlaufen, die wir eh nicht mehr erreichen.

Meine Damen und Herren, was geschah, als Mose dem Volk die zehn Gebote verkündet hatte? Ich lese Ihnen zum Schluss einfach mal vor, was in der Bibel steht. Dabei habe ich mir lediglich erlaubt, das Wort »Gott« durch das Wort »Internet« zu ersetzen. Hören Sie selbst:

»Das ganze Volk erlebte, wie es donnerte und blitzte, wie Hörner erklangen und der Berg rauchte. Da bekam das Volk Angst, es zitterte und hielt sich in der Ferne. Sie sagten zu Mose: Rede du mit uns, dann wollen wir hören. Das Internet soll nicht mit uns reden, sonst sterben wir.

Da sagte Mose zum Volk: Fürchtet Euch nicht! Das Internet ist gekommen, um euch auf die Probe zu stellen. Die Furcht vor ihm soll über euch kommen, damit ihr nicht sündigt.

Das Volk hielt sich in der Ferne und Mose näherte sich der dunklen Wolke, in der das Internet war.«

Und Mose sprach: Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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