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01/12 | Zitate: Springer-Chef Döpfner sieht Internet als Freiheitsbedrohung und -chance / „Zeit“-Gründer Tüngel war dabei, als die „Times“ noch geraucht statt gelesen wurde



Mathias Döpfner: „Die digitale Welt ist janusköpfig“

Buchauszug:

„Als weitere Freiheitsbedrohung erweist sich die totale Transparenz im Internet: Die Errungenschaften der digitalen Revolution des World Wide Web, Suchmaschinen, soziale Netzwerke sind eigentlich große Verbündete der Freiheit. Der antiautoritäre Charakter, die niedrigen Eintrittshürden – jeder kann jedem jede Information jederzeit zur Verfügung stellen – stärken Meinungsfreiheit, Informationsvielfalt und Transparenz. Die Schattenseite: Datenschutz und Privatsphäre sind de facto abgeschafft. Von der Kreditkartennummer über Konsumgewohnheiten bis zu höchst privaten Hobbys wird fast alles beobachtet, überwacht und gespeichert. Insbesondere in den Händen unfreier politischer Systeme kann das Internet leicht als hypereffiziente Geheimpolizei und Spitzelinstanz missbraucht werden.

Neben Schwarmintelligenz befördert die Beschleunigungs- und Verstärkungsmaschine Internet auch die Schwarmdummheit, das virtuelle Ressentiment. Immer mehr rechts- und linksradikale, rassistische, antisemitische Dumpfheit und Hysterie drängen ins Netz. Unfälle werden zu Katastrophen, und Katastrophen werden zu seriellen Apokalypsen – was auf die Dauer nicht zur Sensibilisierung, sondern zur Abstumpfung des Publikums beiträgt. Die Möglichkeit, Kommentare abzugeben, die Basisdemokratie der Blogs oder Postings sind Segen und Fluch. Kontrolliert man sie, rufen die einen Zensur, kontrolliert man sie nicht, rufen die anderen Volksverhetzung. Das Netz ist Freiheitschance und Freiheitsbedrohung zugleich. Die digitale Welt ist janusköpfig.“

Dr. Mathias Döpfner, seit 2002 Vorsitzender des Vorstands der Axel Springer AG, in seinem Buch „Die Freiheitsfalle“ (2011 bei Propyläen, Berlin)


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Richard Tüngel über die Zeit, als die Menschen noch Zeitungen vor allem wegen des Papiers kauften

Buchauszug:

„’Die Zeit‘ war die erste deutsche Zeitung, die nach dem Kriege in Hamburg herauskam. Außer ihr gab es nur ein monatlich erscheinendes Gewerkschaftsblatt. Sobald sich nun die Nachricht verbreitete, es werde demnächst eine deutsche Wochenzeitung geben, die bei Broschek gedruckt werden sollte, und man könne sie ab Montag abonnieren, gerieten wir in eine nicht geringe Gefahr. Als ich am Montagvormittag zur Redaktion ging, stand eine Menge in Viererreihen vom Gänsemarkt an über die Königstraße, die Großen Bleichen hinauf bis zum Broschek-Haus. Sofort sah ich, wer sich hier angefunden hatte. Es waren fast alles Ladeninhaber, vor allem Fisch- und Gemüseverkäufer, die Einwickelpapier brauchten. Ich stoppte sofort das Abonnement. Es wurde ein Schild herausgehängt, auf dem stand, dass nur noch schriftlich vorgebrachte Wünsche berücksichtigt werden könnten. Hätte ich dies nicht spontan angeordnet, wären die 25 000 Exemplare, die uns die Engländer für den Anfang zugebilligt hatte, zum allergrößten Teil falsch verwendet worden.

Durch diese Erfahrung kam Ewald Schmidt di Simoni auf eine ausgezeichnete Idee. Er erbot sich der Besatzungsbehörde gegenüber, englische Zeitungen einzuführen und ihren Vertrieb für Deutschland zu organisieren. Binnen kurzem hatten wir dadurch die deutsche Auflage des ‚Manchester Guardian‘ auf 150 000 Exemplare täglich gebracht und ‚Daily Express‘ sowie ‚Daily Telegraph‘ stiegen bis nahezu auf 50 000. Da wir an jedem Stück durch unseren Vertrieb verdienten, war dies ein vorzügliches Geschäft. Die Engländer ihrerseits waren außerordentlich stolz. Sie mussten zwar das Papier mit kanadischen Dollars bezahlen und erhielten nur deutsche Sperrmark; aber wie erfreut waren sie, dass die Deutschen sich als so gelehrige Schüler ihrer re-education erwiesen! Es dauerte eine ziemliche Zeit, bis sie dahinter kamen, dass ihre Zeitungen in erster Linie als Einwickelpapier gekauft wurden. Besonders begehrt war übrigens die Luftpostausgabe der ‚Times‘, weil man das feine Reispapier, auf dem sie gedruckt war, sehr gut benutzen konnte, um mit seiner Hilfe aus Kippen Zigaretten zu drehen.“

Richard Tüngel (1893-1970) in seinem Buch „Auf dem Bauche sollst du kriechen… Deutschland unter den Besatzungsmächten“ (1958 im Christian Wegner Verlag, Hamburg). Tüngel erhielt am 14. Februar 1946 gemeinsam mit Dr. Gerd Bucerius (1906-1995), Dr. Lovis H. Lorenz (1898-1970) und Ewald Schmidt di Simoni (1898-1980) die Lizenz für „Die Zeit“ und war von 1946 bis 1955 deren Chefredakteur.


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Media Tribune QuizMedia Tribune-Quiz: Welche der folgenden Verlegerfamilien stellte bislang die meisten Aufsichtsmitglieder?
a) Jahr (Gruner + Jahr)
b) Mohn (Bertelsmann)
c) Springer (Axel Springer


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b) Mohn

Insgesamt fünf Mitglieder der heiligen Familie saßen oder sitzen im Aufsichtsrat von Bertelsmann: Die Brüder Siegbert (1.7.1971–30.6.1976) und Reinhard Mohn (1.7.1981–4.7.1991), dessen zweite Ehefrau Liz (seit 5.7.2001) sowie deren Kinder Christoph (seit 15.11.2006) und Brigitte Mohn (seit 1.1.2008).


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