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Ringier zwischen Masse, Markt und Macht



In mehr als zehn Ländern in Europa und Asien ist das Schweizer Medienunternehmen Ringier mit Druckereien, Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Programmen sowie Web- und Mobile-Plattformen präsent, hält Beteiligungen an über 60 Unternehmen, beschäftigt über 8.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gibt insgesamt mehr als 90 Publikationen heraus und generiert einen Konzernumsatz von 1,5 Milliarden Franken (1,2 Milliarden Euro). Aus der Zofiner Provinzdruckerei des Jahres 1833 ist das größte private Medienunternehmen der Schweiz geworden. Doch der Aufstieg verlief keineswegs kontinuierlich. „Wenn es etwas in dieser Firma wohl nie wirklich gegeben hat, so ist es Stetigkeit“, sagte Michael Ringier in seiner Rede Anfang 2008 anlässlich des 175. Geburtstages des Familienunternehmens, das er nun in fünfter Generation führt. Beispielloser Erfolg, aber auch kapitale Pleiten, Skandale und Affären zeichnen den Weg des Konzerns. Peter Meier und Thomas Häussler liefern mit ihrem Buch „Zwischen Masse, Markt und Macht. Das Medienunternehmen Ringier im Wandel (1833-2009)“ eine umfassende, kritische Analyse dieser wechselvollen Firmenhistorie. In zwei Bänden und auf insgesamt rund 1.000 Seiten geben sie einen Einblick in die Schweizer Medien- und Zeitgeschichte, die viele interessante Verzahnungen mit der deutschen aufweist.

Ringier zwischen Masse, Markt und MachtDie Darstellung gliedert sich in sechs chronologische Abschnitte, für die zentrale Zäsuren der Unternehmensentwicklung maßgebend sind: 1) Die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte der beiden ersten Unternehmergenerationen, in denen die Druckerei ihren kleingewerblichen Charakter wie ihre lokale Bedeutung behielt (1833-1898). 2) Die erste Phase der Ära Paul Ringier von 1898 bis 1932, die durch die überregionale Expansion charakterisiert war und den Aufstieg zur international renommierten Druckerei und zum führenden Verlagshaus der Schweiz zur Folge hatte. 3) Die Holdinggründung und Umstrukturierung im Jahr 1932 als Grundlage für die weitere Expansion in der zweiten Phase der Ära Paul Ringier (er starb 1960, und es übernahm Heinrich Brunner die operative Leitung) und in den Jahren des Wirtschaftsbooms nach dem II. Weltkrieg. 4) 1972 bis 1983 steht unter dem Zeichen eines radikalen Neubeginns unter Paul Ringiers Sohn Hans und dem Brunner-Nachfolger Heinrich Oswald. In diese Periode fielen unter anderem die Übernahme der C. J. Bucher AG sowie die Expansion im Druckbereich nach Amerika. 5) Nach Oswalds Rückzug 1983 und dem kurzen Interregnum Peter Schneebergers 1984 übernahmen Hans Ringiers Söhne Christoph und Michael. Diese Entwicklungsperiode (bis 1991) war geprägt von einer zunehmend gleichberechtigten Expansionspolitik im Druck- und Verlagsbereich, die die Unternehmensentwicklung zu blockieren drohte. 6) Der darauf zurückzuführende Rückzug Christoph Ringiers markierte 1992 die zentrale Zäsur in der jüngsten Periode der Firmengeschichte (bis 2009), in der mehr und mehr die Digitalisierung eine Rolle spielt.

Ringier zwischen Masse, Markt und Macht

Thomas Häussler

Nicht mehr ins Buch geschafft hat es die im März 2010 beschlossene und mittlerweile vollzogene Gründung einer gemeinsamen Holding-Aktiengesellschaft für Osteuropa zwischen Ringier dem deutschen Medienhaus Axel Springer, an der beide Unternehmen zu je 50 Prozent beteiligt sind. Die Axel Springer AG leistete in das Joint Venture eine Bareinlage in Höhe von 50 Millionen Euro und zahlte zudem rund 125 Millionen Euro Ausgleich an Ringier. In dieser Holding, die 2013 oder 2014 an die Börse gehen soll, sind die Osteuropa-Aktivitäten der beiden Konzerne gebündelt. Springer brachte das Geschäft seiner Tochtergesellschaften in Polen, Tschechien und Ungarn ein, Ringier sein Geschäft in Serbien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn.

Überhaupt pflegten die beiden Medienkonzerne über viele Jahre einen besonders lebhaften Austausch, wie das Buch von Peter Meier und Thomas Häussler dokumentiert. So holte sich Ringier beispielsweise Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre für den Titel „Blick“ Boulevard-Know-how von Springers „Bild“. Heinrich Brunner traf dazu mit Springer-Generaldirektor und Verlagsmanager Christian Kracht eine informelle Abmachung: Einerseits konnte sich das technische Schweizer Personal in Hamburg weiterbilden, andererseits wollten die beiden Medienhäuser „zwischen den Redaktionen ‚Bild’ und ‚Blick’ einen Gedankenaustausch pflegen“, der bei Bedarf auch einen Personalaustausch umfasste. Brunner kam auch häufig mit Axel Springer zusammen, etwa wenn dieser im Schweizer Rougemont ab Gstaad weilte, wo er sich 1967/68 ein prächtiges Chalet hatte bauen lassen. Eine Folge: 1971 nahm Springer Brunner mit ins Boot, als er gemeinsam mit der Atelierbetriebsgesellschaft Studio Hamburg sowie 15 bundesdeutschen Zeitungsverlegern die Allmedia Fernseh-Allianz Produktions GmbH & Co. ins Leben rief. Auch der damalige Springer-Vorstandsvorsitzende Peter Tamm und Heinrich Oswald, die sich 1972 kennenlernten, pflegten engen Kontakt und strebten eine vermehrte schweizerisch-deutsche Kooperation an. Tamm lieh Ringier zum Beispiel den Springer-Berater Jürgen Juckel für drei Jahre „aus“, der dann zu Oswalds wichtigstem publizistischem Ratgeber avancierte.

Ringier zwischen Masse, Markt und Macht

Peter Meier

Die heutige Osteuropa-Connection knüpft ebenfalls an die Vergangenheit an: 1994 verfügte Ringier in dieser Region über 36 Zeitungen und Zeitschriften, die zusammen eine Auflage von rund 400 Millionen Exemplaren erreichten. 1996 wurde Springer-Aktionär Leo Kirch Ringiers Partner in der Tschechischen und der Slowakischen Republik – zusammen gründeten sie als Joint Venture die Ringier Taurus B. V. mit Sitz in Amsterdam, an der Ringier 51 und die Kirch Media Group 49 Prozent hielten. Zwei Jahre später verkaufte Kirch seine Anteile an den Axel Springer Verlag, der bisher primär in Ungarn und Polen agiert hatte und sein Engagement damit ausweitete.

Im Jahre 2002 wurde sogar die Option diskutiert, Springer und Ringier komplett unter einem Dach zu vereinen. Grund war ebenfalls Kirch, dessen Imperium in finanzielle Nöte geraten war. Die WAZ-Gruppe hatte Interesse gezeigt, den 40-Prozent-Anteil, den Kirch an Springer hielt, zu erwerben. Das wollte aber Verleger-Witwe und Großaktionärin Friede Springer nicht. Also sollte der Ringier-Verlag als weißer Ritter in die Bresche springen. Weil aber der Kaufpreis von 700 bis 900 Millionen Euro nicht einfach von Ringier zu stemmen gewesen wäre, sollte erst Springer Ringier übernehmen und Ringier mit dem Geld dann die Springer-Aktien erwerben. Obwohl Ringier weiterhin die „verlegerische Hoheit“ über seine Titel behalten sollte, kam der Deal letztlich aber nicht zustande – wohl auch wegen des öffentlichen Drucks. Schweizer Medien und Politiker hatten sich dagegen stark gemacht, weil sie befürchteten, dass Ringier über kurz oder lang seine Eigenständigkeit verlieren würde. Stattdessen ging Kirchs Aktienpaket erst zur Deutschen Bank, dann ein Teil davon an Friede Springer, die sich dadurch die Mehrheit sicherte.

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